Test: Lawwill Street Tracker An jedem Tag

Kaum zu glauben, aber die Harley-Davidson XR 750 ist das erfolgreichste Sportmotorrad der Welt. Seit 1972 beherrscht sie nahezu unverändert die Dirt-Track-Ovale in den USA. Was Harley nie gelang, schaffte jetzt Mert Lawwill, einer der ganz großen Dirt-Track Racer: Er schuf ein echtes Tribute-Bike.

Foto: Kevin Wing

Die XR 1200 war ein gut gemeinter Anlauf, die heroische Bilanz der XR 750 an den Kunden da draußen weiterzugeben, mehr leider nicht. Ein bisschen Racing-Orange hier, ein paar PS zusätzlich da und etwas sportlichere Attitüden dort machen aus einer serienmäßigen Harley-Davidson eben kein Sportmotorrad. Auch wenn sich die große XR gut verkauft, Sport dürfte dem Durchschnitts-Harley-Kunden an der Wampe vorbeigehen.

Die XR 750 ist jedoch wirklich etwas für Racer. Ein wildes Tier auf staubigem Untergrund, das in wilden Drifts um zwei 180-Grad-Kurven jagt und mit Wheelie hinaus auf die zwei Geraden hämmert - Nicky Hayden hat sein Können auf ihr gelernt. Einfach eine zu kaufen ist ziemlich schwierig, denn Harley baut sie schon lange nicht mehr. Den Dirt-Tracker auf der Straße zu fahren, ist schlicht illegal. "Deshalb haben mich die Leute fast zehn Jahre lang immer wieder gefragt, ob ich keinen Street Tracker bauen könnte. Einer der genau so aussieht wie die 750er, mit dem man aber auch einfach so rumfahren kann," erzählt Mert Lawwill, Held aus dem Doku-Film "On Any Sunday" und ehemaliger AMA-Champion.

Schließlich hat sich der Kalifornier daran gemacht und mittlerweile 17 der Lawwill-Street Tracker gebaut. Kein einfaches Unterfangen, denn seit Harley den XL-Sportster-Motor 2007 auf Einspritzung umgestellt hat, taugen die aktuellen Motoren nicht mehr zum Umbau. ?Das fängt mit der Elektrik an, weil wir ja die typischen Doppelvergaser brauchen." Außerdem müssen die Zylinderköpfe komplett umgebaut werden. Aufgrund der Fahrtechnik liegen die Tracker-Auspuffrohre nämlich links, die 38-mm-Mikuni-Vergaser mit den monströsen K&N-Luftfiltern rechts. Der Rest des Serien-XL-Motors bleibt weitestgehend erhalten. Primär wird mit Kette, sekundär mit dem üblichen Riemen angetrieben. Nur die Übersetzung ist kürzer.

Außerdem nutzt Mert den Lenker und die Blinker-Anlage der Serie. Bessere Performance bringen vor allem die neuen Köpfe. "Er soll ja nicht nur aussehen wie ein echter Dirt-Tracker, sondern auch so fahren", grinst Mert. Durch die modifizierten Einlässe fließt das Luft-Sprit-Gemisch jetzt wesentlich effizienter in die Brennräume und generiert mit speziell angefertigten Andrews-Nocken gute 92 PS am Hinterrad (Serien-XL: ca. 65 PS). Knappe 120 Nm powern den Tracker vorwärts. Die Screaming-Eagle-Renn-Zündung und die Supertrapp-Auspuffanlage tragen ebenfalls dazu bei.

Den Chrom-Molybdän-Stahl-Rahmen hat Mert selbst entwickelt. Alle weiteren Anbauteile, wie der Alu-Öltank und das Alu-Spritfass, stammen ebenfalls aus seiner Werkstatt oder von Dave Garoute und Jim Belland, alles alte Weggefährten von Mert. Mit seinen 204 kg ist der Racer über 45 kg leichter als die Serien-Sportster. Die Gabel stammt aus einer Buell Firebolt. Lediglich ein Vierkolben-Brembo-Sattel beißt vorn in eine einzelne Scheibe. Ein Tracker bremst eben hinten kräftig mit und lässt es ansonsten mächtig laufen.

Der große Clou an Merts Bike ist sowieso die Hinterhand. Nach dem Vorbild seiner Mountain-Bikes verbaut er hinten eine Art Doppelschwinge, je einen unabhängigen Ober- und Unterzug, die am Hinterrad verbunden sind. Die Dämpfung befindet sich dazwischen. Das Mono-Federbein ist nicht am Rahmen abgestützt. Mert hält darauf ein Patent und nennt es "Quadrilateral". Statt sich beim Gasgeben hinten reinzuziehen, geht sein Motorrad eher etwas nach oben, vollzieht so einen Gewichtstransfer und drückt die volle Kraft des Hinterrads auf die Straße. Dadurch verliert er viel weniger von der Motorleistung im Antriebsstrang und der Dämpfung. Gleichzeitig wheelt es nun nicht mehr.

Trotz dieser neuartigen Technik ist das Bike sehr komfortabel gefedert und gleichzeitig gut zu beherrschen. Das einzige, was man Merts wunderschöner Replika vorwerfen kann, ist die der Dirttrack-Fahrweise geschuldete katastrophale Ergonomie. Wegen der Vergaser muss man mächtige O-Beine machen, um an die Rasten zu kommen. Außerdem war der Hitzeschutz der Auspuffrohre des Testbikes an der völlig falschen Stelle. "Naja, du bist einiges größer als ich", lacht Mert. "Aber wenn Du einen Tracker bestellst, mach ich es passend; versprochen."

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Foto: Wing

Technische Daten

Lawwill-Street Tracker

Antrieb: Zweizylinder-V-Motor, 2 Ventile/Zylinder, 68 kW (92 PS) Hinterradleistung bei 6000/min, 120 Nm, 1202 cm³, Bohrung/Hub: 88,8/96,8 mm, Verdichtung: 10:1, 38-mm-Mikuni-Doppelvergaser, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung.

Fahrwerk: Chrom-Molybdän-Gitterrohrrahmen.Lenkkopfwinkel: 63 Grad, Nachlauf: 99 mm, Radstand: 1448 mm, Ø Gabelinnenrohr: 43 mm, Federweg v./h.: k.A.

Räder und Bremsen: Kosman-Speichen mit Excel-Aluminium-Felgen, Reifen vorn: 27 x 7,0-19 Maxxis Dirt Track-1 WM 3, hinten: 27,5 x 7,5-19 Maxxis Dirt Track-1 WM 4, 320-mm-Einzelscheibenbremse mit Vierkolben-Festsattel vorn, 250-mm-Einzelscheibenbremse mit Zweikolben-Schwimmsattel hinten

Gewicht (mit Öl ohne Benzin): 204 kg, Tankinhalt: 13,3 Liter Super (davon Reserve: k. A.)

Grundpreis: ca. 18700 Euro bei Anlieferung einer XL 1200 von 2007 oder älter

Mert Lawwill - Racer und Konstrukteur

Als Mert Lawwill sein Rennleder 1977 an den Nagel hängte, hatte er in 15 Jahren 161 AMA-Rennen bestritten, davon 15 Rennen in jeder Disziplin (TT, Meile, Halbe Meile und Viertelmeile) gewonnen und 1965 bei den Daytona 200 den zweiten Platz belegt. 1969 gelang es ihm, die AMA-Krone zu gewinnen. Im Jahr darauf war er in Bruce Browns Doku-Film "On Any Sunday" neben Steve McQueen als Racer zu sehen.

Nach seiner aktiven Karriere baute Mert erfolgreich Rennmotorrad-Chassis und wurde schließlich mit speziellen Mountain-Bike-Konstruktionen ein wohlhabender Mann. Der 68 Jährige baut außerdem Spezialprothesen für behinderte Rad- und Motorradsportler. Seine Firma sitzt in Tiburon, Kalifornien.

www.mertlawwill.com

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