Fahrbericht: Yamaha XJR 1300 Japanisches Big-Bike im Retro-Look

Sie besitzt Kultstatus, ist quasi der letzte Mohikaner der luftgekühlten japanischen Big Bikes. Eine Ausfahrt mit der XJR 1300 bringt einen ins Grübeln: Braucht man wirklich diese modernen, hyperaktiven Power-Maschinen?

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Eine beruhigende Stille. Kein Auto, keine Menschenseele, kein Vogelgezwitscher weit und breit. Die Pause während der Feierabendrunde auf einer Bank mitten im Grünen ist dieses Mal eine besondere. Denn die Stille wird in unregelmäßigen Abständen unterbrochen durch Geräusche, die man von modernen Wasserkochern kaum noch kennt. Dieses unregelmäßige, feine Knistern und Tickern, das entsteht, wenn ein ungleichmäßig aufgeheizter, luftgekühlter Motor nach einer Tour allmählich wieder abkühlt, wenn sich die Verspannungen seiner Bauteile allmählich lösen. Ein Moment der Entspannung für die Maschine - aber auch für den Fahrer.

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Das letzte verbliebene japanische Big Bike mit luftgekühltem Vierzylinder verströmt seine Hitze in der kühlen Abendluft. Die Yamaha XJR 1300 ist ein Klassiker des Motorradbaus. Nicht, weil sie in irgendeinem Bereich den absoluten Superlativ darstellt, weil sie mit Extremen protzt. Sondern weil sie Geschichte verkörpert. Die XJR ist seit 17 Jahren im Yamaha-Programm und berichtet dir aus vergangenen Zeiten. Einfach dasitzen, das Motorrad betrachten, dem Knistern an allen Ecken und Enden lauschen - das ist Balsam für die Seele.Erinnerungen an die gute alte Zeit? Nun, früher war definitiv nicht alles besser, aber manches vielleicht einfacher, schöner, sinnlicher. Sehr puristisch steht die Yamaha da, stellt ihren verrippten Motor elegant in den Wind und die Stereo-Federbeine selbstbewusst zur Schau. "Seht her, so schlicht und klar muss ein Motorrad aussehen", vermeint man ihrem Blick aus dem klassischen Rundscheinwerfer entnehmen zu können. Vier luftgekühlte Zylinder in Reihe, quer eingebaut, das haben die Japaner perfektioniert. Diese Konfiguration war jahrzehntelang das Patentrezept für Erfolg, stand für den fulminanten technischen Fortschritt der Motorradszene. Doch heute gehören alle luftgekühlten Bikes aufgrund immer strenger werdender Abgas- und Geräuschbestimmungen auf die Liste der bedrohten Arten.

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Als die XJR 1995 mit 1200 cm3 debütierte, hatten Hondas CB1000 und Kawasakis Zephyr 1100 längst die Renaissance klassischer Big Bikes eingeleitet. Nach Vorbild der XS 1100 aus dem Jahre 1977 legte Yamaha ein auf die wesentlichen Eigenschaften reduziertes Motorrad nach und traf damit den Geschmack von Zehntausenden. Schön, dass Yamaha im Gegensatz zu einigen Mitbewerbern den Versuchungen widerstand, diese Maschine technisch und optisch zu modernisieren. Klar, solche Zugeständnisse wie die 2007 eingeführte Einspritzung und ein G-Kat mussten sein - taten aber auch nicht weh. Das zeitlose Design fesselt die Blicke bis heute, verkörpert den materialisierten Kern des Motorradfahrens. Die puristische Formensprache, gepaart mit einem 1300-Kubikzentimeter-Kraftprotz, der fleißig Drehmoment an die Kurbelwelle schaufelt. Das begeistert - ganz unabhängig davon, ob der Fahrer das Motorrad betrachtet oder auf der komfortablen Sitzbank Platz genommen hat.

So, genug Pause gemacht und philosophiert. Der Anlasser muss sich hörbar anstrengen, das abgekühlte Triebwerk wieder anzuwerfen. Der fette Reihenvierer verwöhnt nach dem Losfahren mit seidenweichem Lauf - allerdings nur bis 3000 Umdrehungen. Darüber teilen sich dann vor allem im Schiebebetrieb hochfrequentierte Vibrationen über die Lenkerenden und Fußrasten mit, die ungefiltert in den Körper des Fahrers eindringen. Wahnsinn, wie das kribbelt! Ob das vielleicht die Good Vibes der Siebzigerjahre sind? Zumindest lassen die Kolben mit 79er-Bohrung keinen Zweifel über ihre Potenz aufkommen, wollen mit Respekt behandelt werden. Den bärigen Hubraum unterstreicht die Vier-in-eins-Anlage, die in niedrigen Drehzahlen anständig fauchend, bei erhöhter Schlagzahl herrlich kreischend jubiliert. Kein unangenehmer Krawall, aber für heutige Geräuschvorschriften eine deutliche Ansage.

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Fast wie früher, könnte man hinzufügen und den Blick erneut in die Historie lenken. Klar, Schalldämpfer durften früher weniger Volumen haben, der aktuelle XJR-Topf erinnert ein wenig an ein Ofenrohr. Immerhin ist er mit seiner rau-glänzenden Oberflächenstruktur erstklassig verarbeitet. Zum klassischen Charme dieses Bikes gehört auch eine Ergonomie, die nicht mehr ganz up to date wirkt. Auf längeren Etappen strengt die aufrechte Sitzposition durch den hohen, nur leicht gekröpften Lenker an. In Kombination mit dem an Sportler erinnernden Kniewinkel wirkt die Körperhaltung nicht gerade harmonisch. Andererseits verleiht die gute Übersicht dem Fahrer eine gewisse Souveränität. Man spürt, dass dieses Motorrad einfach überall gut ankommt, Aufsehen erregt und fasziniert. Viele fein gemachte Details tragen dazu bei. Selbst so profane Dinge wie die Motorhalterungen am stählernen Doppelschleifenrahmen sind hübsch und wertig verarbeitet. Details, an denen man sich erfreut.

Da kann man einen gewissen Besitzerstolz bei XJR-Fahrern durchaus nachvollziehen. Gut fürs Ego, das macht aber auch gelassen. Eine Souveränität, die sich dem hektischen Streben nach dem Besseren, etwa nach mehr Leistung oder weniger Gewicht, entzieht. Diese Maschine ist schwer, nämlich satte 251 Kilogramm - und das ist gut so. Man sieht die Kilos förmlich, und man spürt sie. Hier muss der Fahrer noch richtig am Lenker arbeiten, um das Trumm von einer Seite auf die andere umzuklappen. Dieses Motorrad verführt definitiv nicht zum Rasen. Lieber auf der vorvorletzten als auf der letzten Rille unterwegs sein, sanft durch die Landschaft gleiten, die Straße durchaus flott, aber genussvoll auflesen. Sollen die anderen doch Rennen fahren. Zügiges Tempo ist aber keineswegs verboten, das Motorrad liegt trotz der alten Dunlop Sportmax D252 erstaunlich satt auf dem Asphalt. Aber für die Landstraßenhatz will die XJR ziemlich hart dirigiert werden, kaschiert ihre Pfunde nicht durch eine spitze Lenkgeometrie.

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Aber hey, wen stört das wirklich? Die 1300er ist schließlich ein Big Bike und möchte auch als solches wahrgenommen werden. Hoppla, einen Augenblick mit den Gedanken woanders, und plötzlich kreuzt ein Traktor die Straße. Nicht zu lasch, aber auch nicht zu giftig beißen die R1-Zangen in die Scheiben. Mit klarem Druckpunkt und guter Dosierbarkeit sind vorzügliche Verzögerungsleistungen drin, nichtsdestotrotz stünde ein ABS bei der nächsten Evolutionsstufe ganz oben auf der Wunschliste. Aber ob es eine Fortsetzung geben wird? Lässt man sich auf die Eigenheiten der Yamaha ein, versucht ihr Wesen zu verstehen und akzeptiert ihre retrospektive Modernität, dann ist sie ein Seelenschmeichler, ein fahrendes Genussobjekt. Ruhe und Gelassenheit, und trotzdem Souveränität und viel Drehmoment: Das sind Merkmale, die sie einzigartig machen. Man stelle sich dieses Motorrad einmal ohne Kühlrippen vor, dafür mit einem breiten, vor dem Bug platzierten Wasserkühler. Das wäre die mutwillige Zerstörung eines Kunstwerkes. Wie sinnflutend Motorradfahren sein kann, das zeigt die Yamaha par excellence. Sie verkörpert die klassische Interpretation eines Big Bikes nicht nur hinsichtlich ihres Designs, sondern auch ihres Charakters. Bleibt zu hoffen, dass sie uns in Zukunft noch ein wenig begleiten darf. Andernfalls wäre es schade - nicht nur um das wohlige Knistern nach der Feierabendrunde.

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Technische Daten

Motor
luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, dohc, Bohrung x Hub 79,0 x 63,8 mm, 1251 cm³, 72,0 kW (98 PS) bei 8000/min, 108 Nm bei 6000/min, Einspritzung, Ø 34 mm, E-Starter, Fünfganggetriebe, O-Ring-Kette.

Fahrwerk
Doppelschleifenrahmen aus Stahl, Telegabel, Ø 43 mm, Zweiarmschwinge aus Aluminium, zwei Federbeine, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 298 mm, Scheibenbremse hinten, Ø 267 mm, Bereifung 120/70 17; 180/55 17.

Maße und Gewichte
Radstand 1500 mm, Lenkkopfwinkel 64,5 Grad, Nachlauf 100 mm, Federweg v/h 130/120 mm, Sitzhöhe* 800 mm, Gewicht vollgetankt* 251 kg, Zuladung* 199 kg, Tankinhalt 21,0 Liter.
Preis: 11250 Euro (ohne Nebenkosten)

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