Test Wunderlich-BMW R 1200 R Trophy Schön gemacht

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Böse Zungen behaupten, die legendäre R 90 S wäre die letzte wirklich schöne BMW gewesen. Für solche Leute muss der Umbau der R 1200 R von BMW-Spezialist Wunderlich Balsam für die Seele sein, lehnt er sich doch optisch stark an die unverwechselbare R 90 S an. Keine Spur mehr von der serienmäßig grauen Maus, die es faustdick hinter den Ohren hat, sie gewann 2007 das MOTORRAD-Alpen-Masters. Um die fahrerischen Qualitäten der R ist es also ohnehin bestens bestellt. Wie verwandelt wirkt sie nun in der leuchtenden Lackierung »Daytona-Orange«/Silber mit verführerischem Farbverlauf und roten Zierstreifen wie 1973. Wobei erst die hauseigene Halbschale "Classic Trophy" den Zeitsprung komplett macht. Der feurige Roadster erscheint gleichzeitig elegant und sportlich, drahtig und bullig. Zudem lenkt die neue Front dankenswerterweise von den wenig schmucken, asymmetrischen Instrumenten ab. Funktionell mindert die Verkleidung den Winddruck am Oberkörper deutlich. Obwohl Schultern und Helm fast frei im Wind liegen, treten kaum Turbulenzen auf, außerdem geht es angenehm leise zu. Da sollten hohe Reiseschnitte ein Leichtes sein. Nur minimaler Sog nach vorn stört mitunter. Kein Wunder, bei 240 km/h auf dem Digitaltacho und 8500 Touren auf dem Drehzahlmesser.
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Wunderlich macht dem Boxer Beine. Lässt den Drehzahlbegrenzer (sonst bei 7800/min) später eingreifen und hat das Steuergerät für Zündung und Einspritzung (Zeitpunkt und Menge) anders programmiert. Neue Nockenwellen mit geänderten Steuerzeiten und Ventilhüben betätigen leichtere Tassenstößel. Das verbessert Drehfreude und Power. Der Boxer atmet durch vergrößerte Ansaugtrichter und einen "Blue"-Baumwoll-Luftfilter gut hörbar ein und durch Serien-Krümmer wie -Kat und Zard-Auspuff aus. "Damit wir ausreichenden Durchsatz erzielen" (Erich Wunderlich), sei das ein reiner Absorptionsschalldämpfer. Dumpf und sonor tönt der Italo-Topf, ohne zum ordinären Brüllrohr zu mutieren. Lohn der Mühen sind gemessene 118 PS, sieben mehr als in der Serie. Und mehr Drehmoment, 120 statt 114 Newtonmeter. Auch wenn die Drehmomentkurve wie gehabt eine bayerische Berg-und-Tal-Bahn ist, mit einem kleinen Hänger bei 4500/min. Spätestens oberhalb von 5500 Touren erklimmt die rheinische BMW unbekanntes Terrain, ein steiles und hohes finales Leistungsmassiv. Richtig spritzig ist der Boxer. Nur die bekannt krachenden Schläge beim Herunterschalten hat der Sport-Roadster nicht verdient. Da kann Wunderlich nichts für. Wohl aber für die mäßige Schräglagenfreiheit. Rechts schleift das verbreiterte Bremspedal, links die vergrößerte Standfläche des Seitenständers. Mit welcher die rassige R im Übrigen zu aufrecht und damit unschön kippelig steht.
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Kein günstiges Vergnügen ...

Aber wir waren ja in Fahrt. Und wie! Die Road Attack-Reifen von Continental (vorn Sonderkennung "Z", hinten "C") haften selbst bei kühlen Temperaturen sensationell. Das serienmäßige, elektronisch einstellbare ESA-Fahrwerk gibt sich agil und stabil, bügelt Flickenteppiche zu seidig glattem Asphalt. Sollte man sich doch mal verschätzt haben, nimmt die 1200er Lenkbefehle hochmotiviert an. Wunderbar, wie einfach sich die 232 Kilogramm schwere Trophy dirigieren lässt. Hoppla, so was nennt man tolles Handling.

Aktiver fällt die Sitzposition der Wunderlich-Trophy aus. Der flachere Lenker kompensiert die niedrigere Ergo-Sitzbank (810 statt 825 Millimeter Sitzhöhe). Sie ist zweifarbig, bequem zugeschnittenen und prima gepolstert. Dazu passen die versetzten Fußrasten: Sie liegen etwas weiter außen, vier Zentimeter tiefer und sind 1,5 Zentimeter breiter.

Fein gemacht: das Zubehör. Etwa Innenkotflügel, Ansaugschnorchel und Ölkühlerabdeckung aus Karbon, Radnaben Abdeckung, längenverstellbare Parallelverstrebe, Alu-Behälterdeckel für Bremse und Kupplung, abschließbarer Ölstopfen. Ist halt schön gemacht, diese R. Aber auch ganz schön teuer. Nicht zuletzt, weil man erst mal eine teure Serien-BMW kaufen muss.

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