Top-Test Suzuki B-King Und doch so nett

Als echtes Brutalo-Bike kommt Suzukis B-King daher, sieht aus, als verspeiste sie kleine Kinder. Ihre versprochenen 184 PS nötigen Respekt vor den Urgewalten der Materie ab. Doch dieser König kann auch ganz anders ...

Foto: Jahn
Der Abendhimmel leuchtet dramatisch überm Palast der Republik. Nein, nicht dem in Berlin. Sondern einer Sze­ne­kneipe in Stuttgart. Menschen verdrehen ihre Köpfe, kommen zum Huldigen. Sie umkreisen das gewaltige Motorrad, bewundern das martialische Gesicht mit der minimalistischen Frontmaske um den zugespitzten Scheinwerfer. Die Suzuki B-King, ein neuer König des Volkes? Auf jeden Fall einer ohne vornehme Zurück­haltung.
Respekt verlangt bereits der mächtigste Rücken der Motorrad-Geschichte. Dem kurzen 16,5-Liter-Tank entspringen riesige »Lufthutzen«, deren vergitterte Öffnungen bloß Attrappe sind. Wie Arme greifen sie nach vorn, umfassen die neun Liter große Airbox, sitzen wie eine Krone überm ge­waltigen, gebogenen Wasserkühler. Wer vorne so klotzt, darf hinten nicht kleckern. An den beiden überdimensionalen Auspuff-Fanfaren scheiden sich die Geister. Bewunderung, Ehrfurcht, Abscheu. Hypergalaktische Schallwellen-Transduktoren oder riesige Hasenohren?
Pures Machtgehabe. Die B-King zelebriert den ganz großen Auftritt. Ihre enormen Dimensionen schüchtern ein, diese Menge an umbautem Raum. Aber die dominanten Auspuffe sind lediglich Show. Unter den dreieckigen Plastik-Rohren sitzt ein unansehnlicher Einzelschalldämpfer mit zwei popeligen Austrittsöffnungen. Ist der Bürger-King nur ein Blender? Bloß keine Majestäts­beleidigung. 1340 cm Hubraum, vier Zylinder, proklamierte 184 PS. Und ein Daseinszweck: Regieren! Verwegen stürzt die B-King die BMW K 1200 R vom Thron des mächtigsten aller Naked Bikes.
Erste Audienz. Es hat die ganze Nacht geregnet. Die Straßen nass, deine Hände feucht. Keine idealen Bedingungen für dieses Brutalo-Bike. Das beim Schieben und Rangieren seine 259 Kilogramm nicht ver­leugnen kann. Oder will. Erstaunlich dagegen, wie wunderbar geborgen man sich in diesem mächtigen Motorrad mit seinem bequemen, zweifarbigen Sitz fühlt. Breitbeinig thront es sich. Langbeinige müssen die Füße weit vorn auf den Rasten ab­stellen, um ihre Knie unter die Tankver-kleidungen zu bringen. Dafür können auch kurze Leute den König im Stand sicher händeln. Ein Sozius jedoch dankt nach kurzer Zeit ab: Die Rückbank ist schmal, hart und hat keinen Haltegriff. Dazu spreizt die ausladende Heckverkleidung die Beine ungebührlich.
Ein Druck aufs Knöpfchen, und das Triebwerk erwacht. Dumpf und trotzdem dezent klingend. Leichte Mahlgeräusche im Leerlauf verschwinden beim Ziehen der Kupplung. Hydraulisch via Radialpumpe betätigt, braucht der Zug am Hebel durchaus Schmackes im Unterarm. Eine B-King ist halt kein Bubi-Motorrad. Außerdem flutscht nicht immer auf Anhieb der erste Gang rein. Der Vierzylinder nimmt in den ersten Sekunden nach dem Kaltstart noch etwas zögerlich Gas an, trotz doppelter Drosselklappen. Reagiert aber bald darauf seidenweich und sehr berechenbar auf Änderungen am Gasgriff. Lediglich aus dem Schiebebetrieb heraus spricht er auf Beschleunigungsbefehle härter an.
Stark anfangen und dann auf hohem Niveau weitermachen, nach diesem Motto bietet die B-King bärigen Druck ohne Ende. Das Triebwerk entwickelt seine Leistung füllig und gleichmäßig, ohne jegliche List und Tücke. Prächtig und mächtig. Wer nicht will, muss nicht wheelen, das Vorderrad bleibt artig am Boden. Und beim Ampelstart überholt einen nicht gleich die fette 200er-Heckwalze. Die extrem lange Übersetzung schützt vor überfallartigen Drehmomentattacken.
Adel verpflichtet. Bei 100 km/h rotiert die Kurbelwelle im Sechsten nur rund 3300-mal. Bei dieser Drehzahl wuchten die leichten Slipperkolben bereits 115 Newtonmeter auf die Pleuel aus Chrom-Molybdän-Stahl. Maximal sind es gar 140 Newtonmeter bei 7300 Umdrehungen. Ein echter Bums-König. Dabei sind der fünfte und sechste Gang in der Maximaldrehzahl stark beschnitten, damit die Hatz bei 250 km/h endet. In den unteren Gängen wiederum ist das Drehmoment gut kaschiert limitiert. Allein im Vierten bietet der Big Block volles Drehzahllimit bis 11000 Umdrehungen und volle Leistung von gemessenen 174 PS. Toll, wie kultiviert das mit einer Ausgleichswelle bestückte Kraftwerk läuft.
Gewaltenteilung. Das Über-Bike zoomt den Horizont heran, als wäre es ein Nichts. Allerdings nur, wenn man will: Im Stand lässt sich ein B-Programm mit reduzierter Power einlegen. Der »Führerschein-Behalt-Modus« be­grenzt die Maximalleistung auf 120 PS, die Drehmomentkurve dümpelt ab 5000 Touren nur noch vor sich hin (siehe Diagramme auf Seite 46). Bis dahin ist das allemal genug Dampf, vor allem auf nasser Fahrbahn. Doch oben raus wird’s im B-Modus finster. Insbesondere im Fünften und Sechsten verhungert der Motor regelrecht, bei 170 ist Schluss. Damit ist die B-King letztlich bloß noch ein Schatten ihrer selbst.
Ahnen-Galerie. Die erste Studie zur B-King stammt aus dem Jahr 2001 (siehe Seite 8), Motor und Rahmen basieren nun auf der 2008er-Hayabusa (siehe Seite 16 ff.). Ohne spezielle Drosselung. Die zehn PS, welche die B-King weniger hat, gehen allein aufs Konto der Peripherie: anderer Auspuff, geänderte Airbox, kein Ram-Air-System. Dennoch ist sie viel mehr als bloß eine Hayabusa ohne Verkleidung.
Und der Koloss macht es einem unerwartet leicht. Einmal in Fahrt, verfliegen alle Befürchtungen. Ganz easy lässt sich die B-King dirigieren. Handlich und präzise, im Stadtverkehr geradezu unauffällig. Beim Zirkeln um Zebrastreifen und Fahrbahnmarkierungen folgt das fetteste aller Naked Bikes ganz fein und leicht jedem Lenk­impuls. Sensationell, wie das fährt. Wie eine zu groß geratene 600er.
Berechenbar, stabil und handlich: Die Über-Suzi lenkt leicht ein und liegt in Schräglage bis knapp 230 km/h absolut unbeeindruckt. Ihr leichtgängiger Lenkungsdämpfer leistet ganze Arbeit. Erst beim flotten Wedeln in schnellen Wechselkurven spürt man die schiebende Masse wieder. Und bei Topspeed rührt’s ein wenig.
Insignien der Macht. Ein solider Aluminium-Brückenrahmen aus verschweißten Gussteilen trifft auf eine mächtige Alu-Schwinge. Diese ist sauber gearbeitet, trägt schöne Kettenspanner und krönt sich mit versteifenden Oberzügen. Reparaturfreundlich geschraubt ist der Heckrahmen. Und die Upside-down-Gabel ein Gedicht. Sie spricht superfein an, das eben­falls voll einstellbare Federbein sämig und sensibel. Fantastisch: perfekte Information über die Fahrbahnbeschaffenheit bei hohem Federungskomfort und satten Reserven. In optimaler Balance kombiniert die B-King das Beste aus dem Reich von Supersport und Touring.
Rund und homogen fallen die Dunlop Qualifier in Schräglage. Sie geben eine gute Vorstellung ab, haften akzeptabel und halten sicher den eingeschlagenen Kurs. Und bleiben bei Längsrinnen erstaunlich neutral. Erst auf üblen Buckelpisten kommt die fett besohlte B-King minimal aus dem Tritt. Dann, und nur dann, entwickelt sie ein Eigenleben, sucht sich eigene Radien. Das passiert in Kurven auch beim Griff zur Bremse, dem merkliche Aufstellneigung folgt. Doch ohne Störeinflüsse von außen rollt die 1340er stoisch.
Königliche Leibwache. Radial verschraubte Nissin-Vierkolbensättel nehmen von einer Radialpumpe betätigt die 310er-Scheiben überaus feinfühlig in die Zange. Sie beißen top dosierbar und brachial zu. Aber niemals bösartig, bieten tolle Rückmeldung über einen weiten Bereich. Erst bei Panikbremsungen steht schlagartig das Vorderrad. Selbst der einfache Einkolben-Schwimmsattel achtern leistet gute Arbeit.
Regungslos sitzt du auf einer Bank. Regungslos? Nein, du atmest tiefer ein als sonst, spürst mit jeder Faser deines Körpers, wie sich der Brustkorb hebt und wieder senkt, hebt und wieder senkt. 9000 Umdrehungen pro Minute. Im Kopf. Du hast es getan, den König herausgefordert, den Motor weit über 6000 Touren schnalzen lassen. Sie kann auch anders, die B-King.Was kam, war purer Zorn. Zwischengeraden verschwanden einfach so, Kurven flogen aus dem Nichts heran. Die Welt lag schief, die Straße wurde abschüssig, zog Mensch und Maschine magisch hinab.
Erkenntnis-Reich. »Lesen verzweigt die Gedanken«, heißt es. Suzuki B-King fahren verzweigt die Empfindungen. Intensiv, stark und erhaben. Sie lässt ihren Fahrer – würdevoll aufrecht – teilhaben an ihrem Glanz, ist königlich nicht allein durch schiere Power, sondern durch ausgezeichnete Fahrbarkeit. Und was das Schönste ist: Dieses überraschend einfach zu fahrende Über-Motorrad macht überaus lässig. Man muss sich nichts beweisen. Man könnte ja, wenn man wollte. Jederzeit.

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