Szene: Honda CB 450 Police Highway - zu schnell

Amerikanischer Alptraum? Begegnung der wundersamen Art? Eine US-Polizeimaschine Marke Honda CB 450 tauchte im Rückspiegel auf und setzte sich blinkend vor mich. Wo war ich eigentlich? Und was hatte ich angestellt?

Foto: Wolf
Es hätte 1972 auf der Interstate 80 sein können. Hinter Cheyenne, Wyomings Hauptstadt. Fahrtziel Laramie, warum nicht? Leere, große Ebenen, wie immer zu solch früher Stunde in diesem US-Bundesstaat. Der Honda S 800 ist gut in Form, warm, kann und darf gedreht werden. 9000/min im dritten Gang erlauben einen geschmeidigen Übergang zum vierten. 65 mph sind schnell überschritten – die paar Meilen drüber, na und? Doch der Teufel hat’s gesehen, in Form eines Gesetzeshüters auf einer Honda CB 450. Da hat der S 800 keine Chance, die Sirene wird lauter, rote Lichter zucken näher und vorbei: State Police. Die weiße Honda setzt sich vor den roten, bremst den Spaß ein.

Die Wirklichkeit schreibt 2008, Schauplatz ist die Gegend um Tübingen. Echt sind nur der Honda S 800, Baujahr 1967, und die Honda CB 450, die 1971 im US-Staat Wyoming ihren Dienst bei der Polizei antrat. Sie gehört Stefan Hauch, dem Spezialisten in Sachen CB 450 – was das Erstaunen darüber, dass er so ein Ding in seiner Sammlung hat, etwas mildert. Originale Police-CB 450 sind wirklich sehr, sehr selten, weil sie schon 1971 sehr selten waren. Bereits 1965, kurz nach dem Erscheinen der CB 450, versuchte Honda, mit den amerikanischen Behörden Geschäfte zu machen: Etwa 25 "Police Specials" auf Basis der ersten CB, genannt Black Bomber, gingen über den Teich und in die Fuhrparks der Exekutive. Es wurde kein Geschäft daraus. Honda probierte es 1971 noch einmal, diesmal auf Basis der CB 450 K1, also mit fünf statt vier Gängen und 45 PS statt 43. Zwischen 300 und 400 Exemplare gelangten in den Staatsdienst, eine davon ist die Hauch’sche Maschine. Wieder kam kein größeres Geschäft zustande.

Der Grund für das Scheitern japanischer Motorräder – andere Hersteller wollten auch teilhaben – hieß Harley-Davidson. Vermutlich hätten sich viele amerikanische Streifenpolizisten nach einer der handlichen Honda CB 450 die Finger geleckt, wären sie doch mit knapp 170 km/h Spitze so etwas wie der Speed King auf Highways und Interstates gewesen; dazu problemlos unterwegs. Der japanische Twin war kein Vergleich zu der schweren, betagten Harley-Konstruktion mit der Lizenz zum Abgehängtwerden. Aber klar: US-Behörden sollten US-Ware kaufen, verständlich. Man stelle sich nur einmal den Aufschrei deutscher Politiker vor, hätte die Polizei hierzulande in den 60er-Jahren Honda statt BMW fahren wollen.

Wie auch immer, die Honda trat 1971 in Dienst und versah ihn bis 1977. Dann wurde sie ausgemustert, aber nicht wie mindestens 90 Prozent ihrer Kolleginnen zur Privatmaschine umlackiert. Äußerlich unangetastet und mit etwa 10000 Meilen auf dem Zähler blieb sie einfach stehen und landete schließlich auf wundersamen Wegen in Holland, wo Stefan Hauch sie vor zwei Jahren aus ihrem Dornröschenschlaf befreite. Was ihr dann widerfuhr, war höchst erfreulich: Alle Lackteile erhielten frische Farbe, den Rest arbeitete er auf. Der Motor blieb unangetastet – bis zum heutigen Tag.
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Foto: Wolf

Technik und Ausstattung

Die Honda springt immer noch auf den ersten Knopfdruck an wie in ihren ersten Tagen, verfällt schnell in einen stabilen Leerlauf und brummelt typisch – eben wie eine CB 450. Typisch auch das willige Hochdrehen bis auf gefühlte 8000/min – ein Drehzahlmesser fehlt. Aber auch das Fahrwerk: die Federung hart, die Dämpfung schwach, so war der japanische Anfang. Die Bremsen gehen in Ordnung, die 170 km/h Spitze kommen vibrationsarm; so einem Gerät konnte die Harley nicht einmal im Ansatz den Bourbon reichen. Jedenfalls typisch japanisch und typisch Honda: Eine CB 450 ist auch heute noch eine starke Ansage.

Etwas schwerfällig wirkt dieses Modell, aber das liegt an den polizeilichen Zutaten, die ein Mehrgewicht von schätzungsweise 20 Kilogramm verursachen. Gesamtgewicht etwa 220 kg, eine Menge Holz für eine nicht voll eingeschenkte 500er, aber akzeptabel für Fahrleistungen, für die andere Hersteller damals 750 cm³ Hubraum benötigten. Der Motor entspricht zu 100 Prozent der K1-Serie, der Rahmen auch, bis auf zwei eingeschweißte Verstrebungen, um den Hinterbau zu stärken.
Ebenfalls zur Verstärkung sind die Fußrastenausleger gedacht, sie stammen vom Scrambler-Schwestermodell. Die hinteren Sturzbügel sind extra für das Polizeimodell konstruiert, die vorderen gab es genau so für die Zivil-Hondas. Hier eben noch mit Halterungen für die zwei roten Leuchten und das Horn, welches das Hinterrad via Reibrolle antreibt, ein Hebel links am Lenker stellt den Kraftschluss her. Ein Ton zum Fürchten, und klar: je schneller, desto lauter. In der leichtgängigen Mechanik rotiert eine zusätzliche Schwungmasse, so dass der Jericho-Angriff auch im Stand erst nach etwa zwei Minuten zur Ruhe kommt. Die Zivil-K1 hatte schon zwei getrennte Instrumente, an der Police-CB gibt's nur einen Tacho im Lampentopf. Der ist groß und lässt sich eichen, ein Knopf an der linken Schaltereinheit friert die Nadel ein, ein zweiter Knopfdruck befreit sie wieder.

Ein weiterer Zusatzknopf rechts am Lenker setzt die Lightshow in Gang. Deren hintere Drehleuchte ist nicht einmal in Polizei-Ausstattung einheitlich: Jeder Bundesstaat konnte seine eigenen Wünsche leuchten lassen. Eine Sonderausstattung, die es nur auf ausdrücklichen Wunsch gab, war die weiße Brotzeitdose hinten. Im ihrem Inneren sitzt der Schalter für das auf ihr angebrachte Lämpchen, dahinter wiederum ein Notizblock-, sprich: Strafzettelhalter. So konnte der Cop auch bei nächtlichen Kontrollen ordnungsgemäß Verkehrswidrigkeiten ahnden. Was in den Kasten kam, war wiederum den Beamten in den Bundesstaaten überlassen: Whopper, BigMac, Funkgerät oder Waffen. Dabei sind Letztere eigentlich gar nicht nötig; es genügt, die Sirene einzuschalten. Denn die ist wirklich waffenscheinpfl ichtig, egal ob in Wyoming oder in Schwaben.

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