Test Honda NTV 650 Deauville Oase der Ruhe

Sie war das Gegenteil von aufregend. Und das war ihre größte Tugend. Sie glänzte mit Komfort, Zuverlässigkeit und war die beste mechanische Freundin, die man sich vorstellen kann. Die neue Deauville soll noch besser sein.

Sie ist so unauffällig wie ein VW Golf, atemberaubend wie der tägliche Arbeitsbeginn und so zuverlässig wie die Tagesschau. Deauvillefahren wirkt merkwürdigerweise so beruhigend, dass es fast schon als Therapie gegen Stress von der Krankenkasse verordnet werden könnte. Das klingt negativ, meinen Sie? Ist es mitnichten.
Schon der erste Kontakt mit dem Motorrad ist dank der menschenfreundlichen Sitzposition positiv. Lenker, Sitzbank und Fußrasten sind wohltuend positioniert, sofort stellt sich das Relaxt-Gefühl ein und nach nur wenigen Metern Fahrt spielt das Ziel keine Rolle mehr. Sindelfingen oder Sydney. Die plastikverschalten und gut gegen den Fahrtwind schützenden fünf Zentner Deauville verlocken zum ständigen Unterwegssein. Aber wie kommt’s?
Der Motor, ein alter Bekannter aus dem ersten Africa Twin-Modell und der NTV 650 Revere, hat mittlerweile 14 Jahre auf dem Buckel und werkelte mit seinen 52 Grad Zylinderwinkel und 76 Grad Hubzapfenversatz schon seit dem Debüt 1998 in der Deauville. Für das 2002er-Modell wurde er effizient abgasgereinigt - zwei ungeregelte Katalysatoren plus SLS-System sichern den Sprung über die Euro-2 Schadstoff-Hürde - und feingetunt. Kolben und Pleuel sind gegenüber dem Vorgänger rund zehn Prozent leichter, Kupplung und Getriebe wurden verstärkt, insgesamt 80 verschiedene Motorbauteile überarbeitet. Die Mission: Schwingungen minimieren, Vibrationen eliminieren, Langstreckenkomfort maximieren.
Um Letzteres zu perfektionieren, hat Honda sich der serienmäßig integrierten Koffer angenommen und das Volumen von 34,7 auf 43,5 Liter vergrößert. Diese Kapazität lässt sich durch den Anbau von größeren Seitendeckeln (332 Euro) nochmals auf insgesamt 65,5 Liter Volumen erhöhen. Kardanantrieb war eh schon immer inklusive. Neu an Hondas Mittelklasse-Tourer sind außerdem ein größerer Handbremszylinder, zwei Dreikolben-Bremssättel vorn und einem Zweikolbensattel hinten sowie das patentierte und in einigen Modellen bereits eingesetzte Kombi-Bremssystem CBS. Hierbei wird über ein Steuerventil bei Betätigung der hinteren Bremse gleichzeitig einer der drei vorderen Bremskolben mit aktiviert.
Für alle ungeübten Fahrer und unsicheren Bremser stellt das CBS einen Sicherheitsgewinn dar. Die übrigen können damit leben, die Sportfahrer werden fluchen - die Blockiergrenze des Reifens ist sehr schwer zu ertasten. Besonders im Stadtverkehr soll das System, so Honda, Vorteile bringen – die Deauville ist ein beliebtes Kurierkrad. Zwar ist es aus sehr niedrigen Geschwindigkeiten möglich, das Bike nur per Druck aufs Fußpedal abzubremsen, doch erst wenn sich ein kräftiger Zug an der Vorderbremse hinzu gesellt, bezwingen die Stopper die 250 Kilogramm – die Neue hat gegenüber dem Vorjahresmodell fünf Kilo zugelegt. Das passt zu ihrer Beschaulichkeit und dem herrlichen Gefühl von Urlaub, das sie schon auf den ersten Metern Fahrt verströmt. Und wofür maßgeblich ihr Motor verantwortlich ist.
Klar, einige würden ihn als phlegmatisch beschreiben. Und sicher, gegenüber seinem Vorgänger, bereits kein Kind euphorischer Beschleunigung, hinterlässt das Laufkultur-verbesserte Aggregat den Eindruck, als wäre sein mechanisches Herz mit zähflüssigem Öl gefüllt. Meditativ durchatmend, schickt die Deauville sich an, gemütlich gen Höchstgeschwindigkeit zu traben – 184 km/h. Alles an ihr wirkt irgendwie zeitverzögert. Die Gasannahme, obwohl sie direkt ist, das Bremsen, obwohl es optimiert ist, und das Lenken, obwohl es nahezu präzise ist. Wenngleich Letzteres ein wenig Nachdruck erfordert. Denn die Honda verlangt gewichtsbedingt nach einem Schenkelimpuls, will immer einen größeren Bogen fahren als gewünscht. Fahrwerksseitig kompromisslos auf Komfort getrimmt, chauffiert sie ihre Passagiere wohlwollend sanft über die Buckel dieser Erde. Die Gabel könnte zwar einen Hauch straffer sein – bei schlagartigen Bremsen geht sie auf Block –, funktioniert aber unter Tourenaspekten tadellos.
Insgesamt gesehen hat man bei Honda die Zeichen der Zeit erkannt. Statt höher, schneller, weiter lautet die Devise Reisen statt Rasen. Dieses wird mit der optimierten Deauville garantiert so entspannend wie in der Werbung. Kein Stress, keine Termine. Einfach gleiten. Das Leben ist ein schneller, wilder Fluss. Und die Deauville eine Oase der Ruhe.

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