Test Benelli TnT 899 S Die kleinere Dosis TnT

Nach drei Jahren bekommt Benellis Dreizylinder-Funbike TnT 1130 eine kleine Schwester – die TnT 899 S.

Foto: Künstle
Kurve reiht sich an Kurve, kaum ein Meter, auf dem sich das Asphaltband nicht kunstvoll verschlungen an die sanften Hügeln schmiegt. Wenn nicht hier im Hinterland des italienischen Pesaro, wo denn dann muss Motorradfahren erfunden worden sein? Und doch verschieben sich gerade hier, nur ein paar Steinwürfe vom Benelli-Werk entfernt, die Relationen. Degradieren sich selbst die extremsten Schräglagen nur zum Vorspiel für diesen nicht in Worte zu fassenden akustischen Urknall am Kurvenausgang. Wenn der Dreizylinder beim Gasanlegen seinen metallisch trockenen, so heiser wie Joe Cocker röchelnden Sound aus dem Schalldämpfer bläst, fröstelt es die Sinne. Ein Erlebnis, das fast vergessen lässt, dass diese TnT – die Abkürzung für Tornado naked Tre – nun auch etwas zahmer auftritt. Statt mit purer Gewalt wie ihre seit 2005 angebotene, bezüglich Gasannahme etwas unerzogene Schwester mit 1131 cm3 Hubraum soll die TnT 899 S mit guten Manieren überzeugen. Was ihr auch gelingt. Mit gleicher Bohrung (88 Millimeter) wie die 1130er, aber geringerem Hub (49,2 statt 62 Millimeter) und überarbeiteter Software gibt sich die »Kleine« sehr ausgewogen. Bereits knapp über 2000/min saugt sich der Drilling ohne Verschlucken das Gemisch aus der amerikanischen Walbro-Einspritzanlage, legt ab 6000/min nochmals Kohlen nach und lässt bis 10000/min nicht locker. Versprochene 120 und gehaltene 118 PS kommen auch subjektiv rüber.
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Zumal das Umfeld passt. Sportlich aggressiv und doch bequem thront der Fahrer auf der Neuen, darin unterscheidet sie sich nicht von der 1130er. Ebensowenig beim Fahrgefühl. Das wird geprägt vom mit 1419 Millimeter kurzen Radstand und vor allem vom weit nach vorn gerückten, massigen Motor, der das beherrschende Stilelement der TnT-Linie, die beiden seitlich montierten Wasserkühler, erst erzwungen hat. Typisch TnT, dass demzufolge der größere Teil des Gewichts auf der Front lastet. Das Vorderrad scheint am Boden zu kleben, auf den Millimeter genau zieht es den orangefarbenen Spaßmacher um jede Ecke, vermittelt beruhigendes Vertrauen. Genauso wie die Bremsen, die auch ohne trendig-radial angeschraubte Bremszangen die Lage souverän im Griff haben.

In Sachen Federung bleibt sich die TnT ebenfalls treu. Die fein einstellbare Marzocchi-Gabel bügelt selbst faltige Provinzstraßen glatt, während das Sachs-Federbein auf holprigem Asphalt das Heck unruhig werden lässt, in Schräglage mitunter fühlbar zur Kurvenaußenseite trampelt. Und noch in einem weiteren Punkt pflegt die Benelli Traditionen. Mit 7,6 Litern auf der Autobahn und 6,3 Litern auf der Landstraße gießt sie sich gern kräftig einen hinter die Binde, lässt ihren Reiter durch den kurzen Auspuff obendrein kräftig nach Abgas muffeln. Und lenkt damit eher ungeschickt von den viel zu klein geratenen Kontrollleuchten ab. Doch kultivierter als die wilde 1130er ist die 899er auf jeden Fall. Und satte 3000 Euro günstiger.

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