Test Yamaha XVS 1100 Drag Star Moby Quick

Cruiser sind übergewichtig, schlecht motorisiert und haben miese Fahrwerke, so die landläufige Meinung. Lebt ruhig weiter in Eurer kleinen heilen Welt – aber bleibt zu Hause. Cruiser wie die Drag Star 1100 würden nur Eure Ideologie in den Grundfesten erschüttern.

Frankreich, eine Autobahnausfahrt irgendwo in der Provence. Drei deutsche Motorradfahrer blicken betreten zu Boden. Vor ihnen stehen zwei Gendarmen, die sehr dienstlich wirken. »Neuf cent franc«, verkündet der eine in militärisch-zackigem Ton. Der andere ergänzt mit erhobenen Zeigefinger: »Vitesse 130.« Diese Sprache versteht selbst der, der nur über sehr rudimentäre Französichkenntnisse verfügt. Mit 900 Franc Strafe wollen die beiden – und zwar von jedem. Für zwei der drei Temposünder wäre das angemessen, denn sie fahren Supersportler, bewegen sich also auf französischen Autobahnen, wenn sie nicht verdammt aufpassen, andauernd in akuter Bußgeldgefahr.
Aber der Dritte im Bunde? Der wirkt im ersten Moment so gar nicht wie ein potentieller Heizer. Halbschalenhelm, Sonnenbrille, lässige Lederjacke: Damit gibt sich jemand zu erkennen, der mit Tempostreß nichts am Hut hat – eigentlich. Doch gerade der Cruiser-Fahrer hat allen Grund für ein schlechtes Gewissen, schließlich hatte er die Kollegen förmlich genötigt, seiner forschen Gangart zu folgen. Weil er nämlich seiner Yamaha XVS 1100 Drag Star richtig die Sporen gegeben hatte. Nur ganz kurz, um zu sehen, wieviel geht, Ehrenwort. Aber die kleinen Sünden bestraft der liebe Gott bekanntlich sofort.
Also gut, zugegeben, die Nadel des großen, wunderschön designten Tachometers stand schon mal kurz auf 175, das war wegen der riesigen Ziffern nicht zu übersehen. Später, bei den Meßfahrten in Deutschland, entpuppte sich die Angabe als echte 168 km/h. Nicht schlecht für einen luftgekühlten V2-Motor, der laut Prüfstand »nur« 63 PS leistet und darüber hinaus ein mit 277 Kilogramm nicht gerade leichtes Gefährt vorantreiben muß, und eine Gattung von Motorrad, bei der Höchstleistung eine völlig nebensächliche Rolle spielt.
Für den Cruiser-Fahrer ist der Weg das Ziel. Und diesem Motto zu folgen, das gelingt der Drag Star mit verblüffender Leichtigkeit. Auf der Autobahn überzeugte der große V2, laut Yamaha »das Bindeglied zwischen der kleinen Drag Star 650 und den großen V4-Modellen der Royal Star-Familie«, mit gutem Sitzkomfort und – für einen Cruiser – überraschend stabilem Geradeauslauf. Jawohl, mit so einem Motorrad kann man vortrefflich in den Urlaub fahren, wenn auch nur als Solist: Das spartanische hintere Sitzbrötchen eignet sich eher als Ladefläche für eine große Gepäckrolle denn zum Personentransport. Bepackt mit Mann und Maus ist die 1100er dann jederzeit für eine Reisegeschwindigkeit um die 130 zu haben. Wegen des moderaten Verbrauchs von 6,6 Litern Normalbenzin läßt sich bei diesem Tempo eine Reichweite von satt über 200 Kilometern realisieren. Das geht völlig in Ordnung.
Wie auch das nachsichtige Verhalten der Herren Gendarmen: Die nämlich lassen die reumütigen Deutschen schließlich ohne Bußgeldzahlung von dannen ziehen. Gnade vor Recht. Die Fahrt des ungleichen Trios geht weiter in die Ardèche. Dort, auf wunderbar gewundenen Landstraßen, wirkt die Drag Star keineswegs als lästiger Bremsklotz für die beiden – mit eingebremstem Schaum agierenden – Sportkollegen. Sie hält brav mit und erweist sich als sehr kurventauglich. Mit erstaunlich großer Schräglagenfreiheit läßt’s sich auf ihr genußvoll von einer Ecke in die nächste schwingen. In durchaus zügigem Tempo, wohlgemerkt. In engen Spitzkehren glänzt die Yamaha mit einem neutralen Einlenkverhalten.
Eine Disziplin, in der viele ihrer Kolleginnen patzen, weil sie plötzlich, wie von Geisterhand bewegt, eigenmächtig in Schräglage abkippen. Selbst in den steilen Bergauspassagen macht der bullige Motor nie einen sonderlich angestrengten Eindruck, nimmt das Gas auch bei sehr niedrigen Drehzahlen willig an, ohne dem Fahrer mit markerschütternden Vibrationen auf die Nerven zu fallen. Für die Gangwechsel benötigt man zwar reichlich Fußkraft, dafür rastet jede der fünf Fahrstufen tadellos, wenn auch hörbar, ein. Bei den Lastwechseln hebt und senkt der Kardanantrieb mit offenlaufender Welle das Heck zwar spürbar, dies wirkt sich jedoch insgesamt nie negativ auf das Fahrverhalten der Drag Star aus. Ihr wohl schönster Charakterzug: Dank der geradezu üppig dimensionierten Doppelscheiben-Bremsanlage verzögert die Yamaha bestens, gut dosierbar und ohne Konditionsschwäche. Die Drag Star nicht nur deshalb den Titel »Fun-Cruiser«.
Die fein ansprechende, aber cruiser-typisch stark unterdämpft arbeitende Telegabel zeigt dem Fahrer bei allzu forschen Bremsmanöver jedoch die Grenzen auf. Mit einem vernehmbaren Klacken geht die Gabel zunächst auf Block, um danach mit mehrmaligen Nachwippen nachdrücklich in Erinnerung zu bringen, daß man sich auf einem Cruiser befindet – und seine Fahrweise doch bitte schön diesem Umstand anzupassen hat.
Wer der Drag Star aus der vorgenannten Fahrwerkseigenheiten nun einen Strick drehen will, hat womöglich das Cruisen an und für sich noch nicht verinnerlicht. Kurzum, das wäre schlichtweg unfair, auch wenn das hintere Federbein nicht besonders feinfühlig anspricht.
Trotzdem darf die Yamaha von sich behaupten, ordentlich zu dämpfen und zu federn. Ein Attribut, das beileibe nicht alle Mitglieder der Cruiser- und Chopper-Familie für sich in Anspruch nehmen können. Über ein ganz anderes Thema allerdings, da sollten die Produktplaner bei Yamaha mal nachdenken: Wie wäre es, wenn sie die – sicherlich sauber verarbeiteten – verchromten Seitendeckel und lackierten Schutzbleche aus schnödem Plastik nicht doch gegen Metallteile austauschen würden? Wäre für so einen gelungenen Cruiser einfach stilechter.
Der widerum entläßt seinen Fahrer nach einem langen Tag im Sattel mit dem überaus befriedigenden Gefühl in die Federn, er habe dem Motorrad die Grenzen aufgezeigt – und nicht umgekehrt. Was durchaus etwas für sich hat.

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