Test Yamaha FZS 600 Fazer Augenblick mal

Die kenn’ ich doch irgendwoher? Richtig, die kleine Fazer hat sich das scharfe Kleid der großen Schwester übergeworfen. Und guckt prompt erwachsener aus der Wäsche.

Mit der FZS 600 Fazer ging Yamaha 1998 neue Wege, verpflanzte ein modifiziertes Sportlertriebwerk in ein konventionelles Doppelschleifen-Stahlrohr-Gerippe und baute Allroundertypisches drum herum. Operation gelungen, Patientin lebt. Und zwar so erfolgreich, dass die 600er anfang dieses Jahres eine Schwester mit einem Liter Hubraum bekam: die FZS 10000 Fazer, entstanden nach ähnlichen Stickmuster. Für die kommenden Saison darf die kleine 600er nun mit einer sportiven Frontverkleidung im Stil der 1000er herumfahren.
Durchaus zu ihrem Vorteil: Nicht nur, dass die beiden Freiflächenscheinwerfer Nachtschwärmern besser heimleuchten, auch in Sachen Überholprestige hat die bislang eher zurückhaltend dreinblickende Allrounderin mächtig aufgeholt – bei Maximaltempo 223 ist ein böser Blick zuweilen hilfreich. Trotz des neuen Kleidchens eignet sich der Fazer’sche Arbeitsplatz bei Eiltempo auf der Bahn allerdings noch immer nicht.
Egal, die FZS 600 ist eh ein Landstraßentyp. Unverändert tigert der mittels modifiziertem Zylinderkopf und kleineren Vergasern auf noch bessere Alltagsmanieren getrimmte Ex-Thundercat-Motor katzenartig durchs Drehzahlband, bis etwa 6000 Touren auf Samtpfoten, bevor der Vierventiler die Krallen ausfährt und spürbar an Leistung, aber auch bizzelnden Vibrationen zulegt. So kommt es, dass die kleine Fazer auf der Landstraße wenig Konkurrenz fürchten braucht. Wer schnell sein will, muss jedoch drehen – und schalten, viel schalten. Pferdefuß dabei: Üppiges Spiel im Antriebsstrang lässt die Sechsgangbox gern mal »der widerspenstigen Zähmung« aufführen, Gangwechsel erfordern Nachdruck und bleiben nicht ohne akustische Untermalung. Dabei entweicht der fürs neue Modell komplett aus Edelstahl gefertigten Vier-in-eins-Anlage dezentes Säuseln bis gepresstes Schreien. Und vollkommen ungereinigte Abgase – pfui. Mit 5,8 Litern Sprit pro 100 Landstraßenkilometer ist die 600er zwar kein Sparwunder, doch dank des neu geformten, um zwei auf 22 Liter gewachsenen Tanks gehören Reichweiten um 350 Kilometer wie bisher zum Standardrepertoire.
Leider gilt dies ebenfalls für das gestörte Verhältnis zwischen Fahreroberschenkel und dem knubbeligen Spritfaß. Obwohl Yamaha nachbesserte, gelingt der perfekte Knieschluss wieder nicht. Ansonsten buhlt die 600er-Fazer nach Kräften um ein inniges Verhältnis zum Piloten. So gebärdet sich das für de Jahrgang 2002 unveränderte Fahrwerk sehr manierlich. Zurückhaltung in Sachen Reifenbreite zahlt sich aus – mindestens in Sachen Neutralität kann die mit Bridgestone BT 57 antretende 600er modisch breit Besohlten eine lange Nase machen. Kurvenfahren gerät zum reinen Vergnügen und nicht zur Wissenschaft: Einlenken, durchfahren, rausbeschleunigen. Alles aus einem Guss, alles im Fluss. Breites Grinsen statt verkrampftes Stirnrunzeln – Fazer-Feeling eben, ohne Tücken, ohne Überraschungen. Und zwar vollkommen.
Na ja, fast, denn irgendwann wünscht man sich einen Tick mehr Dämpfung. Auf zügig genommenen Bodenwellen und beim ultrazackigen Spurwechsel kommt Nervosität hinterm schmalen Lenker auf, lockeres Swingen schmeckt der FZS 600 Fazer daher besser als hektisches Lenkerreißen und Gasgriffquirlen.
Und die Bremsen? Die Vierkolbensättel vorn herrlich dosierbar und vehement im Biss, die Zweikolbenzangen hinten vergleichsweise phlegmatisch. Fast zu flott taucht hingegen die Gabel während harter Stopps in die Tiefe. Da hilft nur die großzügige Anhebung der Front durch Verstellen der Federbasis, eine einstellbare Dämpfung hält Yamaha weiterhin für entbehrlich. An anderer Stelle sind die Japaner spendabler: so sorgen nunmehr längeren Spiegelausleger für mehr Rücksicht, zwei getrennte LCD-Displays im Cockpit für klarere Infos sowie ein einstellbarer Handbremshebel für Komfort – wie bei der großen Schwester. Ist doch schön, zur Familie zu gehören, gell?

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