Top-Test Yamaha XJ 600 N Vier Vergnügen

Gediegene Laufkultur und Vierzylindersound gepaart mit dem leichtfüßigen Handling eines Einsteigerbikes. Yamahas Mittel-Klassiker XJ 600 N probt seit über zehn Jahren den Spagat. Für kleines Geld. Also, nix wie in den Top-Test.

Foto: Jahn
Top-Test Yamaha XJ 600 N
Top-Test Yamaha XJ 600 N
Ein Sonntagmorgen im Herbst. Mit den ersten kräftigen Sonnenstrahlen verdampft der Frühnebel in die Weiten der Atmosphäre. Glitzernde Tauperlen überziehen die Landschaft, Sonntagsfahrer sind noch beim Skalpieren ihrer Frühstückseier, die Straßen frei.
Die perfekte Zeit aufzubrechen. Wohin? Egal, bloß raus. Ein Allrounder wie die Yamaha XJ 600 N ist nicht wählerisch, nimmt die Dinge, wie sie kommen. Vom Quickie auf der Hausstrecke über die Tagestour bis zum lässigen Urlaubstörn zu zweit.
Will aber zunächst mal mit Gefühl wachgerüttelt zu werden. Das fummelige Lenkerschloss mit dem kleinen Extra-Schlüsselchen weckt bei Routiniers zwar zart-nostalgische Gefühle, Zentralschloss-verwöhnte Zeitgenossen schütteln hingegen verständnislos den Kopf. Sei’s drum, an dieser Stelle haben Tradition und Rotstift eben erfolgreich paktiert. Immerhin hat Yamahas vierzylindriger Mittel-Klassiker inzwischen elf Jahre Bauzeit hinter sich. Und – trotz Kostendruck – eine durchaus evolutionäre Reifezeit. So gab’s 1998 endlich die zweite Scheibenbremse vorn sowie eine stabilere Gabel. Die bis dahin eingesetzte Kombination aus Einzelscheibe und schmächtigen 38er-Stengeln erwieß sich als schlapp und wenig linientreu.
Der von 28er-Fallstromvergasern versorgte, luftgekühlte Zweiventiler hat dagegen bis heute Bestand und lädt, nachdem er zuvor per liebevoller Choke-Justage aufgepäppelt wurde, mit sanftem Ansprechverhalten freundlich summend zu ersten Tauchgängen in die Tiefendes Umlands ein. Selbst wenn die Kupplung im kalten Zustand ziemlich aufmüpfig einrückt und die bisweilen recht nonchalant arretierende Sechsgangbox nicht immer hundertprozentig auf den Punkt kommt, machen das trotz 214 Kilogramm Gewicht frappierend leichte Handling und die entspannte Sitzposition hinter dem angenehm gekröpften Rohrlenker Lust auf mehr. Menschen unter 1,80 Metern Größe finden dank niedriger Sitzhöhe und einsinkender Federung mit beiden Füßen vollflächigen Bodenkontakt und auch sonst durchaus langstreckentaugliche Bedingungen vor. Das schafft vor allem bei Novizen Vertrauen. Und macht Mut.
Zum Beipiel für ein klitzekleines Beschleunigungsduell Richtung Schnellstraße. 4,8 Sekunden auf 100 sind ein Wort. Da muss die Blechkäfig-Fraktion schon mit ihren wildesten Vertretern anrücken – für die es zum Preis einer XJ gerade mal ein maßgeschneidertes Lederkofferset gibt. Selbst bis Tempo 140 reicht die Potenz der XJ, um etwa einem Porsche Boxster S das schmale Heck zu zeigen. Um zur Höchstform aufzulaufen, verlangt der betagte Zweiventiler allerdings nach tüchtig Drehzahl. Untenrum eher mit verhaltenem Elan gesegnet, saust er ab etwa 6000/min kultiviert und vibrationsarm los bis in fünfstellige Bereiche. Klingt dort jedoch reichlich bemüht, so dass selbst eilige Gemüter schnell wieder zum Sonntags-Swing zurückfinden. Und der lässt sich am besten auf kurvigen Landstraßen genießen.
Etwa auf der Schwäbischen Alb. Nur ein paar Schleierwölkchen bevölkern den tiefblauen Himmel. Was sich prima im verchromten Gehäuse des Scheinwerfers beobachten lässt, zumal die sanftmütige Yamaha ihrem Piloten stets genug Muße gewährt, um den Blick auch mal schweifen zu lassen. Sie verlangt nicht ständig nach Spitzenleistung, mutigem Schrägliegen oder rabiatem Spätbremsen auf der letzten Rille. Mit der XJ ist man immer auf der Ideallinie. Der eigenen.
Was – und hier wird’s pragmatisch – unter anderem an den bescheiden dimensionierten Reifenbreiten liegt. Statt showträchtiger Breitgummis klemmen nämlich geradezu schüchterne Asphaltsägen auf den Dreispeichen-Gussrädern, genauer gesagt 110/80-17 vorn und 130/70-18 hinten. Allemal ausreichend, die Spitzenleistung von 61 PS selbst beim vollen Herausbeschleunigen auf den Boden zu bringen. Und zudem von geradezu unverschämt beflügelnder Wirkung aufs Handling. Leicht und locker biegt die XJ auf ihren Dunlop Arrowmax um die Ecke, wobei es ihr vollkommen schnurz ist, ob es um weite Bögen, durch Spitzkehren oder fies zuziehende Hundekurven geht. Wegen des fehlenden Aufstellmoments kann sogar noch im Kurvenverlauf gebremst werden, ohne dass man stante pede in die Wicken saust. Weiterer Pluspunkt der schmalen Pneus: Um eine Kurve genauso schnell zu umrunden wie die breit gummierte Konkurrenz, ist deutlich weniger Schräglage nötig. Nicht nur fein für Anfänger, sondern auch für Ambitionierte. Sie können flott aufgeigen und stoßen erst beim mutigen Abwinkeln nach ersten Warnsignalen in Form raspelnder Fußrasten auf harte Gegenwehr des über den Asphalt schrammenden Hauptständers.
Wenn sie nicht schon vorher durch leichte Fahrwerksunruhen verwarnt und entsprechend eingebremst wurden. Wegen der geringen Federrate taucht die Gabel bereits bei normaler Fahrt trotz ausreichender Dämpfung hilflos ab - Transparenz und exakte Rückmeldung sind beim Teufel. Besonders nervig in welligen Kurven. Auf schlechter Piste und bei zügigem Tempo macht zudem die ebenfalls sehr soft gewählte Abstimmung des Hecks auf sich aufmerksam. Garantiert dieses Set-up auf gut gepflegtem Untergrund sänftengleichen Komfort, geht derselbe im beladenen Zustand trotz vorschriftsmäßiger Einstellung des direkt an der Schwinge angelenkten Federbeins fix flöten. Wer zu zweit mit Schmackes über Bodenwellen rauscht, macht unsanfte Bekanntschaft mit dem Anschlagpuffer. Bei artgerechtem Tempo dürfte solch Ungemach jedoch eher selten vorkommen.
Im MOTORRAD-Testparcours verhindern diese Schwächen allerdings ein noch besseres Abschneiden. Hier, im quasi komprimierten Biker-Alltagsleben, schlägt sich die XJ dank leichtfüßigen Handlings zwar wacker, könnte jedoch noch flotter um die Pylonen wuseln, wenn die Yamaha-Leute ihr endlich eine passende Gabelabstimmung verpassen würden. Was auch dem blitzartigen Auflaufen auf die Anschlagpuffer beim heftigen Verzögern den Garaus machen würde. Indes, die Bremswerte selbst gehen in Ordnung. Gut dosierbare, nicht allzu bissige, progressiv ansprechende Stopper bringen die Yamaha nach knapp 40 Metern aus Tempo 100 zum Stehen. Kein Problem auch für weniger Geübte, dank tendenziell hecklastiger Gewichtsverteilung bleibt das Hinterrad selbst bei Extrembremsungen stets bodenständig und hilft munter quietschend beim Verzögern mit.
Munter meistert die XJ sogar Autobahnpassagen, wo der Pilot aufrecht sitzend problemlos mit Tempo 160 dahinschnüren kann – wenn er sich nicht allzu sehr an den Lenker klammert. Dann überträgt sich seine Nervosität auf das Fahrwerk, und die ganze Fuhre beginnt aufgeregt Schlangenlinien zu beschreiben. Also Lenker locker lassen, und schon sind veritable Dauergeschwindigkeiten bei gutem Geradeauslauf drin. Ganz Eilige kratzen gar tief geduckt die 180er-Marke. Und merken bald, dass der Vierzylinder bei hohen Tempi den Durst eines ausgetrockneten Quartalssäufers entwickelt. Sind es bei geruhsamer Landstraßenfahrt noch halbwegs akzeptable 5,6 und bei konstant Tempo 100 5,2 Liter, verfeuert die XJ bei konstant 130 bereits knappe sieben Liter. Deren Hinterlassenschaften bar jeglicher katalytischer Nachbehandlung aus den verchromten Auspufftöpfen entlassen werden. Nun ja. Egal wie, nach gut 200 Kilometern kommt der Reservehahn zum Zuge, eine Tankanzeige gibt es nicht, das analoge Cockpit beschränkt sich auf die Basics.
Basics, ein erfreuliches Kapitel. Laden doch ein bequem gepolsterter Soziusplatz mit tief angeordneten Rasten und soliden Haltegriffen zum Beifahren, Gepäckhaken bei Solotrips zum Verzurren ein. Und da die XJ mit ihrer Technik nicht hinterm Berg hält, können sich sogar mäßig Begabte am kleinen Service – etwa Öl- und Zündkerzenwechsel - versuchen. Sollte die Fuhre mal umkippen – halb so schlimm: Gummigelagerte Blinker und der Verzicht auf herausstehende Kunststoffteile schonen das Budget im Falle eines Falles. Überschaubare Kosten für Reifen, Inspektionen und Versicherung machen zudem ein warmduschermäßiges Saisonkennzeichen überflüssig und prädestinieren die einfach zu handelnde XJ 600 N zum Ganzjahresbike. Schließlich locken selbst in Herbst und Winter sonnenverwöhnte Sonntagmorgende. Vier Vergnügen dabei!

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