Superbike Tracktest Aprilia RSV4

Das war eine Premieren-Saison vom Feinsten. Nach verhaltenem Anfang etablierte sich Aprilia an der Spitze der Superbike-WM. Am Ende landete die RSV4 von Max Biaggi auf dem vierten Rang hinter der Weltmeister-Yamaha und zwei Ducati.

Foto: Bildl
Natürlich waren beim Finale der Superbike-Saison alle Augen auf den Zweikampf Spies gegen Haga gerichtet. Aber auch hinter den beiden Protagonisten gab es einen sehenswerten Kampf. Jenen der beiden Newcomer BMW und Aprilia nämlich, die zu Saisonbeginn auf Phillip Island noch Seite an Seite um Top-Ten-Plätze rangelten.

Doch während der Sturm von BMW zur Weltspitze im Laufe der Saison im Mittelfeld versackte, war die RSV4 ab Saisonmitte beim Fight um die Podestplätze voll dabei. In Brünn gewann Max Biaggi dann sogar den ersten Lauf. Dem folgte sein zweiter Platz in Rennen zwei. Von da an war die Aprilia an der Spitze angekommen und permanenter Mitstreiter beim Kampf um die oberste Podestposition. Biaggis vierter Platz in der Endabrechnung, noch vor der Honda-Meute, ist daher krönender Höhepunkt einer steil aufwärts verlaufenen Formkurve, die ohne solide Basis nicht machbar gewesen wäre. Für diese Basis haben die Aprilia-Techniker mit der RSV4 zweifellos gesorgt. Und ihre Erfahrungen aus der 250er-WM waren beim Fahrwerksbau gewiss von Vorteil.

Der erste Eindruck, der sich bereits nach zwei Kurven aufdrängt: Das ist nie und nimmer eine 1000er. Vor allem, wenn man kurz zuvor noch auf einer Yamaha YZF-R1 oder gar Suzuki GSX-R 1000 gesessen hat.
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So klein, zierlich, kompakt schmiegt sich die Aprilia an den Fahrer, dass man tatsächlich eine 600er unterm Hintern vermutet. Zumal auch normal gewachsene Mitteleuropäer ganz ordentlich Platz finden. Erstaunlich, da Biaggi nicht gerade als Hüne bekannt ist. Und eigentlich verzichtet er doch auch auf das umgedrehte Renn-Schaltschema? Des Rätsels Lösung: Es handelt sich um Leon Camiers Bike mit Biaggis Verkleidung, was auch an der Schwinge erkennbar wird. Biaggi fuhr ein wuchtigeres, steiferes Exemplar mit Unterzug, mit dem man dem Chattering zu Leibe rückte, nachdem Versuche mit verschieden steifen Chassis nicht zum Erfolg geführt hatten. Macht aber nix. Denn zum einen passt die umgedrehte Schaltung von Camier hier exzellent, zum anderen verblüfft auch seine RSV4 mit unglaublich leichtfüßigem Handling.
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Im Reigen der Superbike-Karpfen ist die Aprilia ganz eindeutig der Hecht. Nicht einmal die fabelhaft austarierte Ten-Kate-Honda erreicht diese Wendigkeit. Federleicht lässt sich die Aprilia dirigieren, bis weit in den Kurvenscheitel hinein verzögern und anschließend auf fast jede beliebige Linie lenken - kein Problem. Die RSV4 ist so agil, dass man fast Kringel ums eigene Vorderrad drehen möchte. Ex-250er-Champion Biaggi wollte flinkeres, 250er-gleiches Einlenken und bekam es. Dazu schiebt der Motor geradezu unspektakulär sanft und gleichmäßig an, dass man ihm niemals 210 PS oder mehr zutrauen möchte. Ihm dafür aber umso unbefangener die Sporen gibt, bis ihn der Begrenzer ganz sanft bei etwa 15000/min wieder einfängt.

Dennoch sollte genug Power da sein, denn die RSV4 war beim Superbike-Finale mit 303 km/h hinter Speed-King Ben Spies auf seiner R1 (306 km/h) die Zweitschnellste, während die subjektiv viel kräftigere BMW mit 289 gemessen wurde.

Hier dürfte vielleicht das Geheimnis der Aprilia stecken. Ihre Gelassenheit, dazu die Beweglichkeit, die bei aller Stabilität, Traktion und Rückmeldung fast etwas Schwereloses hat. Souverän eben, was fürs nächste Jahr viel erwarten lässt.
Foto: fact

Technische Daten

Motor:
Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-65-Grad-V-Motor, vier Ventile, Nasssumpfschmierung, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbad-Anti-Hoppingkupplung, Bohrung x Hub 78,0 x 52,3 mm, 1000 cm³, Verdichtung 14,0:1, 154 kW (210 PS) bei 14500/min, 110 Nm, Sechsgang-Getriebe


Fahrwerk:

Leichtmetall-Brückenrahmen, Öhlins TTX-25-Upside-down-Gabel, Ø 42 mm, Leichtmetall-Zweiarmschwinge und Öhlins-Zentralfederbein voll einstellbar, Doppelscheibenbremse mit Vierkolbenfestsättel vorn, Ø 320 mm, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Marchesini-Magnesium-Räder, 3.50 x 16.5 vorn, 6.25 x 16.5 hinten


Maße und Gewicht:
Radstand 1435 mm, Tankinhalt 24 Liter, Leergewicht 162 kg

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