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Harley-Davidson Softail Slim: Großartiges Fahrgefühl und satter Sound.

Test: Harley-Davidson Softail Slim Retro-Feeling auf der Harley Softail Slim

Die Welt schien in Ordnung. Eine 400 Kilometer lange Testfahrt mit der Harley-Davidson Softail Slim lag hinter und der Feierabend vor mir. Welch ein wunderbares Retro-Bike, was für ein großartiges Fahrgefühl. Doch dann geschah etwas Unvorhersehbares…...

Es war an einem Dienstag, kurz nach 17 Uhr, und gedanklich war mein Text über das neueste Eisengebirge aus dem Hause Harley schon fertig: Mit der Softail Slim haben die US-Boys einen Volltreffer gelandet. Das Ding sieht nicht nur so aus, als wäre es einem alten Schwarz-Weiß-Film entsprungen. Es transportiert auch ein solches Gefühl. Das gute alte Zeitgefühl eben, als selbst die Zukunft noch besser war. Wobei ich an dieser Stelle nicht behaupten will, dass Slim fahren allein glücklich macht. Aber es kann abhängig machen.

Dafür gibt es gute Gründe. Beispielsweise ist die Slim dasultimative Mit-dem-Bier-davor-steh-Bike. Egal ob Starkregen oder Bullenhitze - du kommst raus und Ehrfurcht zwingt dir eine Gedenkminute auf. Oder fünf. Abends überlegt man ernsthaft, eine Schlafmatte neben ihr auszurollen. Selten war eine Harley zeitloser. Reite auf ihr durch die 1940er oder schieß dich 50 Jahre weiter in die Zukunft. Immer bist du up to date. Das haben die Designer pfiffig arrangiert: dicker Vorderreifen, riesiger Scheinwerfer, Trittbretter, tiefer, zierlicher Sitz, schmales Heck, Hollywood-Lenker. Was ein Lenker mit Hollywood zu tun hat? In den 40ern hatten sich ein paar Freaks eine Mittelstrebe am Lenker montiert, um zusätzliche Scheinwerfer anzubringen. So wirkten ihre Bikes glamouröser. Glamour - Hollywood. Ganz einfach.

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Foto: jkuenstle.de
Harley-Davidson Softail Slim: Gigantischer Rundscheinwerfer, der so aussieht als hätten sie ihn gerade von einem Traktor abgeschaubt.
Harley-Davidson Softail Slim: Gigantischer Rundscheinwerfer, der so aussieht als hätten sie ihn gerade von einem Traktor abgeschaubt.

Ein weiterer Pluspunkt der Slim: Informationsflut, Überholspur, Hektik - alles ist vergessen, wenn man auf diesem Motorrad sitzt. Denn irgendwie ist die Kiste Inbegriff von Gelassenheit und das Gegenteil dieser Dinge. Ihr karges, warziges, aus dem Tank wucherndes Rundinstrument offeriert alles andere als eine Informationsflut, sehr früh aufsetzende Trittbretter und die fast schon phlegmatische Gelassenheit des 1690 Kubik dicken V2 haben eine ähnlich beruhigende Wirkung wie Baldrian.

Warum man das so sagen darf? Die Antriebe einiger Mitbewerber wie Victory oder Yamaha beispielsweise sind deutlich kräftiger. Und warum das trotzdem egal ist: weil eine Zeitmaschine sich nicht über PS-Wahn definiert. Harleys aktuellster luftgekühlter Antrieb, Verkaufsbezeichnung TwinCam 103B, basiert auf dem im Jahr 2000 bei den Softail-Modellen eingeführten V2, der damals noch mit 1449 Kubik auskam. Auf seiner aktuellen Setcard stehen heute 79 PS bei 5250/min, 132 Nm bei 3250/min und zwei vibrationsmindernde Ausgleichswellen. Das ist wunderbar. Denn es reicht vollkommen. Für 190 km/h Höchstgeschwindigkeit. Oder auch für angemessene Beschleunigungen aus dem Stand: Wer’s drauf anlegt, beschleunigt mit der Slim auf 100 km/h aus dem Stand heraus schneller als 97 Prozent aller Bürgerkäfige. Dabei hängt der Motor wunderbar am Gas, Lastwechselreaktionen fallen vor allem durch den bewährten Zahnriemenantrieb angenehm sanft aus. Das Elementarste jedoch ist das massierende Pulsieren der Kolben, der kräftige Herzschlag des V2. Er überträgt sich aufden Fahrer. Und das macht glücklich.

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Foto: jkuenstle.de
Harley-Davidson Softail Slim: Der Fahrer hockt nur 650 Milimeter über dem Boden.
Harley-Davidson Softail Slim: Der Fahrer hockt nur 650 Milimeter über dem Boden.

Richtig was zu meckern gibt’s kaum. Aber das will ich nicht vorenthalten: Der schmale Sattel saugt bei Regen die Nässe auf und gibt sie sporadisch weiter. Feuchte Hose programmiert. Die Leerlauffindung ist mitunter anstrengend, was vielleicht auch mit der umgelenkten Schaltmimik zu tun hat. Und aus optischen Gründen hat man vorn auf eine Doppelscheibe verzichtet. So verlangt der 319 Kilo schwere Brocken beim Bremsen ordentlich Zug am Bremshebel. Wer trotzdem überbremst, kann sich auf die Unterstützung des serienmäßig vorhandenen ABS verlassen. Auch ist die Sitzposition auf Dauer etwas anstrengend. Denn der Oberkörper wird leicht über den Tank gezogen, und gegen Fahrtwind kann man sich durch die
leicht vorverlegten Fußrasten auch nicht schützen. Doch ansonsten...

…Alles super, völlig retro, völlig zeitlos. So muss man es schreiben. Dachte ich. Und parkte vor dem Café der Bike Schmiede Süd. Auf dem Parkplatz tummelten sich Harleys aller Baujahre. Angesichts dieser Schätze keimte die Frage in mir, wie
viel Retro-Feeling so eine Softail Slim im direkten Vergleich mit einem Alteisen wohl noch verschenken würde. "Kein Problem", sagte Bodo Hayen, Boss der Bike Schmiede Süd. "Fahr einfach mal."

Foto: jkuenstle.de
Harley-Davidson Softail Slim: Bodo Hayen und Robert Triebe von der Bike Schmiede Süd: „Du willst unverfälschtes Retro-Feeling? Dann fahr die hier mal!“
Harley-Davidson Softail Slim: Bodo Hayen und Robert Triebe von der Bike Schmiede Süd: „Du willst unverfälschtes Retro-Feeling? Dann fahr die hier mal!“

Um 17.23 Uhr saß ich im Sattel einer leicht modifizierten 1978er-Hydra-Glide, die sich optisch nicht sehr stark von der Slim unterschied. Technisch dagegen schon: Shovelhead-Motor, rund 1200 Kubik. Kickstarter? Klar, an Bord. Doch der E-Starter war verlässlich. Sound. Ja, genau! Die Lebensäußerungen des 34 Jahre älteren Shovelhead-Antriebs durften sich getrost Sound nennen. Mechanisch, bassig, dumpf. Charakterstark. Die neue Slim klang dagegen sehr verhalten. Sagen wir lieber zugeschnürt. Muss sie aufgrund der neuesten Geräuschbestimmungen leider. Auch schnüffelte die Glide herrlich durch Luftfilter und Vergaser - ein Geräusch, heutzutage völlig artfremd. Einspritzdüsen sind bar jeglicher Magie. Und dann diese Mechanik, von der du auf einer mit modernem Evolution-Motor kaum noch was mitbekommst. Während dir die Bauteile des Shovelheads jederzeit zuflüstern, was sie gerade tun - ventilen, getriebeln, kurbelwellen oder kuppeln - kommt der neuzeitliche Antrieb fast schon wie in Watte gepackt daher. Trotzdem: Dieser Punkt ging an den dicken 103-Kubik-inch-Antrieb, dessen massierendes Pulsieren einfach mehr Gelassenheit auf den Fahrer überträgt. Was mich wunderte: Die Kupplungsbetätigung war bei der alten Maschine leichtgängiger, die Schaltung präziser und die Schräglagenfreiheit trotz der Trittbretter sogar etwas größer. Nur die Bremsen … na ja, lassen wir das. Und kommen zur Kernfrage: Wie stark ist das Retro-Gefühl auf der Slim noch, wenn man von einem echten Klassiker umsteigt?

Immer noch unverschämt hoch. Und das macht nicht nur der vergleichsweise schmale Hinterreifen, sondern vor allem auch die Aussicht, die der Fahrer genießt. Du hockst nur 650 Millimeter über dem Boden, hast jenen bumerangigen Lenker in der Hand und schaust permanent auf diesen fetten Scheinwerfer, der so aussieht, als hätten sie ihn gerade von einem alten Traktor abgeschraubt. Das hat was. Diese Aussicht in Verbindung mit den 319 Kilo - da wird man das Gefühl nicht los, mit der Slim notfalls einen Panzer durchstoßen zu können, falls der mal überraschend aus einer Seitenstraße flutscht. Sorry, Leopard.

Letztlich gibt es aber einen Punkt, um den man jede alte Harley neben ihrer optischen Gefälligkeit beneidet: den Leerlauf der Vergasermodelle. Jenes asynchrone Aufstoßen, das in einigen Fällen bis auf 600/min runtergeht und tatsächlich den Anschein erweckt, diese Antriebe würden im Wortsinn leben. Dagegen kommt einem der Herzschlag der neuen Modelle fast schon japanisch vor.

Foto: jkuenstle.de
Harley-Davidson Softail Slim: Egal ob Starkregen oder Bullenhitze - du kommst raus und Ehrfurcht zwingt dir bei diesem Anblick eine Gedenkminute auf. Oder fünf.
Harley-Davidson Softail Slim: Egal ob Starkregen oder Bullenhitze - du kommst raus und Ehrfurcht zwingt dir bei diesem Anblick eine Gedenkminute auf. Oder fünf.

Infos und Daten

Foto: Archiv

Motor
Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-45-Grad-V-Motor, Kurbelwelle querliegend, zwei Ausgleichswellen, zwei untenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, zwei Ventile pro Zylinder, Hydrostößel, Stoßstangen, Kipphebel, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, Ø 46 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 489 W, Batterie 12 V/ 19 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Zahnriemen, Sekundärübersetzung 66:32.

Bohrung x Hub: 98,4 x 111,1 mm
Hubraum: 1690 cm3
Verdichtungsverhältnis: 9,6:1
Nennleistung: 58,0 kW (79 PS) bei 5250/min
Max. Drehmoment: 132 Nm bei 3250/min

Fahrwerk
Doppelschleifenrahmen aus Stahl, Telegabel, Ø 41 mm, Dreiecksschwinge aus Stahl, zwei Federbeine, verstellbare Federbasis, Scheibenbremse vorn, Ø 292 mm, Vierkolben-Festsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 292 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, ABS.

Speichenräder mit Stahlfelgen: 3.00 x 16; 3.00 x 16
Reifen: 130/90 H 16; 140/85 H 16

Maße+Gewichte
Radstand: 1635 mm
Lenkkopfwinkel: 59,0 Grad
Nachlauf: 147 mm
Federweg v/h: 130/109 mm
Sitzhöhe: 650 mm
Gewicht vollgetankt*: 319 kg
Zuladung*: 207 kg
Tankinhalt/Reserve: 18,9/3,8 Liter

Garantie: zwei Jahre
Farben: Mattschwarz, Rot, Schwarz
Preis: 18795-18995 Euro
Nebenkosten: 350 Euro

 
* MOTORRAD-Messungen

Leistungs-Diagramm:  Leistung an der Kurbelwelle; Messungen auf dem Dynojet-Rollenprüfstand 250, korrigiert nach 95/1/EG, maximale mögliche Abweichung ± 5 %

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