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Die neue SV 650 liegt preislich mit 6390 Euro satte 900 Euro unterhalb der Gladius.

Suzuki SV 650 im Fahrbericht Ehrlich fährt am längsten

Die neue Suzuki SV 650 will zu den Stärken des Urmodells zurückfinden: zeitloses Design, Leichtigkeit, Eleganz, Charakter und ein V2-Motor der diesseits der 100 PS der wahrscheinlich beste seiner Art ist.

Es gibt Motorräder, die nehmen im Lauf der Zeit einen überlebensgroßen Status an. Und die müssen nicht einmal besonders exklusiv, pfeilschnell oder sauteuer sein. Suzukis SV 650 ist so ein Motorrad. Die verkaufte sich in den Jahren nach ihrem Aufschlag 1999 europaweit wie Bratwurst am Bikertreff. Die Gründe des Erfolgs sind schnell geklärt: Sie war leicht, sie war schön, sie hatte als Einzige in der Klasse einen tollen V2, und damit genau den richtigen Druck an genau den richtigen Stellen. Sie hatte keine großen Schwächen, und sie war richtig günstig. Gekauft, sagten da viele, egal ob als Nackte oder später als halbverschalte Suzuki SV 650 S.

Auch die zweite Generation SV 650 übernahm ihre Tugenden. Beide waren für viele Motorradfahrer mehr als nur ein einfaches Mittelklasse-Bike. Die Suzuki SV 650 hatte etwas Besonderes, verband Flair und Charme mit Robustheit und Wirtschaftlichkeit. Sie war ein grundehrliches Motorrad. Technisch trifft dies auch für die nachfolgende SFV 650 Gladius zu, im Prinzip eine modellgepflegte SV.

Aber etwas stimmte nicht mit der. Die meisten werden es auf das organisch-verschwurbelte Design schieben, das die weibliche Klientel ansprechen sollte. Das hat sich nur den wenigsten erschlossen. Leichter war sie auch nicht geworden, die Gladius, und stärker ebenfalls nicht. Und mit dem ganzen Design-Chichi auch nicht ehrlicher, weshalb es schließlich niemanden wundern darf, dass ihr am Markt der Erfolg der Suzuki SV 650 verwehrt blieb.

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Suzuki SV 650 mit einsteigerfreundlichem Charakter

Die Gladius ist jetzt Geschichte. Die SV heißt jetzt wieder SV, und das dokumentiert die Rückkehr zu alten Tugenden. „Keep it simple“ lautet die richtige Devise. Zunächst schlägt sich das in der kräftig entrümpelten Optik der neuen Suzuki SV 650 nieder: klassischer Rundscheinwerfer, klare, einfache Formen, ein gewöhnlicher Auspuff statt des gewöhnungsbedürftigen Gladius-Geschwürs und ein schniekes, sportlich-schlankes Heck. Der Vergangenheit verpflichtet, schön aufgeräumt und zeitlos statt austauschbar-futuristisch oder retro-hip. Wir freuen uns. Positiver Nebeneffekt der Entschlackungskur sind beachtliche acht Kilo Gewichtsersparnis gegenüber der Vorgängerin.

Auch den Antrieb haben die Ingenieure aus Hamamatsu nachgeschärft. 60 neue oder geänderte Teile sollen am 645-Kubik-V2 verbaut sein, darunter neue Kolben, neue Zylinder, Doppelzündung, neue Einspritzung, neue Airbox et cetera. Damit steigt die Nennleistung von 72 PS auf 76 PS, und der Motor erfüllt jetzt Euro 4. Ebenfalls neu ist das digitale Cockpit, es handelt sich um das gleiche Bauteil wie an der GSX-S 1000, Ganganzeige inklusive. Chassis, Fahrwerk und Ergonomie wurden überarbeitet, stammen aber grundsätzlich von der Gladius, deren einsteigerfreundlichen Charakter die Suzuki SV 650 folgerichtig geerbt hat.

Mit nur 785 Millimetern fällt die Sitzhöhe der Suzuki SV 650 sehr niedrig aus, Sitzbank und Tank bauen dazu schön schmal und sind prima geformt. Gut für Kleingewachsene und gut für einen innigen Kontakt zum Motorrad. Auch nach hinten ist ausreichend Platz für größere Piloten vorhanden. Die Sitzposition ist guter, klassenüblicher Standard. Das bedeutet: Fußrasten nicht sehr hoch, Lenker eher schmal und nicht zu weit vorne. Typischer Naked Bike-Komfort mit einer wohldosierten Prise Sportlichkeit. Fühlt sich stimmig an. Nichts zwickt, das macht Lust auf mehr. Leider ist wohl auch der Wettergott früher SV 650 gefahren, denn Petrus’ dicke Freudentränen machen am Fahrtag die wunderbaren Küstensträßchen rund ums spanische Lloret de Mar zu eher seifigem Geläuf. Die folgenden Fahreindrücke sind also, mangels grippiger Kurvensause, ausdrücklich als vorläufig zu bezeichnen.

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Neuer V2 mit extrem gelungenem Sound

Schenken wir unsere Aufmerksamkeit deshalb zunächst dem überarbeiteten Motor, einem herrlich umgänglichen Aggregat. Der wassergekühlte 90-Grad-Twin verbindet gute Manieren mit sportlicher Würze. Innerorts bummelt er schön schaltfaul und smooth im hohen Gang, zieht bereits ab 2000 Touren ohne Hacken oder Peitschen. Der Durchzug ist schon bei solch niedrigen Drehzahlen ordentlich, über das gesamte Drehzahlband legt der Antrieb dann sehr gleichmäßig an Kraft zu. Oberhalb von 6000 Touren werden schließlich auch sportliche Naturen befriedigt, ab hier gibt es einen kleinen Extra-Kick. Der 645er-V2 der neuen Suzuki SV 650 hat Spaß an der Drehzahl, stellt mit Enthusiasmus genügend Leistung für eine flotte Landstraßenpartie bereit. Die angegebene maximale Power ist glaubwürdig und voll auf Augenhöhe mit der Konkurrenz. Dabei arbeitet er so charismatisch, wie es eben nur ein V-Motor kann. Sicher gibt es Vibrationen, aber die sind angenehm-pulsierend und tragen eher mit zum Genuss bei. „Rumble“ sagt Suzuki dazu. Gefällt. Wie auch der extrem gelungene Sound. Unter Last ein sonorer V-Beat, nach oben hitzig flirrend, im Schiebebetrieb aus dem Luftfilterkasten so tiefsatt-meditierend, dass man an Lautsprecher-Trickserei glaubt oder zumindest eine deutlich hubraumstärkere Antriebseinheit unterm Tank vermutet. Wirklich schön und ganz subjektiv ein dicker Pluspunkt.

Den Wohlfühl-Charakter des Motors unterstreichen Getriebe und Kupplung. Ersteres verschafft mit sauberer und leichtgängiger Schaltbarkeit Genugtuung, Letztere macht ganz einfach ihre Arbeit. Im Vergleich zur besonders hinten wobbeligen Gladius gibt sich die neue Suzuki SV 650 straffer. Wie es scheint, wirkt sich bei unveränderten Komponenten das gesunkene Gewicht positiv auf das Fahrverhalten aus. Nein, das ist keine GSX-R, die Federelemente sind, wie in der Klasse üblich, von einfacher Bauart. Lediglich die hintere Vorspannung ist 7-fach einstellbar. Für ein Mittelklasse-Bike und unter den gegebenen Bedingungen fährt die SV stressfrei, unkompliziert und spielerisch.

Keine gute Serienbereifung

Das Chassis gibt sich unprätentiös und schenkt auch bei Nässe Vertrauen, ein gutes Zeichen. Gleiches lässt sich leider nicht von der Erstbereifung der neuen Suzuki SV 650 behaupten. Zu oft ein leidiges Thema, nicht nur bei Suzuki. Der Dunlop Qualifier ist, nicht vom Namen beirren lassen, ein sportlicher Landstraßenreifen – allerdings ein mittlerweile arg angegrauter. Ihm sagt man sehr guten Trockengrip nach, was wir nicht wirklich überprüfen konnten. Eher mäßige Nasshaftung und hölzerne Rückmeldung passen allerdings nicht zum Anspruch dieses Bikes. Einsteigerfreundliche Motorräder wollen ebensolche Reifen, und das ist keiner.

Zum Schluss sei noch festgehalten, dass die vordere Bremse ziemlich stumpf agiert. Die Verzögerung geht in Ordnung, dafür braucht es jedoch eine kräftig zupackende Rechte, und darunter leidet natürlich die Dosierbarkeit. Das müsste nicht unbedingt sein, bissigere Beläge könnten sicher helfen, schließlich hat die neue Suzuki SV 650 ein tadellos funktionierendes Nissin-ABS mit an Bord.

Davon abgesehen aber, und erst recht angesichts des günstigen Preises von 6390 Euro – das sind satte 900 Euro unterhalb der Gladius –, verspricht die neue SV 650 unterm Strich einen großen Schritt in die richtige Richtung. Suzuki hat an den passenden Schrauben gedreht. Damit bewegt sich die SV 650 zurück zum Ursprung, ein im besten Sinne einfaches, spaßiges, zeitloses und ehrliches Motorrad zu sein. Und ehrlich fährt immer noch am längsten.

Foto: Suzuki
Gestrippt wird schnell klar, warum die SV bei den Fans so gut ankommt: ein hübscher V-Motor in einem klar strukturierten Gitterrohrrahmen ergibt ein äußerst stimmiges Gesamtkonzept.
Gestrippt wird schnell klar, warum die SV bei den Fans so gut ankommt: ein hübscher V-Motor in einem klar strukturierten Gitterrohrrahmen ergibt ein äußerst stimmiges Gesamtkonzept.

Technische Daten Suzuki SV 650

Technische Daten Suzuki SV 650 (k.A.)
Modelljahr 2016
Motor
Zylinderzahl, Bauart 2 , V-Motor
Bohrung/Hub 81,0 / 62,6 mm
Hubraum 645 cm³
Ventile pro Zylinder vier Ventile pro Zylinder
Verdichtung 11,2
Leistung 56,0 kW ( 76,2 PS ) bei 8500 /min
Max. Drehmoment 64 Nm
Zahl der Gänge Sechsganggetriebe
Hinterradantrieb O-Ring-Kette
Fahrwerk, Räder, Bremsen
Rahmen Gitterrohrrahmen
Federweg vorn/hinten 125 mm / 130 mm
Reifen 120/70 ZR 17 , 160/60 ZR 17
Bremse vorn/hinten 290 mm Doppelkolben-Schwimmsättel / 240 mm Einkolben-Schwimmsattel
ABS Ja
Maße und Gewichte
Radstand 1445 mm
Lenkkopfwinkel 65,0 °
Nachlauf 106 mm
Leergewicht vollgetankt k.A.
Sitzhöhe 785 mm
Zulässiges Gesamtgewicht 420 kg
Höchstgeschwindigkeit 205 km/h
Preis
Neupreis 6495 Euro

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