Test Honda CBR 1100 XX Akte XX

Gerade mal zwei Jahre ist das bis dato stärkste Serienmotorrad auf dem Markt, schon gibt es eine überarbeitete Auflage. Zufall? Nein: Die neue CBR 1100 XX ist Konsequenz der Honda-Tradition, dem Guten das Bessere folgen zu lassen.

Vordergründig haben Besitzer der »alten« CBR 1100 XX keinen Grund zur Trauer. Von minimalen kosmetischen Korrekturen abgesehen, ist die 1999er Super Blackbird optisch ein Abziehbild des Vormodells.
Die entscheidenden Dinge, die heute von gestern trennen (siehe Kasten), sind technischer Natur, ranken sich im Wesentlichen um Motorsteuerzeiten, Gemischaufbereitung und Abgasentsorgung, bleiben also dem forschenden Auge verborgen. Um so gespannter sind Hirn und Hintern auf die geschliffeneren Umgangsformen, mit denen die aufpolierte Doppel-X zu glänzen verspricht.
Mit dramaturgischem Geschick sorgt die neue 1100er denn auch bereits beim Prolog für erste Highlights, läßt die Startprozedur zum Schlüsselerlebnis werden: Ein grünes Lämpchen im Cockpit signalisiert die Deaktivierung der elektronischen Wegfahrsperre, und nach anschließendem Druck aufs Starterknöpfchen findet der Vierzylinder spontan zu einem stabilen, leicht erhöhten Ruhepuls, der bei Erreichen der Betriebstemperatur um ein paar Takte zurückgenommen wird - alles automatisch, ohne manuell zu justierende Kaltstarthilfe.
Die hydraulisch betätigte Kupplung trennt mit Leichtigkeit, der erste Gang fällt - klack - ins Sechsganggetriebe. Ein bißchen Gas, die Finger der linken Hand entspannt, und die Fünf-Zentner-Fuhre setzt sich sanft, aber sehr nachdrücklich in Bewegung. Zweiter, dritter, vierter Gang - die Übersetzungsstufen flutschen auf kurzen Wegen durch die Schaltbox, die Drehzahlmessernadel zuckt im unteren Drittel des Anzeigebereichs, der Motor schiebt und schiebt - herrschaftliches Gleiten, perfektes Grand Tourisme-Feeling.
Ein energischerer Dreh am leichtgängigen Gasgriff, die Gänge etwas schärfer ausgedreht, und schon ist der fliegende Wechsel von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde in vollem Gange. War schon die Vergaserversion der XX ein Paradebeispiel an Midrange-power, so legt die elektronisch einspritzende Neuauflage noch einmal spürbar eine Schaufel zu. Vor allem die Spontaneität des Motors begeistert: Die Drosselklappen ein wenig aufgezogen, und nicht einmal einen Lidschlag später rauscht die Maschine wie von einem gespannten Gummiband gezogen davon.
Das Schöne dabei: Der 1100er verkneift sich die Unarten, die häufig mit Einspritz-Technik einhergehen: Lästige Lastwechselphänomene - harsches Abbremsen beim Gaswegnehmen, ruckartiges Anreißen beim Wiederaufziehen - sind der neuen XX völlig fremd. So ist es kein Problem, den Kraftprotz in den oberen Gängen mit minimalen Drosselklappen-Ausschlägen sanft und kontrolliert laufen zu lassen - bei widrigen Straßenverhältnissen, wie sie Herbst und Winter in reicher Fülle bereithalten, die halbe Miete für streßfreies Fahren.
Natürlich kann bei Bedarf die persönliche Adrenalinausschüttung jederzeit angekurbelt werden. Obwohl die Neue nominell vier PS eingebüßt hat, ist sie mit 156 gemessenen Pferdestärken und einer ausgesprochen fülligen Leistungskurve bestens bei der Musik. Zumal wenn man weiß, daß Vergaser-XXe im richtigen Leben kaum je die 160-PS-Marke erreichten. Das heißt: So lammfromm und gefügig die neue 1100er bei sittsamem Umgang mit dem Gasgriff ist, so gnadenlos reißt sie an der Kette, wenn die Leistungsschleusen rücksichtslos geöffnet werden. Volles Beschleunigen ist bis weit über 100 km/h ein Balanceakt zwischen durchdrehendem Hinterrad und um Bodenkontakt ringender Frontpartie - da werden Mensch und Maschine zum Spielball heftigster Massenkräfte. Erst nach rund neun Sekunden, bei Erreichen der 200er Marke auf dem Tacho, weicht allmählich der physische Streß, dafür stellt sich wachsende psychische Beanspruchung ein: Immerhin pfeilt die XX letztendlich mit 281 Sachen über die Bahn - da wischt ein Kilometer in knapp 13 Sekunden unter den Rädern weg.
Abgesehen vom grundsätzlichen Gefahrenpotential, das solchen Geschwindigkeiten innewohnt, hält die CBR 1100 XX keine ernsthaften Risiken und Nebenwirkungen bereit: Erst jenseits Tempo 240 ist bisweilen ein leichtes Rühren in der Lenkung zu spüren, das allenfalls empfindsame Gemüter stört. Außerhalb jeder Kritik steht dagegen das Aufgebot an Verzögerungsinstrumenten - drei im CBS-Verbund kooperierende Dreikolbenzangen erlauben rasanten und wohldosierbaren Geschwindigkeitsabbau.
Wie gehabt begeistert das flinke Handling auf der Landstraße. Aus sportlich-versammelter Fahrhaltung läßt sich das Kraftpaket mühelos und präsise dirigieren, obendrein wird - nicht zuletzt dank der reduzierten Dämpferrate der Telegabel - ein hohes Maß an Federungskomfort geboten.
Keine Frage also, daß sich Hondas Überflieger in die grundsätzlich richtige Richtung bewegt hat. Unter Beibehaltung vorhandener Tugenden wurde im Sinne gesteigerter Benutzerfreundlichkeit und gehobenen Fahrvergnügens an den richtigen Stellen Hand angelegt. Damit repäsentiert die CBR 1100 XX unter dem Strich ein sauberes Stück Modellpflege - und das beileibe nicht nur wegen ihres geregelten Katalysators.

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