Suzuki GSX-R 1000 R im PS-Fahrbericht Supersportler, gründlich modernisiert

Die Suzuki GSX-R 1000 R wurde auf der Rennstrecke von Phillip Island/Australien präsentiert, wo Suzuki schon viele Rennerfolge feiern konnte. Wer diesen Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstand, dem zeigte Überraschungsgast Kevin Schwantz, wie er gemeint war.

Auf der GSX-R 1000 R gegen Kevin Schwantz

Mist, Kevin Schwantz klebt an meinem Hinterrad! ­Eigentlich müsste der 500er-Weltmeister von 1993 locker vorbeiziehen, schließlich geben die alten Haudegen immer noch gnadenlos Gas. Ich bin nervös. Bei diesem Turn mit der neuen GSX-R 1000 R wollte ich eigentlich ein paar Dinge aus­probieren, doch das muss jetzt warten. Der Altmeister presst, Feuer frei! Mit über 280 Sachen auf der Uhr schießen wir über die Start-/Zielgerade der ­legendären Rennstrecke von Phillip ­Island/Australien auf die ultraschnelle Doohan-Corner zu. Jetzt möglichst spät in die Eisen greifen. Unterm Helm riesige Augen, uff, geschafft! Southern Loop, die nächste Ecke, ist eine trickreiche Doppel-Links. Den ersten Bogen von außen anbremsen und nach innen Richtung Curbs ziehen. Danach nicht zu weit raustragen lassen, sonst droht das Kiesbett. Dann den späten zweiten Scheitelpunkt anvisieren und möglichst viel Schwung für den nächsten schnellen Linksknick, die Stoner Corner mitnehmen. Geht doch! Plötzlich taucht innen ein Schatten auf. Schwantz braust ­völlig unbeeindruckt vom kämpfenden Tester auf einer irrwitzig engen Linie vorbei. Noch zwei, drei Ecken seinen runden, sauberen Fahrstil genießen, dann ist er über alle Berge. "Did you have fun?", grinst er später schelmisch.

Oh ja, trotz dieser absehbaren Niederlage hat der Ritt gewaltigen Spaß bereitet. Denn das Bike bringt für launige und schnelle Pistenrunden alles Nötige mit: Killer-Motor, fein ausbalanciertes Fahrwerk, klasse Bremsen. 203 PS maximalen Output bei reichlich Punch aus dem Drehzahlkeller und einer
kräftigen Mitte verspricht Suzuki.

Anzeige

Modernste Bremshilfe

Tatsächlich schiebt der mit konventionellen 180 Grad Hubzapfenversatz arbeitende Reihenvierling ab 4500/min mit sattem Schmalz an und powert wunderbar gleichmäßig durchs Drehzahlband. Dazu legt er eine sagenhafte Drehfreude an den Tag – herrlich, wie gierig die Suzi marschiert! Mangels Ausgleichswelle begleiten den Vierer dabei allerdings feinnervige Vibrationen. Doch die sind vergeben und vergessen, denn die getestete R-Version des Superbikes hält mit dem Schalt­automaten ein weiteres Highlight parat. Mit dem Quickshifter inklusive Blipper-funktion lassen sich die Gänge butterweich, superexakt und mit kurzer Zugkraftunterbrechung wechseln – eines der besten Systeme ever! Auch die ­unterschiedlichen Fahrmodi – sie beeinflussen lediglich die Gasannahme – überzeugen. Auf Position A geht die ­Suzuki direkt, aber nicht zu abrupt ans Gas. Wer es geschmeidiger mag, wählt B. Allenfalls bei Regen kommt C in Frage, denn diese Stufe bremst die Gixxe beim Gasanlegen spürbar ein. Wie die beiden anderen Positionen liefert aber auch sie die volle Topend-Power.

Die Features sind Teil eines Elektronikpakets, dem es an nichts fehlt. Außer vielleicht an einem einstell- und deaktivierbaren ABS. Doch das traditionell zurückhaltende Japan tut sich damit allgemein schwer, wie die komplette fernöstliche Konkurrenz ebenfalls zeigt. Top dagegen: Die Bremshilfe ist dank supermoderner Fünfachsen-Trägheitssensorik kurventauglich. Eine einstellbare Motorbremse und eine unabhängig von der Traktionskontrolle arbeitende Wheelie-Control sucht man bei der GSX-R allerdings vergebens.

Außerdem erkennt die TC nicht automatisch sich ändernde Radumfänge, die andere Reifendimensionen mit sich bringen können. Dann ist Ausprobieren angesagt, und der Pilot muss sich von höheren Stufen schrittweise an seine Lieblingseinstellung herantasten.
Mit den Bridgestone-Serienreifen RS 10 in Sonderspezifikation "E" funktioniert ­Position drei hervorragend. Das System arbeitet äußerst fein und führt das Bike beim Beschleunigen in Schräglage ­zuverlässig entlang der Rutschgrenze. Keine Schuld trifft es bei einem Mörder-Slide im Scheitelpunkt der Siberia-Kurve, einer knackigen Bergauf-Links. Außentemperaturen um 30 Grad und entsprechend heißer Asphalt bringen den Grip der Serienpneus an seine Grenzen. Drei Turns mit ihnen sind ­ohnehin genug, höchste Zeit für echte Rennreifen! Doch vorher die nächste Schrecksekunde: Auf der Anfahrt zur blinden Kuppe Lukey Heights kreuzt eine der berühmt-berüchtigten Möwen die Ideallinie. Nur Millimeter vorm ­Aufprall dreht sie ab.

Feine Renngummis statt gehäckseltem Federvieh

Statt gehäckseltem Federvieh zieren nach einem Boxenstopp nun feine Bridgestone R10 die Kilo-Gixxe. Sie verändern ihr Fahrverhalten spürbar. Die Racing-Gummis liefern vorn und hinten das ersehnte Feedback, Ver­trauen und Speed steigen. Zwar nicht superhandlich wie das sprichwörtliche Fahrrad, doch dafür sehr zielgenau sticht das Superbike nun in und um die rasanten Radien. Dazu bieten die Sohlen beim Rausfeuern reichlich Grip – yes, so lieben wir das!

Das tendenziell softe Landstraßen-Setup von Gabel und Federbein stellten die Fahrwerkstechniker bereits nach dem ersten Turn am Vormittag straffer ein. Dabei mussten sie nur minimal an den Schräubchen drehen, denn die modernen Balance-free-Federelemente von Showa reagieren äußerst feinfühlig auf derartige Änderungen. Dazu sprechen sie super an und bieten Wahnsinns-Reserven.

Gleiches gilt für die Bremsen. Die Anker lassen sich erstklassig dosieren, liefern einen stabilen Druckpunkt und verzögern bestens. Einzig das ABS regelt im Attacke-Modus auf der Renne zu früh. Wen das stört, muss die Sicherung unterm Sitz ziehen. Wir dagegen ziehen nach einem ereignisreichen, spannenden Tag ein eindeutiges Resümee: Suzuki ist zurück! Definitiv.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote