Fahrbericht: RSD Desmo Tracker Desmosedici RR Umbau zum Dirt Tracker

Ein Dirt Tracker mit V-Motor? Völlig normal. Jedoch nicht, wenn es sich statt eines so häufig verwendeten Harley-V2 um einen Ducati-V4-Motor handelt und der Quertreiber vor dem Umbau eine fabrikneue Sportler-Ikone war - eine sauteure Ducati Desmosedici RR. Spinnen die Amis?

Foto: Wing

Sauerei! Echte Ducati-Fans sind fassungslos. Ist der Mann von allen roten Geistern verlassen? Der Ducati Desmosedici RR derart an die Wäsche zu gehen, ihr die Haute-Couture-Kleider vom Leib zu reißen und einen Dirt Tracker aus ihr zu machen, gleicht dem Frevel, der Mona Lisa im Pariser Louvre mit dem Filzstift ein Bärtchen und eine Brille zu verpassen. Doch Erbauer und Renn-Freak Roland Sands kann für die Entscheidung letztlich nichts, er handelte schließlich im Auftrag von Besitzer Justyn Amstutz. Und der kann, es sei ihm gegönnt, schließlich gleich drei der raren und heiß begehrten Renn-Replikas sein eigen nennen. Bei der renommierten Umbauschmiede RSD (Roland Sands Design) sollte das gewagte Projekt in besten Händen sein - Ex-Rennfahrer Sands besitzt gar selbst einen der edlen roten Renner.

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Also ran ans Werk: Die Verkleidung musste weichen, der Motor sollte original bleiben, Rahmen und Fahrwerk weitestgehend. Die Gabelbrücke zur Aufnahme der angepassten Seriengabel musste modifiziert werden, um Platz fürs 19-Zoll-Vorderrad zu schaffen und den gewünschten Lenkeinschlag von 45 Grad zu ermöglichen. Den Karbon-Hilfsrahmen ersetzte RSD durch ein filigranes Stahlrohr-Konstrukt, welches den Sitz im Flat Tracker-Stil trägt. Ein hübscher Alu-tank wurde maßgeschneidert, eine um 38 Millimeter längere Einarm-Gitterrohrschwinge als Ersatz für die Serien-Zweiarmschwinge kreiert. Grob profilierte Dunlop-Rennreifen auf selbst designten Schmiederädern sorgen für den Grip, für die Verzögerung des 168-Kilogramm-Leicht-gewichts muss vorn eine der beiden 320er-Scheiben des Basis-Bikes genügen. Dank der durchsatzfreudigen Eigenbau-Auspuffanlage leistet der V4 mit Steuergerät des Race-Kits die vollen 200 PS. Leicht angespannt erfolgt der Start zum exklusiven Ausritt: Alles beginnt mit dem entscheidenden Daumendruck aufs Knöpfchen - die Hölle bricht los.

Die grimmigen Salven des V4 donnern aus dem Auspuff-Quartett und hallen von den umliegenden Bergen zurück. Das typische Rasseln der Trockenkupplung übertönt diese Soundkulisse fast noch, untermalt vom Heulen der Stirnräder des Nockenwellenantriebs. Jeder Gasstoß erzeugt ein hohes Pfeifen, wenn der Motor gierig die frische Bergluft durch die Airbox einsaugt. Sobald die erste Stufe des rennmäßig gestuften Getriebes erst einmal eingelegt ist, die Fuhre sich in Bewegung setzt, hat der Bändiger alle Hände voll zu tun, im Sattel zu bleiben und die Räder einigermaßen schlupffrei am Boden und in der Spur zu halten. Schwärmt zumindest der Erbauer. Na denn Es ist Zeit für eigene Erfahrungen.

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Die Sitzhaltung fällt verblüffend unspektakulär aus: breiter, recht hoher, kaum gekröpfter Lenker, entspannter Beinwinkel, so lässt sich das Biest wohl gut kontrollieren. Hofft man. Doch trotz der langen Serienübersetzung, die theoretisch bis 302 km/h reichen würde, gilt: Wer garstig am Kabel zieht, erntet auch im dritten Gang lässige Leistungswheelies oder steht am Kurvenausgang schneller quer, als er fluchen kann. Tollen Grip auf Asphalt darf niemand von den Stollenschlappen erwarten, doch rubbeln sie immerhin gut kontrollierbar weg, und die Tracker lässt sich mit dem breiten Lenker prächtig abfangen und sehr präzise dirigieren. Das Handling der nur knapp 170 Kilogramm leichten Desmo? Schlicht sensationell. Frühes Schalten hilft, die extrafette Drehmomentkurve in Vortrieb umzusetzen, insbesondere auf diesen verschlungenen Bergstraßen.

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Was würde Roland Sands Kritikern entgegnen, welche die Desmo Tracker in puncto schlechten Geschmacks mit dem Ferrari-Kombi-Umbau des Sultans von Brunei vergleichen? Die Antwort kommt entschieden: „Das schert mich einen Dreck. Die Desmosedici ist kein Denkmal, kein Heiligtum. Sie ist ein Produkt. Punkt. Und wer schon die Desmo Tracker nicht mag, wird mein nächstes Ducati-Projekt erst recht ablehnen. Ein Typ bat uns, seine bereits vorbestellte Panigale zu einem Retro-Café-Racer umzubauen. Das Ding wird richtig verrückt, echt krank, und alle Hardcore-Ducati-Fans werden mich noch mehr hassen.“ Falls dies nach diesem Bike überhaupt noch möglich ist.

Foto: Wing

Technische Daten

Motor
Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, vier desmodromisch über zahnradgetriebene Nockenwellen gesteuerte Ventile pro Zylinder, Einspritzung, Ø  50 mm, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Trockenkupplung, Anti-Hopping, Sechsganggetriebe, Kette.
Bohrung x Hub 86,0 x 42,6 mm
Hubraum 989 cm³
Nennleistung 147 kW (200 PS) bei 13800/min
Max. Drehmoment 116 Nm bei 10500/min

Fahrwerk
Gitterrohrrahmen aus Stahl, voll einstellbare Up-side-down-Gabel, Ø 43 mm, Stahlrohr-Einarmschwinge, voll einstellbares Zentralfederbein, Scheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Scheibenbremse hinten, Ø 267 mm, Reifen vorn 27.0/7.0 x 19, hinten 27.5/7.5 x 19

Maße+Gewichte
Radstand 1480 mm, Lenkkopfwinkel 65,5 Grad, Gewicht vollgetankt ca. 168 kg, Tankinhalt ca. 11,5 Liter. Info: www.rolandsands.com

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