04.04.2008 Von: Alan Cathcart
Erschienen in: 03/ 2008 MOTORRAD CLASSIC

Szene: Brough Superior 8/75 SS 100 Der große Hammer

Kann ein 1000-cm³-Motorrad, das gerade mal 100 mph läuft, satte 200000 Euro wert sein? Ja, meint Britanniens angesehenster Motorrad-Auktionator: Bonhams rief anlässlich der Classic MotorCycle Show in Stafford zur Versteigerung einer Brough Superior 8/75 SS 100.
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Brough Superior 8/75 SS 100

 

Foto: Nakamura  

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George Brough war ein moderner Mensch in einer dem Modernen besonders zugeneigten Zeit. Die Goldenen Zwanziger mochten es hektisch und ausgelassen, die Motorisierung der Massen nahm ihren Anfang, Produktwerbung feierte eine erste Blüte. Doch obwohl Brough gleich reihenweise gute Werbeideen kreierte, geht der von aller Welt (mal abgesehen von HRD-Vincent-Eignern) akzeptierte Vergleich seiner Motorräder mit den automobilen Ikonen von Rolls-Royce auf einen Journalisten zurück: Dieser hatte in seinem Respekt vor den außerordentlichen Qualitäten der eben getesteten Maschine einfach keine anderen Worte gefunden.

Der junge Motorradproduzent aus Nottingham nutzte den griffigen Spruch gerne, bis eines Tages ein hochrangiger Vertreter von Royce anreiste und auf Unterlassung drang. Im weiteren Gespräch drohte er gar mit juristischen Konsequenzen, doch dann bat George Brough zu einer Firmenbesichtigung. Seine handverlesene Schar von Mechanikern war gerade dabei, Motorräder für die anstehende Olympia Show in London zu präparieren, und um die Ausstellungsobjekte vor Fingerabdrücken zu bewahren, trugen sie allesamt Handschuhe. Brough erklärte diese Ausnahmesituation geistesgegenwärtig zum modus ope randi, und der ungebetene Gast war derart beeindruckt, dass er den Vergleich mit Rolls-Royce ausdrücklich gestattete.

Eine wahre Geschichte? Ja, und gleichzeitig Teil eines Mythos, der erklärt, warum die SS 100 mit dem amtlichen Kennzeichen AAU 925 und der Rahmennummer 1057 heute einen solchen Wirbel entfacht. Sie wurde 1934 gebaut und zählt zur 8/75-Serie. Diese wiederum wurde gemeinhin bekannt als „Two of everything“, weil sie – anders als vorangegangene SS 100 – je zwei Magneten und Vergaser sowie zwei getrennte Ölpumpen besitzt. Außerdem natürlich zwei Zylinder, denn mit wenigen Ausnahmen sorgte bei Brough Superior stets ein V2 für Vortrieb. In der SS 80, die 1923 auf der Olympia-Show debütierte, noch der seitengesteuerte, ein Jahr später in der SS 100 der kopfgesteuerte JAP-Motor, ab Mitte der 30er-Jahre dann Matchless-Triebwerke.


 Auf Achse: AMA-Superbike-Replikas


Nicht nur Vincent-Besitzer, sondern oft genug Leute, die sich keine Brough Superior leisten konnten, meckerten gerne, die Nottinghamer seien simple Konfektionäre. Aber so wie bei Bimota ein halbes Jahrhundert später eröffnete diese Beschränkung erst den Weg, mit einer überschaubaren Mannschaft und begrenzten Finanzen hervorragende Fahrwerke zu bauen und sich auf eine für damalige Verhältnisse sensationelle Fertigungsqualität zu konzentrieren. Deshalb gilt für alle Brough Superior, dass sie besser sind als die Summe ihrer Komponenten; außergewöhnliche stilsicher gestaltete, fahraktive, leistungsstarke Motorräder nämlich, gebaut, um bewundert, aber ebenso, um schnell bewegt zu werden. Kurz: ihres Beinamens würdig („superior“ heißt „überlegen“), die ersten Superbikes der Motorradgeschichte.

Während sich die normale SS 100 dank der 49 PS ihres JAP-V2 stilvoll vom Rest der Welt abhob, spielte eine 8/75 mit den 73 PS, die ihr weiterentwickelter 50-Grad-High-Compression-V2 bei 6200 Umdrehungen produziert, in einer eigenen Liga. Eben deshalb zählt sie zum Begehrenswertesten aus der 20-jährigen Firmengeschichte von Brough Superior. Etwas mehr als 3000 Motorräder entstanden zwischen 1919 und 1939 in der Haydn Road, so viele hätte BSA in guten Zeiten binnen eines Monats fabriziert. Exakt 281 JAP-befeuerte SS 100 haben nach Unterlagen des Brough Superior Owners Club das Werk verlassen, just mal ein halbes Dutzend davon in der noch kraftvolleren 8/75-Variante.

Aus eigener Erfahrung kenne ich das durchaus erhabene Gefühl, eine SS 100 zu besitzen. Meine "Brufsup" hatte den weicher laufenden Matchless-Motor, davon wurden nur 102 produziert. Obendrein trug sie in ihren Dokumenten den Zusatz "ex Mr. Brough". Tatsächlich ließ es sich der Firmenbesitzer nicht nehmen, jedes neue Modell auf Herz und Nieren zu prüfen, um es danach weiter zu verkaufen. Und George wusste, worauf es ankam, bei unzähligen Trials und bei Beschleunigungsrennen stellte er die Leistungsstärke seiner Motorräder höchstpersönlich unter Beweis. Seine SS 80 wurde 1922 als erstes seitengesteuertes Motorrad in Brookland mit 100 Meilen pro Stunde gestoppt.

1924 errang Bert Le Vack auf einem SS-100-Vorläufer mit 119 mph den Geschwindigkeitsrekord für Zweiräder, und George Brough vermarktete diesen Triumph mit einer "Le Vack Replica". Auf einer 100er basierte auch jene Maschine, mit der Eric Fernihough diesen Rekord mit 169,786 mph wieder ins Haus holte, nachdem BMW sich erdreistet hatte, ihn ins Deutsche Reich zu entführen. Und eine Brough Superior war es, die als erstes Motorrad der Welt mehr als 100 bhp leistete: Mit der aufgeladenen "Leaping Lena" knackte der Australier Alan Bruce den Geschwindigkeitsrekord für Gespanne.


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