PS Tuner-GP 2010: Racebike Test: Motorradtke Yamaha YZF-R6

Es muss nicht immer der größte Leistungs-Protz sein: Die PS-Leser wählten die zierliche Yamaha-R6 von Motorradtke zum besten Motorrad des Tuner-GP und lagen sicher nicht so falsch. Die Yamaha hat auch Tester Uwe Seitz betört.

Foto: jkuenstle.de

Test: Motorradtke R6

Kennen Sie dieses Gefühl auch, dieser innere Reiz, vor Freude einfach laut brüllen zu müssen? Wenn sich so ein "Huuaaah" Bahn bricht und im Innern des Helms kurzzeitig den Lärm aus Motor- und Windgeräuschen verdrängt? Mir geht es so, wenn solche Schlüsselstellen wie die Spitzkehre oder die Rechts-Links-Kombination in die Parabolika hinein spielerisch gelingen. Auf dem GP-Kurs am Hockenheimring gibt es diese Stellen, die ich sicher nie so richtig lieben werde, aber sie verraten einem genau deshalb mehr als das Motodrom. Nämlich, ob das Motorrad unter einem wirklich etwas drauf hat, ob es die bisher für unmöglich gehaltene enge Linie zulässt, weil es schon nach wenigen Runden schier grenzenloses Vertrauen schafft und den Fahrer ohne Risiko über seine bisherigen Grenzen hinauswachsen lässt.  Machen wir's kurz: Die Yamaha R6 von Motorradtke aus dem thüringischen Gera ließ mich oft "Huaaah" brüllen - bis die Stimmbänder streikten. Dabei lässt der Blick aufs Datenblatt das zunächst nicht gleich erwarten, denn Erbauer Lars Sänger hat seine R6 als Stocksport-Racer erdacht und ausgeführt und den Motor bis auf die Verdichtung folglich nicht großartig angerührt. Aber er hat ihm selbstverständlich an der Peripherie alles gegönnt, was das Herz begehrt. Kit-Kabelbaum, Kit-Steuergerät, geänderte Ansaugtrichter, Airbox, Luftfilter, einen Zusatzkühler und eine Remus-Auspuffanlage. Dies und noch ein paar feine Kleinigkeiten mehr liefern ihren Beitrag zur Performance. Für die hat Lars Sänger, der nicht nur wegen dieses Talents bereits Kompagnon von Mentor Jörg Radtke ist, seine ganze Erfahrung seiner noch jungen Jahre in die Ausführung gesteckt. Immerhin hat Sänger mit diesem Bike Rico Penzkofer neben IDM-Starts schon erfolgreich auf Roadraces wie die Northwest 200 und TT geschickt.

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Echte 134 PS drückt die Motorradtke-R6 an die Kurbelwelle, hängt sehr direkt am Gas und schiebt mit aller Supersport-Macht vorwärts. Vorausgesetzt, die Drehzahlen liegen ganz nahe der 10 000/min-Marke und darüber - die Gesinnung einer R6 kann der beste Tuner nicht verrücken. Die Klangkulisse passt zum spärlich-funktionalen Ambiente, das den Fahrer beim Aufsitzen empfängt. Zunächst wirkt die von Motorradtke selbst gebaute Sitzbank etwas breit. Doch das Gefühl schwindet augenblicklich, wenn es richtig los geht und der Fahrer physisch aktiv am Geschehen teilnimmt. Die Bewegungsfreiheit ist vorzüglich, der Platz tief abgetaucht, in der Parabolika absolut passend. Die Stummel mit den Pazzo-Hebeln liegen perfekt in der Hand, und der Quick-Shifter macht die Bedienung kinderleicht.
Da kommt sie, die ungeliebte Spitzkehre! Anker werfen, Gänge runtersteppen, rum. Wie auf Schienen schiebt die 165 Kilogramm leichte R6 auf den angepeilten Einlenkpunkt zu. Die Bremsstabilität ist tadellos, die Anti-Hopping-Kupplung sorgt für ruhige Entschleunigung am Heck, das nur beim letzten Schaltvorgang in den ersten Gang kurz vor dem Abwinkeln etwas tänzelt. Die Gabel meistert den Gewichtstransfer ebenfalls großartig. Jetzt noch um dieses dämliche Eck und Gas auf. Sofort wird die Front leicht. Augenblicklich mahnt der Schaltblitz einen Gangwechsel nach dem anderen an, denn die Yamaha R6 fliegt auf den superschnellen Rechtsknick zur Mercedes-Tribüne zu. Traumhaft fühlt es sich hier an, mit einem sauber ausbalancierten Racebike unterwegs zu sein, das blitzschnell abwinkelt, zielgenau durchpfeilt und bei der hier erreichten hohen Geschwindigkeit in tiefer Schräglage geradezu hingemeißelt der nächsten Aufgabe entgegen stürmt. 
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Foto: fact

Damian Cudlin, der die Motorradtke-R6 abgestimmt hat und mit technischem Support von Lars Sänger in der IDM ganz vorn mitmischt, hat einen super Job gemacht. Das belegt nicht nur dessen Rundenzeit von 1,46.698 min. In jeder Phase der Hatz um den flachen Hockenheimring hinterlassen die K-tech-Dämpferelemente einen sehr guten Eindruck. Das Feedback schafft Vertrauen, das Ansprechverhalten ist eine perfekte Mischung aus Racing-Härte und physikalisch nötiger Bewegung. Und schließlich ist es Zeit für das erste "Huuaaah" des Tages.

Nach der dritten Runde ist vor der Rechtskurve zur Parabolika-Einfahrt nämlich die Außenbahn besetzt. Mist! Jetzt früher bremsen und hinten anstellen oder doch mal die Innenbahn versuchen? Dann fehlt erfahrungsgemäß der Schwung für die Links und ich steh dem Überholten anschließend im Weg. Egal, Racing hat mit Egoismus zu tun! Voll in die Eisen und abwinkeln! Statt wie erwartet jetzt zu weit hinaus getragen zu werden, signalisiert die Yamaha, dass sie es gern enger mag. Ist ja Wahnsinn, Kurskorrektur. Ich ziehe sie rechts näher an die Curbs und leg schnell hart um. "Huaaaah", so früh war ich beim Gasgeben in die Parabolika hinein noch nie dran. Dem Kollegen von eben dürfte ich kaum aufgefallen sein. Es sei denn, ich kann lauter Brüllen als Lars' piekfeine Yamaha R6.

Foto: PS

Technische Daten + Leistungsdiagramm

600er sind nun mal keine Kraftprotze, aber der Leistungsverlauf ist tadellos, und mit den nötigen Drehzahlen geht mit dieser leichten R6 richtig was - bei manchen Fahrern mehr als auf brutalen 1000ern.

Gewicht: 165,7 kg
Vorn/hinten: 53,0/47,0 %
Leistung: 134 PS
Preis: 19 000 Euro

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