Test Kawasaki Ninja ZX-9R Kraftwerk

Die neu konstruierte Kawasaki Ninja ZX-9R mixt in noch nicht dagewesener Form die Leistung einer Tausender mit dem Gewicht und dem Handling einer 600er. Leicht und stark, aber auch fahrbar?

Kraftwerk - wer hätte diese Bezeichnung verdient, wenn nicht die neue Kawasaki Ninja ZX-9R. Ein paar Eckdaten gefällig? 148 gemessene PS und 103 Newtonmeter Drehmoment. Das ist viel. Oder: 183 Kilogramm Leergewicht, vollgetankt deren 211. Das ist leicht. Mit Sprit und Fahrer unterscheidet sich das Kawa-Leistungsgewicht nur noch um ein paar Prozentchen von dem eines Pro-Superbike-Renners. Entsprechend fallen die Fahrleistungen aus: in 9,1 Sekunden auf Tempo 200, 281 km/h Spitze. Und das - das ist schnell.
Dabei wirkt die Ninja im ersten Moment eher unscheinbar: recht brav gestylt, mit aerodynamisch schlanker, moderner Linie. Nur das grinsende Ram-Air-Maul verrät den Wolf im Schafspelz. Auch die Sitzposition erinnert nicht an einen Supersportler: sehr aufrecht wegen der über der Gabelbrücke geklemmten Stummel, infolge des kurzen Tanks nicht kräftezehrend gebeugt, mit noch angenehm plazierten Fußrasten. Sogar ein Beifahrer fühlt sich auf der Ninja wohl. Erfreulich außerdem die fünffach verstellbaren Handhebel und das aufgeräumte Cockpit mit zuschaltbarer Uhr. Und dank ihres niedrigen Schwerpunkts und ihrer schlanken Taille balancieren auch Kurzbeinige die Leichtathletin problemlos.
Beim Anlassen dann das wahre Gesicht: Heiser fauchend startet der kernige Reihenvierzylinder selbst bei Kälte willig. Das Triebwerk, das jetzt tragend den Rahmen versteift, wurde neu gestaltet - Devise: kleiner, leichter, stärker. Der Hub schrumpfte drehzahlfreundlich, dafür lassen die mit der Bohrung gewachsenen Ventile mehr Gas in die Brennräume. Ein Haufen Kopfarbeit hier, ein paar Aggregate umgruppiert da, und voilà: fast neun Kilo Gewichtsersparnis bei kompakterem, steiferem Motor. Was dem Start folgt, ist Leistung im Überfluß, ganz gleich bei welcher Drehzahl. Jeder Gasbefehl der rechten Hand wird fast mit der Spontaneität eines Einspritzmotors umgesetzt. In den unteren Gängen zieht das Triebwerk wie das sprichwörtiche Gummiband. Aber auch im langen sechsten Gang gibt’s bereits ab 1500/min ruckfreie Beschleunigung und nahezu einmaligen Durchzug: Nur 8,4 Sekunden von 60 auf 140 km/h - Madonna, welche Kraft!
Das Fehlen ausgeprägter Leistungsspitzen verheimlicht dem Fahrer den tatsächlichen Vortrieb. Oft verrät erst der Blick auf den Tacho, wie schnell bereits gefahren wird. Also Vorsicht! Leider setzt die Leistung beim Übergang von Schiebe- zu Lastbetrieb etwas ruppig ein. Zudem sind über das ganze Drehzahlband, besonders im Schiebebetrieb, feine Vibrationen spürbar. Keinerlei Kopfzerbrechen bereitet das sportlich-knapp gestufte Getriebe, das sich exakt schalten läßt und präzise einrastet. Das Räderwerk profitiert auch von der seilzugbetätigten Kupplung, die butterweich trennt. Leicht, weich, easy, aber präzise und direkt - genau darin liegt das Geheimnis der Ninja.
Diese Philosophie spiegelt auch das Fahrverhalten wider. Die ZX-9R bestätigt den guten Eindruck, den sie bei der Präsentation (MOTORRAD 23/1997) hinterließ und glänzt mit einem Handling, das dem einer 600er sehr nahekommt. Dies ist unter anderem den Bridgestone BT 56 in F-Ausführung zu verdanken. Wegen des geringen Maschinengewichts genügt ihnen eine Karkaßlage. Ergebnis: äußerst leichte, komfortable und handlingfördernde Reifen, die mit guter Eigendämpfung die Neigung zum Lenkerschlagen minimieren. Der weiche Unterbau der Pneus verursacht zwar bei abrupten Richtungswechseln, bei mittlerer Schräglage in engen Bögen oder auf welligen Fahrbahnbelägen ein etwas schwammiges Fahrverhalten. Bei Spätbremsungen stempelt zudem der Vorderreifen. Diese leichten Unruhen werden aber nie unangenehm. In der Summe ihrer Eigenschaften tragen die Bridgestone auf jeden Fall zu den guten Manieren der ZX-9R bei. Unverständlich bleibt die kompromißlose Abstimmung der Kayaba-Federelemente, die sich nur von hart bis straff einstellen lassen - die Fahrt auf schlecht ausgebauten Straßen wird so zur Tortur.
Aber immer wieder begeistert diese unglaubliche Leichtigkeit. Ecke anvisieren, und schon fällt die Kawa fast von allein in Schräglage. Gern und ohne großes Aufstellmoment biegt sie auf der Bremse in die Kurve ein. Die gewählte Linie läßt sich beliebig und äußerst präzise dirigieren. Keine Probleme auch bei extremer Fahrweise: Unergründliche Bodenfreiheit, Gripmangel gibt’s höchstens auf der Rennstrecke. Der 180er Hinterreifen reicht selbst für ein solches Kraftmonstrum aus. Starke Schräglagen nimmt die ZX-9R absolut fahrstabil, schnelles Umlegen geht spielerisch von der Hand.
Der neue Rahmen erledigt seine Aufgabe prima. Sogar bei Höchstgeschwindigkeit ist die Neuner, bis auf gelegentliches Lenkerzucken beim Überfahren von Längsrillen, nicht aus der Ruhe zu bringen. Vor dem Fahrtwindorkan, der dann tobt, finden auch große Fahrer Shutz, sofern sie sich tief hinter die Verkleidungsscheibe ducken. Soll dem Vorwärtsdrang der Ninja wieder Einhalt geboten werden, überzeugen die Bremsen durch hervorragende Dosierbarkeit und kräftige Wirkung. Fading tritt erst nach vielen, scharf gefahrenen Runden auf der Rennstrecke auf. Das im Fahrbericht monierte Gabelflattern wurde anscheinend von ungenau gefertigten Bremsscheiben angeregt. Mit anderen Scheiben bestückt, war kein Flattern mehr feststellbar.
Eine Vergleichsmessung der optional erhältlichen Katalysator-Version offenbarte übrigens fast deckungsgleiche Leistungskurven der beiden Motoren bei vergleichbaren Verbrauchswerten und Fahrleistungen. Die 300 Mark Aufpreis für die Sauber-Kawa sind also gut angelegt. Nicht so gut gefällt dagegen so manches serienmäßige Teil der Ninja. Liebevoll ausgeführte Details sucht man vergebens, die simple Kastenschwinge wirkt schon fast billig. Nicht, daß ein Mangel zu beklagen wäre. Aber schöner wäre einfach schöner gewesen.
Doch entscheidend ist bei der Ninja die Frage, ob sich die Entwicklung am Scheideweg der Beherrschbarkeit befindet. Im Prinzip nicht: Die Ninja benimmt sich so unauffällig, leichtfüßig und stabil, drückt ihre Kraft so gleichmäßig auf den Hinterreifen, daß sie nie so schnell wirkt, wie sie gerade ist. Doch gerade darin liegt eine gewisse Gefahr. Dies bestätigten auch einige redaktionsfremde Gasttester. Tenor: einhellige Begeisterung, aber auch gehöriger Respekt. Sicherlich eine gesunde Einstellung zum Kawa-Kraftwerk.

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