Test: Yamaha SZR 660 Yamaha SZR 660

Kein Nonsens: einzylindrige 660 Kubik, sportlich eingeschenkt, wöhr das nichts?

Was Heinz Schenk, Reno Nonsens und Lia Wöhr als Protagonisten der Äppelwoi-Geselligkeit mit der Yamaha SZR zu tun haben? Eigentlich gar nichts. Oder doch? Ob Blauer Bock oder blauer Bock, hier wie dort wird gute Unterhaltung versprochen, die auf die anregende Wirkung eines in einzylinderiger Form dargereichten Genußmittels setzt.Die von Musik und Humor begleitete Variante des Muntermachers hat beim Fernsehpublikum über Jahrzehnte breiten Zuspruch gefunden, während die zweirädrige Spielart auf der Motorradszene erst noch zeigen muß, wie es um ihre »Einschaltquote« bestellt sein wird.Zählt man die Stimmen, die seit Jahr und Tag den sportlichen Einzylinder als Alternative zum vierzylindrigen Einheitsbrei predigen, dürfte es dem Yamaha-Importeur nicht bange sein um den kommerziellen Erfolg der 660er.Für die SZR spricht spontan, daß sie im Kreis sportlich orientierter Mitbewerber nicht nur durch ihre Motorisierung hervorsticht. Sie ist außergewöhnlich kompakt und niedrig, und vor allem präsentiert sie sich in einem Design, das polarisiert: Ihre aufreizenden Rundungen, mit denen sie bewußt den Trampelpfad des Renn-Replika-Stylings meidet, gefallen oder stoßen auf Ablehnung, lassen jedenfalls nicht kalt.Weil Formgestaltung und Abmessungen unmittelbar auf die ergonomischen Gegebenheiten durchschlagen, ist die Yamaha auch aus ganz handgreiflichen Gründen kein Motorrad für Otto, sondern eher für Ottilie Normalverbraucher. Wer - wie der Autor - 1,80 Meter mißt und mit relativ langen Armen und Beinen ausgestattet ist, lebt auf der SZR im Zwiespalt. Oberhalb der Gürtellinie geht`s trotz der tief angebrachten Lenkerhälften einigermaßen entspannt zu, da ist sogar genug Raum, um bei Bedarf voll hinter der Verkleidungsscheibe abzutauchen. Vom Hosenboden abwärts herrschen eher Krampf und Platzmangel: Stark angewinkelte Gliedmaßen und Knie, die über die für sie vorgesehenen Ausbuchtungen im Tank hinausragen, sind der Preis für die niedrige Sitzhöhe und die - im Interesse der Schräglagenfreiheit - hoch positionierten Fußrasten. Kompakter gebaute Pilot(inn)en finden sich prächtig in die SZR intergriert, doch auch sie haben ihr Päckchen zu tragen: Mit notgedrungen weit vorgebeugtem Oberkörper fühlen sie sich auf eine Rennmaschine versetzt, die die SZR doch gar nicht sein will.Und nicht sein kann, denn mit ihren 48 PS (auf dem Prüfstand waren sogar 51 PS zur Stelle) bewegt sie sich in Sachen Fahrleistungen - wer hätte es gedacht - auf gewohntem 50-PS-Niveau: Null auf 100 Km/h in rund fünf Sekunden, Spitze gute 180 Sachen - brave Darbietungen, aber keine Indizien für überschäumende Dynamik.Nichtsdestotrotz gelingt es dem SZR-Motor, sportliche Akzente zu setzen. Ungeachtet der Tatsache, daß seine Leistungsausbeute an einem einzigen, gewichtigen Kolben hängt, zeigt er sich als glühender Verfechter des Rotationsprinzips. Ohne angestrengt zu wirken und mit druckvoller Kraftausübung treibt er in den Gängen die Nadel seines Kontrollorgans in den roten Bereich, bis der Begrenzer der Zündsteuerung dem Treiben ein Ende setzt. Ausdauernde Dreharbeiten an der elektronischen Toleranzgrenze lassen den Motor - genauer: dessen Wärmehaushalt - kalt. Den Fahrer auch, denn die dabei spürbaren Vibrationen sind nicht der Rede wert. Ungemütlicher kribbelt es um die 3500/min, macht aber nichts, weil der Motor da eh noch nichts macht, als ruckelnd an der Kette zu zupfen. Der Einzylinder, der mit rundem Lauf von ganz unten zieht und obenheraus ungehemmt jubelt, harrt auch bei Yamaha noch seiner Erfindung. Die Sportlichkeit der SZR äußert sich also auch darin, daß sie bei wechselhaftem Landstraßenverlauf durch emsige Wechsel zwischen den Gangstufen zwei, drei und vier auf Trab gehalten werden will - Nummer fünf lebt erst in Geschwindigkeitsbereichen auf, die Schnellstraßen vorbehalten sind. In Fassung gerät der SZR-Single durch ein Fahrwerk, das dem häufig strapazierten Vergleich mit einem Fahrrad gerecht wird. Von Kraftausübung am Lenker zu sprechen heißt schon, der SZR Unrecht zu tun: Scheinbar ohne körperliches Zutun findet die 660er den vorgegebenen Weg und fällt wie vom Blitz getroffen in abenteuerliche Schräglagen, die rechts den Auspuff und links die Verschraubung der Ölleitung am Motorblock über den Boden kratzen lassen. Und mit der Präzision eines chirurgischen Instruments sitzt jeder Schnitt ins Aspaltband, da zittert nichts, da wird kein unnötiger Zentimeter Platz verschenkt.Bremsmanöver bis tief in die Kurve hinein oder schon in Schräglage ein korrigierender Griff zum Bremshebel - kein Problem, weil es keinerlei Aufstellreaktionen zu meistern gilt. Schnelle Biegungen mit leicht onduliertem Belag nimmt die SZR, ohne mit der Wimper zu zucken. Verzögerungtaktiken an der Haftgrenze des Vordereifens - keine Affaire dank der gut dosierbaren 320er Scheibe mit Vierkolbenzange.Das lobenwerte Fahrverhalten wird wider Erwarten nicht durch ungebührliche Härte erkauft. Die Federungselemente sprechen fein an und schlucken pflichtschuldig, was der Maschine unter die Räder kommt. Der Spieltrieb, den die Verstellmöglichkeiten an Gabel (Zug- und Druckstufendämpfung) und Zentralfederbein (Zugstufendämpfung) wecken, ebbt ab, nachdem sich herausgestellt hat, daß die SZR auf mittlerer Einstellung alle Aufgaben prächtig meistert.Also kein Haar in der Suppe? Doch: Für traute Zweisamkeit ist die SZR mit ihrem menschenverachtenden Soziusplatz völlig ungeeignet - was selbstsüchtigen Solisten den blauen Bock eher noch ersterbenswerter erscheinen läßt.

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