Erschienen in: 01/ 2016 MOTORRAD

Rückblick auf die KTM RC8 1190

Servus, schöne Kante

Abschiede verleiten oft dazu, in guten Erinnerungen zu schwelgen. Davon gab es bei der KTM RC8 1190 viele. Aber auch ein paar negative sind im Gedächtnis geblieben. Ein Rückblick auf das bis dato einzige Superbike der Österreicher.

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Sport und bequem - die 1190 RC8 hat es vorgemacht.

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4 Seiten Fahrbericht
aus MOTORRAD 01/2016
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Erst die 950er-Adventure, dann die 990er-Super-Duke: KTM machte Anfang des Jahrtausends Ernst beim Aufbau des Zweizylinder-Programms. Was noch fehlte? Ein Superbike. Das kam mit der KTM RC8 1190. Einzig, nicht artig wollte die immer sein. Das fällt auf, sofort. Mit den zackigen Linien von Designer Kiska erdacht, den zwischen Matttönen und Glitzereffekten wechselnden Lackflächen, hob sie sich von der Masse ab. Das galt schon für die erste Variante, die ab 2008 die Superbike-Welt betrat. Und auch heute hat sich daran nichts geändert. Es wird aber anders werden. Weil die RC8, als aktuelles Modell noch mit dem Zusatzkürzel „R“ versehen, abtritt. KTM nimmt sie aus dem Programm. Streicht den Faktor Leistungssport unter den zulassungsfähigen Straßenmotorrädern. Punkt. Ende.

So nicht. Der Autor schnappte sich noch schnell eine 2010er-RC8, um würdig Auf Wiedersehen zu sagen. Denn eines ist jetzt schon klar: Ganz gehen wird sie nie. Und das hat Gründe. Rein objektiv gesehen wollte die KTM RC8 2008 der beste Zweizylinder-Sportler sein. Der entscheidende Gegner hieß Ducati 1098. Mit gemessenen 156 PS bei 201 Kilogramm Lebendgewicht waren die Fronten pro KTM schnell geklärt. Dazu begeisterte die RC8 mit Eigenschaften, die selbst heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben. Lenkerstummel, Heckhöhe, Rasten, Fuß- und Handhebel: alles einstellbar. Genau wie das Fahrwerk. Anpassungsarbeiten gelangen völlig unkompliziert. Das Bordwerkzeug genügte. Die KTM war wie gemacht für Klein und Groß. Das wird heute wieder klar, als die Beine des nicht kurz geratenen Autors mühelos in die Tankausbuchtungen flutschen. Als die Hände die menschenwürdig platzierten Lenkerstummel greifen. Als die Füße auf den Rasten Platz finden – ohne ernsthafte Durchblutungsstörungen im Kniebereich. Sport und bequem, die KTM RC8 hat es vorgemacht. Davon könnten sich aktuelle Superbikes mehr als eine Scheibe abschneiden.

Sie serviert Power, da wo sie gebraucht wird

Neben der Ergonomie trifft das auch für die Darbietung der Motorleistung zu. Okay, der V2 der ersten RC8-Typen läuft mit 103 mm Bohrung und 69 mm Zylinderhub untenraus nicht sehr geschmeidig. Rappelt lautstark vor sich hin. Immer wieder muss die Kupplung helfen. Und nein, die Gänge flutschen nicht wirklich leichtgängig in die einzelnen Getriebestufen. Oder genauer gesagt: Beim Einlegen des ersten scheppert es gewaltig. 30 km/h sind im zweiten Gang nicht drin, 50 im dritten auch nicht. Stadtverkehr stand im Lastenheft der KTM RC8 ziemlich weit hinten. Aber dann, dann schlägt die Stunde des V2-Herzens in der KTM. Sobald nerviges Stop-and-Go hinterm Kennzeichen liegt und die erlaubte Landstraßengeschwindigkeit das zart dehnbare Limit ist, darf der 75-Grad-V-Motor endlich im Wohlfühlbereich arbeiten.

Der wartet mit ganz besonderen Tugenden auf. Der Antrieb muss auf der Suche nach Leistung nicht wie eine reife Orange für die tägliche Vitaminspritze mit aller Macht ausgequetscht werden. Die KTM RC8 serviert Power da, wo sie gebraucht wird. Strebt zwischen 4000 und 8000 Umdrehungen mustergültig nach vorn. Schiebt in diesem Bereich einen stetig wachsenden Drehmomentberg gen Hinterrad, der bei 7500 Touren mit 117 Nm das Gipfelkreuz fest in seinem Kraftmassiv verankert. Zur Erinnerung: Knapp unter 8000/min wechselt bei der aktuellen Yamaha R1 der Drehzahlmesser erst auf eine grüne Anzeige, signalisiert optisch: Jetzt bin ich für Großtaten bereit. Dann stehen im ersten Gang bereits 95 km/h auf der Uhr. Drunter gibt es nur gelangweiltes Zwangszünden im Brennraum. Die RC8 macht das genau andersrum. Ihre Leistung hat einen höheren Nutzwertcharakter. Damit stand sie rückblickend vielleicht nie ganz oben im stetig voranstrebenden Wettstreit nach mehr Leistung und mehr Speed. Wer den Zweizylinder-Hammer aber jemals gefahren ist, wusste diese Eigenschaft mehr als zu schätzen.

Standesgemäße Assistenzsysteme fehlen

Das galt auch für jeden Blick ins Motorrad, in jede versteckt Ecke. Piekfeine Schweißkunst allerorten, Rahmen und Schwinge der KTM RC8 als Verarbeitungskunstwerke. Aus elf einzelnen Stahlrohren fügt sich ihr Grundkorsett zusammen, nimmt den Motor mittragend in sich auf. Und jede Verbindung zwischen den geraden Linien ihres Rahmens ist scheinbar mit so viel Hingabe, mit dem unbedingten Willen zum Perfektionismus ausgeführt, dass nur Staunen übrig bleibt. Das kennzeichnet auch die wundervoll aus mehreren Aluteilen verschweißte Schwinge. Einfach schön, edle Machart als Anschauungsobjekt. Aber wie war das noch mit der Lobhudelei? Bitte nicht zu viel davon. Schließlich verlässt die KTM RC8 nicht grundlos die Motorradbühne. Die entscheidenden Argumente kennt wohl nur KTM-Chef Pierer. Die, welche sich als solche erweisen könnten, sind per Blick aufs bewegte Motorradleben schnell aufgezählt.

So ereilte die KTM RC8 im MOTORRAD-Dauertest (9/2011) der Stillstand gleich zweimal wegen Motordefekten, Pleuellagerschäden zwangen zum Stopp. Dazu strapazierte das Federbein hinten mit unnachgiebiger Härte. Zahlreiche Modellpflegemaßnahmen ließen die Kritik im Laufe der Baujahre verstummen. Von der fleißigen Detailarbeit profitierte besonders der Motor, der ab 2011 doppelgezündet mustergültig Dienst schob und zum kongenialen Partner des Fahrwerks wurde. Was aber bis heute und damit bis zuletzt nicht zur Ausstattung zählte, waren standesgemäße Assistenzsysteme. ABS und Traktionskontrolle? Nicht zu bekommen. Die KTM RC8 verwöhnte zwar mit viel Transparenz und sattem Grip hinten, aus der Kurve raus malte sie aber schon mal zarte schwarze Striche auf den Asphalt. Eine Traktionskontrolle hätte hier bei schlechtem Grip etwas Beruhigendes, ein ABS sowieso.

Der Uniformität die Zunge rausgestreckt

Das blieb nicht ohne Auswirkung. 2012 trat die KTM RC8 R im großen MOTORRAD-Supersportler-Megatest an (Ausgaben 11–13/2012), stellte sich den Mitbewerbern auf der Landstraße, der Rennstrecke und der Highspeed-Piste von Nardo. Und landete zumeist sehr weit hinten im Feld. Weil die anderen Superbikes in Sachen Leistung eine ordentliche Schippe nachgelegt hatten und Elektronikpakete State-of-the-Art waren. Kollege Stefan Kaschel hat es damals im Fazit zur Landstraßenwertung so zusammengefasst: „Und noch eine, der die Verweigerungshaltung die Tour vermasselt. Abseits von ABS und Traktionskontrolle ist die KTM ein tolles Motorrad.“ Stimmt. Und weil sie wirklich toll ist, lassen wir das jetzt mit dem Für und Wider, den guten und schlechten Seiten. Tauchen mit der alten KTM RC8 tief durch die Kurven, erleben, wie sich der Vorderreifen beim Reinbremsen in jeden Knick fast am Teerband festsaugt. Ohne spürbares Aufstellmoment klappt die Österreicherin in Schräglage. Hält sauber die Linie, folgt wie auf Schienen den Lenkbefehlen. Und erwacht an jedem Kurvenausgang zum forschen Leben, bläst motorisierte Freude in die Umwelt. Mechanik und Verbrennung greifen Raum, betören, ohne zu stören, stacheln an, ohne zu überfordern. Kurve folgt auf Gerade, Gerade auf Kurve. Denken im Rausch der Biegungen, fahren als intensives Erlebnis.

Und dann steigst du ab und schaust. Die Mundwinkel huschen nach oben, Freude pur. Ein gutes Motorrad überzeugt nicht nur durch seine Funktion, sondern betört auch dein Herz. Darin wird die KTM RC8 immer einen Platz haben. Sie war wohltuend anders – und bestimmt nicht ganz perfekt. Aber wenn alle nach der gleichen Perfektion streben, ergibt das schnell Uniformität. Der hat die KTM RC8 auf sympathische Art immer die Zunge rausgestreckt. Eben einzig, nicht artig.

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23.12.2015 |  Artikel drucken | Senden | Kommentar

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