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Speedbrain 450 Rally im Test Dakar-Etappen und Eiscafe-Posing

Mit der Speedbrain 450 Rally kann man bei der Dakar-Rallye Etappen gewinnen oder nur zum Posen vors Eiscafé rollen. Die bayerische Manufaktur Speedbrain baut Café-Racer der ungewöhnlichen Art: siegfähige Rallye-Maschine, die legal zugelassen werden können.

„Na dann noch gute Fahrt!“, wünscht der Wachtmeister und drückt mir mit betont seriöser Miene den Fahrzeugschein des Wüstenrenners in die Hand. Der Mann bemüht sich, keine Unsicherheit zu zeigen. Wahrscheinlich vermutet er, gerade als unfreiwilliger Hauptdarsteller in einer TV-Comedy-Serie herhalten zu müssen. Doch es gibt keine versteckte Kamera oder einen Moderator, der unseren Zwischenstopp im Straßencafé nachher als Gag bei „Verstehen Sie Spaß?“ enttarnt.

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Dakar-Etappensiege und Straßenzulassung

Denn die Speedbrain 450 Rally ist echt, die Papiere sind echt und die vier Etappensiege, die dieses Bike bei der Rallye Dakar 2013 holte, sowieso. Dennoch ist das dienstliche Interesse des Herrn in Grün nachvollziehbar. Eine renntaugliche Rallye-Maschine schlängelt sich selten durch den Stop-and-go-Verkehr einer deutschen Klein­stadt. Eine mit Straßenzulassung tat dies noch nie. Zumindest bislang.

Noch bei der vergangenen Dakar-Rallye firmierte diese Maschine unter Husqvarna TE 449RR by Speedbrain. Hinter dem sperrigen Namen verbarg sich die erfolgreiche Kooperation zwischen dem damals noch zum BMW-Konzern gehörenden italienischen Husqvarna-Werk und dem bayerischen Speedbrain-Rallye-Team. Während Husky die Motoren der Sportenduro TE 449 lieferte, war der in Stephanskirchen bei Rosenheim ansässige Sechs-Mann-Betrieb für alles Weitere zuständig.

Ob das grundlegende Fahrzeugkonzept oder die Hardware wie etwa Stahlrohrrahmen, Umlenkhebelei, Kunststoff-Rahmenheck, die aus Karbon-Kevlar-Verbund gefertigte Verkleidung sowie sämtliche Fräs- und Drehteile – alles entstand direkt bei oder im Auftrag der Crew um Mastermind Wolfgang Fischer. Zum Glück. Denn trotz des Verkaufs von Husqvarna an KTM im Februar dieses Jahres verschwindet Speedbrain nicht von der motorradsportlichen Bildfläche.

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98 Zentimeter Sitzhöhe!

Im Gegenteil. Denn gerade der Motor, der nahezu unverändert von der von 2008 bis 2010 gebauten BMW-Sportenduro G 450 X in die Husqvarna-Enduros übernommen wurde, birgt ein Alleinstellungsmerkmal: Er ist mit einer Leistung von 41 PS zulassungsfähig. Die Mehrheit aller wettbewerbsorientierten Enduros muss sich dagegen in der homologierten Version mit weniger als 10 PS begnügen und kann demzufolge mit voller Leistung nur auf abgesperrtem Terrain eingesetzt werden.

Foto: www.jkuenstle.de
Schwungvoll: 98 Zentimeter Sitzhöhe wollen mit Elan genommen werden. Nichts für Sportmuffel.
Schwungvoll: 98 Zentimeter Sitzhöhe wollen mit Elan genommen werden. Nichts für Sportmuffel.

Umso selbstbewusster drücke ich aufs Knöpfchen. Sonor, aber moderat ballert es aus dem Titan-Auspuff von Akrapovic. Ein Glück, dass es in Städten genügend Bordsteine gibt. 98 Zentimeter Sitzhöhe wollen – uff! – erst mal erklommen werden. Doch der Aufstieg hat sich gelohnt. Die schmale Sitzbank, der ultraschlanke Knieschluss und die eng nach oben gezogene Frontverkleidung erzeugen einen ganz unerwarteten Eindruck. Nicht den eines massigen Rallye-Boliden. Wie auch? Mit leeren Tanks bringt die grazile Speedbrain gerade einmal 137 Kilogramm auf die Waage. Erst wenn das 19 Liter fassende Monocoque-Rahmenheck und der zentrale Zehn-Liter-Tank hinter dem Zylinder geflutet sind, knackt die Rally mit 159 Kilogramm die Drei-Zentner-Marke.

Überhaupt fremdelt das Dakar-Bike im Stadtverkehr keine Sekunde. Kein Ruckeln, kein Kettenpeitschen, kein unrunder Leerlauf, wenig Vibrationen – die Speedbrain gibt sich so kultiviert, als gehöre neben Blinkern, Kennzeichen, Spiegeln, Hupe und Bremslicht ein Korb fürs Brötchenholen zur Serienausstattung. Man gewöhnt sich gern und schnell daran. Auch daran, dass die ­im­posante Speedbrain an jeder Ampel innerhalb von Sekunden zum verwundert bestaunten Blickfang avanciert.

Trotzdem, ein Wüstenrenner braucht Einsamkeit und Auslauf – auch wenn dafür zunächst die Ausfallstraßen genügen müssen. Es geht voran. Nicht brachial, dafür reichen die auf dem Prüfstand gemessenen 39 PS nicht aus, aber ordentlich. Später werden wir den Renner ganz profan durch das Messprogramm schleusen, werden in dieser Abstimmung 5,1 Liter Verbrauch und 143 km/h Topspeed notieren. Doch hat Wolfgang Fischer uns nicht diesen grauen Stecker mit auf den Weg gegeben? Den Schlüssel zum Sport-Mapping? Soll ich? Nach all der Würdigung der braven Legalität? Okay. Einmal nur. Anhalten, Sitzbank runter, Stecker einklicken – und was ist das denn? Ab Drehzahlmitte holt der 450er plötzlich noch einmal tief Luft, schnalzt in null Komma nichts in den fünfstelligen Drehzahlbereich, drückt dort 52 PS ab und wird bei freiem Auslauf 167 km/h rennen. Nüchterne Zahlen, doch welch ein Unterschied! Nur akustisch hat sich nichts geändert. Der Sound aus dem Schalldämpfer bleibt immer noch erfreulich dezent. Wenn dem so ist, dann kann der Stecker ruhig drinbleiben. Im Steinbruch gibt’s keine Verkehrskontrolle.

Foto: www.jkuenstle.de
Für Sportsmänner: Ein per Stecker aktivierbares Mapping bringt 13 PS.
Für Sportsmänner: Ein per Stecker aktivierbares Mapping bringt 13 PS.

Punktgenau lässt sich die direkt auf der Kurbelwelle sitzende Kupplung dosieren, geschmeidig drückt der dohc-Single­ durchs Drehzahlband und vertrauenerweckend verzahnt sich das Vorderrad mit dem losen Untergrund. Ruck, zuck ertappt man sich dabei, übermütig zu werden. Ist überrascht, wie sich die auffallend gut ausbalancierte Maschine von jeder kleinen Böschung ein paar Meter durch die Luft kicken lässt – und wundert sich dabei, wie unkompliziert sich ein so imposant wirkender Rallye-Bolide benehmen kann. Allerdings – Hand aufs Herz – sollte er das auch. Denn mit knapp 24.000 Euro ist der Tarif für derartige Production Racer zwar marktüblich, aber dennoch stattlich. Die Zielgruppe des in Handarbeit gefertigten Racers bleibt dadurch wohl auf ambitionierte Wettbewerbspiloten eingegrenzt. Die können sich die Maschine bei den Speedbrain-Mannen dann für 15.000 Euro Nachschlag zur Factory-Version aufrüsten lassen und bei Bedarf für weitere 60.000 Euro gleich noch ein Rundum-sorglos-Paket mit Mechanikerservice, Ersatzteilversorgung und Nenngeldern für die in Argentinien startende Dakar 2014 dazubuchen.

Für alle anderen gilt: Schade, dass diese Wüstenrallye nicht mehr in Paris beginnt. Mit der Basisversion der Speedbrain hätte man zum Start sogar per Achse anreisen können. Ganz legal.

Foto: www.jkuenstle.de
Noch bei der vergangenen Dakar-Rallye firmierte diese Maschine unter Husqvarna TE 449RR by Speedbrain.
Noch bei der vergangenen Dakar-Rallye firmierte diese Maschine unter Husqvarna TE 449RR by Speedbrain.

Daten und Messwerte

Motor
Wassergekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile, Tassenstößel, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, Ø 43 mm, Katalysator, Lichtmaschine 280 W, Lithium-Ionen-Batterie 12 V/7 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Kette.
Bohrung x Hub: 98,0 x 59,6 mm
Hubraum: 449,5 cm³
Verdichtungsverhältnis: 12,3:1
Nennleistung: 30 kW (41 PS) bei 7000/min
Max. Drehmoment: 43 Nm bei 6900/min

Fahrwerk
Brückenrahmen aus Stahl, Upside-down-Gabel, Ø 48 mm, verstellbare Zug- und Druckstufendämpfung, Zweiarmschwinge aus Aluminium, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Scheibenbremse vorn, Ø 260 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Einkolben-Schwimmsattel.
Speichenräder mit Alu-Felgen: 1.60 x 21; 2.15 x 18
Reifen: 90/90 21; 140/80 18

Maße und Gewicht
Radstand k. A., Lenkkopfwinkel k. A., Nachlauf 119 mm, Federweg v/h 300/320 mm, Trocken­gewicht 137 kg*, Tankinhalt 29 Liter.
Garantie: k. A.
Serviceintervalle: k. A.
Farben: Schwarz/Weiß
Preis: 23.681 Euro

 

Foto: MRD

Messwerte

Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit* 
143 (167) km/h
Beschleunigung
0–100 km/h
0–140 km/h

7,1 (5,3) sek
20,8 (11,5) sek
Durchzug
60–100 km/h
100–140 km/h

5,8 (5,5) sek
13,7 (7,5) sek
Tachometerabweichung
effektiv (Anzeige 50/100)

48/98 km/h

Verbrauch

Landstraße5,1 l/100 km/h
theoretische Reichweite569 km
KraftstoffartSuper

*MOTORRAD-Messungen; in Klammern entdrosselte Version; Diagramm: Leistung an der Kurbelwelle; Messungen auf dem Dynojet-Rollenprüfstand 250, korrigiert nach 95/1/EG, maximal mögliche Abweichung ± 5 %

Foto: www.jkuenstle.de
Ihre Kernkompetenz liegt natürlich im Gelände. Dort ist das 
Speedbrain-Rallye-Bike eine Macht.
Ihre Kernkompetenz liegt natürlich im Gelände. Dort ist das Speedbrain-Rallye-Bike eine Macht.

Speedbrain 450 Rally Factory-Version

Mit der Basisversion der 450 Rally bietet Speedbrain eine siegfähige Maschine für Amateur-Rallyes an. Für Kundenteams, die nach höheren sportlichen Meriten streben, ist die aufwendiger präparierte Factory-Version vorgesehen. Die Technik ist mit der bei der Dakar-Rallye eingesetzten Maschine weitgehend identisch.

Motor
Verdichtung erhöht (Standard: 12,3:1), separater Öl­kühler, Leistung zirka 60 PS (Standard: 39 bzw. 52 PS), Rennsport-Mapping des Motormanagements.

Fahrwerk
Vorderradgabel WP Suspension, 52 mm (Standard: Kayaba, 48 mm), Vorderrad-Bremsscheibe mit 298 mm Durchmesser (Standard: 260 mm), Lenkungsdämpfer, Hinterrad mit Ruckdämpfer.

Sonstiges
Elektrische Betätigung des Road­books und der Tripmaster, Handprotektoren, Ledersitzbank, Wassertank.

Preis 
41.531 Euro

Speedbrain 450 Rallye für Wettbewerbspiloten

Endlich, die Zufahrt zu unserer Ersatz-Sierra biegt von der Hauptstraße ab. Gas weg. Erst jetzt hört man, wie das Surren der Zwischenwelle schüchtern daran erinnert, dass sich die Kurbelwelle des Kurzhubers rückwärts dreht. Das dafür verantwortliche Konzept des mit der Schwingenachse konzentrischen Kettenritzels wurde durch den nach vorn gerückten Motor in der Speedbrain aber bewusst verworfen. Geschadet hat’s offensichtlich nicht. Denn, ohne die überraschenden Qualitäten auf Asphalt schmälern zu wollen, auf Schotter findet die Speedbrain zu ihrer wahren Bestimmung. Gas auf, die Kupplung kurz antippen, mit durchdrehendem Hinterrad das Bike am Kurveneingang anstellen und die Linie in sauberem Drift durchziehen, genau so will die Bayerin bewegt werden. Und macht diesen Auftritt ihrem Piloten so einfach wie nur möglich.

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