Top-Test BMW F 800 S Serious Fun - ohne Fett

Die Bayern haben die Mittelklasse neu entdeckt und dafür ihren ersten Zweireiher aufgelegt. Er kommt mit Zahnriemenantrieb
und flockigen Sprüchen daher, um seriöse Freude zu verbreiten.

Foto: Jahn
Dass wir das noch erleben dürfen: Zum ersten Mal nach gefühlten 700 Jahren Boxergeschichte klappt BMW einem Zweizylinder die Ohren hoch, baut den Motor richtig herum ein und posaunt
gewohnt selbstbewusst in den Orbit: Wir können auch anders! Tradition hin oder her – es geht um mehr: mehr Konzepte, mehr Kundschaft, mehr Kohle.
Jetzt also zwei Zylinder in Reihe mit
je 399 Kubik. Zwei oben liegende Nockenwellen, vier Ventile, 85 PS Nennleistung. Nichts, was uns vor Spannung aus den Socken schmettern würde – steckten irgendwelche Japaner hinter dem Projekt. Die klöppeln so einen Zweireiher vermutlich frei Hand beim gemütlichen Fernseh-
abend. Für die Bayern jedoch ist dieses Schnittmuster derart frappant, dass die Welt dies- und jenseits des Weißwurst-
äquators den Atem anhält, ob nach 47
Monaten Entwicklungszeit an der F 800 S wirklich alles sitzt, wo es hingehört. Die Schlepphebel etwa oder das gewagte Ausgleichspleuel zur Minimierung der oszil-
lierenden Massen. Und natürlich bewegt uns die Frage, wie der neue Twin überhaupt zur Münchner Motorenkollektion passt.
Zuerst die gute Nachricht: Er klingt wie ein Boxer. Kurz angebundenes Knurren im Stand, trockenes Bellen bis zur Mitte, oben raus allerdings ein Plärren, das wir bis dato noch nie vernommen haben. Zufällig ist
die Klangverwandtschaft bis zur Halbzeit nicht, sondern Ergebnis der gleichmäßi-
gen Zündfolge. Als echter, bei Bombardier-
Rotax gefertigter Parallel-Twin scheucht der wassergekühlte Motor seine Kolben synchron durch die Zylinder und funkt nur alle 360 Grad: mal im rechten, dann im linken Brennraum. Genau wie ein Boxer eben.
Und nun die schlechte Nachricht: Die
F 800 S klingt nicht nur wie ein Boxer, sie klonkt auch wie einer – und klackert und kracht fürchterlich aus dem Maschinenraum. Beim Gangwechsel, beim Lastwechsel, im Schiebebetrieb. Hört sich verdächtig nach königlich-bayerischer Kardan-
misere an. Ist’s aber nicht: Am Rad dreht die Neue völlig geräuscharm per Riemen. Das Getöse rührt allein vom Getriebe her und kann von pathologischen Schalthemmungen bis zur Raserei allerlei verursachen.
Angesichts belebter Fußgängerüberwege beispielsweise bedarf es eines sehr gefestigten Charakters, die großzügig in der Gangschachtel verteilten Zahnräder zu betätigen. Vielleicht doch lieber Gas geben, das fragwürdige Hörspiel abblasen? Ne, sind zu viele Leute. Gas wegnehmen – klacker-di-klacker, im Rollen metallisches Rasseln, Zonk beim Einlegen des zweiten Gangs. Alle Köpfe drehen in deine Richtung. Hi folks, verlegenes Grinsen. Kaschumpf! Der Erste. Drin! Bestürzte Blicke beim Publikum.
Nur selten und nur unter äußerster Konzentration gedeihen Schaltarbeiten in den ersten drei Etagen akzeptabel. Doch auch nach 2500 Testkilometern können
wir nicht sagen, welche Sonne dafür in welchem Haus stehen muss. Gesichert ist nur die gemeine Erkenntnis, dass die Getrieberäder im Stand, sobald der ungesund klingende Leerlauf überwunden ist, nahezu stumm zueinander finden. Tack, tack, tack, fertig. Das Einzige, was dabei zuckt, ist die Ganganzeige im Cockpit.
Damit zurück zu den erfreulichen Meldungen. Und aus aktuellem Anlass allem voraus die feierliche Verkündung des nied-
rigen Verbrauchs: 4,2 Liter für 100 Kilo-
meter Landstraße; 4,1 bei konstant 130 km/h auf der Bahn, damit zielt die BMW
in der oberen Mitteklasse auf Rekord. Hat sich doch gelohnt, der ganze Entwicklungsaufwand. Selbst bei Vollgas saugt der Zweizylinder keine sieben Liter aus dem 16-Liter-Tank unter der Sitzbank. Ganz leer gefahren passen dort übrigens 17,34 Liter rein, es sei denn, der Zähler an der Zapfsäule hat gelogen. (Die Adresse der Tankstelle haben wir noch.)
Verlassen kann man sich auf den Bordcomputer, der für 185 Euronen extra An-
zeige über den Benzinverbrauch und die Restkilometer erstattet. Letztere nähern sich zwar erst, wenn’s spannend wird, der Wahrheit, also gegen Ende der Spritreserven, sind dann aber ernst zu nehmen: Noch »> 3 km«, noch »> 2 km«, noch einer...
Neun Kilometer nach dieser Auskunft lief die Münchnerin bei unserem Feldversuch auf Grund. Wir schrieben den zweiten Tag mit Schwester F, den 623. Kilometer und kapierten langsam, dass die Bayern wieder mal einen Gassenhauer aufgelegt hatten.
Was Yamaha im vorigen Jahrhundert mit der TRX 850 nicht vergönnt war, wird BMW mit der F 800 S gelingen: die Eröffnung einer neuen Klasse. »Serious fun«, nennen es die Werbetrommler und meinen damit beherrschbare Power – oder so. Mitte der 90er war der Markt für »serious fun« noch nicht reif. Die Zweizylinder-Szene, voll auf dem Leistungstrip, huldigte einer Honda VTR oder Suzuki TL 1000, während die gitterrohrgerahmte TRX der Ducati-
Kopie bezichtigt und mangels »serious
power« zur Schnecke gemacht wurde. 83 PS, pah! Damit brauchte man seinerzeit keinem Sportsfreund zu kommen.
Nun aber, da der Serienmotorradbau 200 PS überlebt und 300 km/h als Grenze des guten Geschmacks erklärt hat, philosophieren sogar Hardcores über Umkehr. Und BMW liefert zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Stoff: »Spaßfaktor 86 Nm (...) nicht das Streben nach Höchstdrehzahlen stand bei der Entwicklung im Vordergrund, sondern eine besonders einfache und gut kontrollierbare Fahrbarkeit.« Hört sich prima an und hat auch prima geklappt.
Gut kontrollierbar sind sie, die gemessen 91 Pferdestärken. Traben schön der Reihe nach auf, rotten sich an keiner Stelle unheildrohend zusammen. Echt seriös – wie versprochen. Im ersten Moment könnte man sogar meinen langweilig. Nirgendwo ein spezieller Kick, stattdessen der spürbare Hänger um 4000/min und Durchzugswerte auf dem Niveau einer 650er-Bandit. Vom seitens BMW zitierten »schaltarmen Fahren« kann kaum die Rede sein, es sei denn, die dachten da an den vierten Gang. Mit dem geht zwischen 50 und knapp 200 Sachen alles. Der Sechste jedoch taugt frühestens ab 70 km/h.
Doch das Schöne am Menschen ist ja, dass er sich an alles gewöhnt – und allem irgendwann etwas abgewinnen kann, also auch dem Charakter des neuen BMW-Zweizylinders. Man kennt es gar nicht mehr, das Gefühl, am Lenker eines aus-
gewachsenen, sportlichen Motorrads alles im Griff zu haben. Und genau darin liegt der Reiz der F 800 S: hemmungslos bis zum Gang-Ende Gas geben. Nächster Gang, aufgebraucht, noch einer – geht doch! Eine GSX-R 750 oder so hätte sich deiner inzwischen garantiert entledigt. Immer angriffslustiger bringst du dich hinterm fiktiven Tank in Position: Hände, Rückgrat, Mütze – alles auf etwa einer Höhenlinie, die nächste Kurve, knapp überm Lenkkopf, entschlossen im Visier. Runterschalten, haarscharf hinein, fast millimetergenau auf der angepeilten Linie landend. Jetzt
mit leichtem Zug am Gasgriff eventuelle Turbulenzen abfangen, Nase heben und die Maschine in wundervollem Bogen ausschwingen lassen. So ähnlich dürfte Kopf voraus Jet fliegen sein.
Man muss nicht so fahren – man kann. Von voll- bis tourensportlich erlaubt die
F 800 S jeden Stil. Und verstaut zwischen Lenker und Rasten jedwede Körperlänge bequem. Nicht jedoch jede Dichte: Echte Kesseltreiber geraten in Konflikt mit dem sich hoch über den Ansaugtrakt wölbenden Plastikwanst. Für gemütliche Brüter ist die F 800 S allerdings eh nicht gedacht, sonst stünde sie auf einem Continental Road und keinem Sport Attack. Stern-
zeichen: Teerfresser. Aszendent: Waage. Eine Konstellation, die Reifen zu Heiligen macht. Grip, Handlichkeit, Stabilität, Lenkpräzision – alles reichlich vorhanden.
Die Münchnerin fühlt sich auf den Hannoveraner Pneus pudelwohl, unterstreichen sie doch ihre Fahrwerksqualitäten. Eine Komposition aus traumhaft ansprechen-
der Telegabel, üppig dimensioniertem Alu-
Brückenrahmen und ausreichend straffer Federung hinten. Nix Telelever, aber doch so ungeniert, wenn es gilt, selbst unter miesesten Bedingungen Haltung zu bewahren. Wobei ein Lenkungsdämpfer hilft. Der sich manchmal auch einmischt, obwohl man gar nichts von ihm will: etwa
in langsamen Kurven oder bei Topspeed, wenn die Maschine vorne merklich leicht wird, eine Idee gegen den Lenker drückt. Mit etwas weniger Dämpfung wäre alles
im Reinen. Dafür vertrüge die Druckstufe hinten ein wenig mehr. Und das hat sie jetzt von ihrem tollen Fahrwerk, die F 800 S: Schon legen ihr die Aasgeier die Supersportlerlatte an.
Dazu verleiten auch die üppig dimensionierten Bremsen: 320er-Scheiben vorn, eine 265er hinten, nicht mal die aktuellen 1000er tragen derart auf. Im Verein mit dem optionalen ABS geht die Schärfe der Einheit allerdings in einem teigigen vorderen Druckpunkt unter. Trotzdem bremsen die Brembos mit Macht, nur nicht so
präzise wie erwartet. Und manchmal –
wider Erwarten – für Sekundenbruchteile gar nicht, da die Überschlagserkennung mitunter Überschläge erkennt, die nicht mal ansatzweise welche sind.
Zu viel Elektronik ist doch nicht gesund. BMW aber kann offensichtlich nicht genug kriegen. Und die F 800 S profitiert
ja auch davon. Dank CAN-Bus-Chips-
Codes-weiß-der-Teufel hat sie die sicherste Wegfahrsperre der Welt. So skeptisch, dass sie zwischendurch keinem mehr traut. Selbst dir nicht mit dem passenden Schlüssel. Serious – no fun.

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