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Touring-Test BMW R 1200 RT Von Südspanien nach Süddeutschland

Von Almería nach Alemania, von Südspanien nach Süddeutschland. Rund 2500 Kilometer erfuhr, erlebte Test-Redakteur Thomas Schmieder im behüteten Sattel der neuen, wassergekühlten BMW R 1200 RT. Schuld daran war seine Omma...

Liebe Omma, ich komme gerade zurück von einer tollen Reise aus Spanien. Die ich dir verdanke: BMW wollte eine komplett neue R 1200 RT präsentieren, den großen „Reise-Tourer“ mit fetter Vollverkleidung, pflegeleichtem Kardan und serienmäßigen Koffern. RTs gibt’s schon seit 1978 durchgehend. Kennst du vielleicht als Polizeimotorrad. Tolle Tourer sind das. Fahr ich gern. Deswegen habe ich zu meinem Test-Chef Gert Thöle gesagt: „Also mit so ’ner RT fährt ja noch meine Omma von Südspanien nach Hause.“ Und dann hat mein Chef nur gesagt: „Okay, dann fahr du, aber nicht deine Omma!“ Er dachte wohl: „Ganz schön dumm, Ende Januar kann es recht kühl werden.“ Und dann hat er das klargemacht mit BMW. Tja, dann galt’s. Ein Mann, ein Wort. Also flog ich nach Almería, um dort die neue BMW R 1200 RT Probe zu fahren. Habe dann noch schnell am Wochenende per E-Mail den Fahrbericht in die Redaktion geschickt. Deswegen steht in MOTORRAD 4/2014 schon drin, dass die neue BMW viel kann, richtig gut fährt.

Die beiden großen Koffer (stell dir vor: optional mit „Zentralverriegelung“ vom Cockpit oder per Zündschlüssel) fassen je einen Integralhelm. Ich habe da aber bloß Gepäck reingetan, denn den Helm hatte ich ja auf. Die Koffer sind perfekt integriert. Dann wollte ich noch die Ortlieb-Tasche aufschnallen. Geht aber kaum auf derBMW R 1200 RT . Ihr riesiger Gepäckträger hat nämlich keine Haken. Zudem ist der massive Haltebügel für den Passagier zu dick für übliche Spanngurte. Zum Glück hatten die Jungs von BMW noch andere Gurte dabei. Dann konnte es ja losgehen! Moment, erst noch das Fahrwerk richtig einstellen. Früher wäre man auf Knien rumgekrochen, mit Hakenschlüssel in der Hand. Heute gibt’s ein zentrales Federbein und sogar eines vorn am Telelever. Gegen Aufpreis elektronisch einstellbar. BMW gibt uns immer voll ausgestattete Maschinen zum Testen. Weil die so stolz sind, was sie alles können. Mit diesem „Dynamic-ESA“ drückst du nur einen der vielen Knöpfe links am Lenker, und schon stellt sich das Fahrwerk allein ein. Dämpfung geht auch in Fahrt, in drei Stufen (Soft, Normal und Hart, Pardon: Hard). Anpassung der Federrate und Federbasis an Zuladung (solo/solo mit Gepäck/zwei Personen) aber nur im Stand.

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Für einen Tourer bietet der Twin gehobene Dynamik

Blauer Himmel, durch grüne Palmwedel am weißen Strand rauschte warmer Wind. Frühling! 18° C zeigte das Bordthermometer. Der Traum vom Fahren. Nur noch dir selbst gehören. Wenn zwischen dir und der Zukunft nur noch ein Stück Straße liegt. Immer nach Norden. 2066 Kilometer direkter Weg nach Hause zeigte das Navigationssystem der BMW R 1200 RT. Es kostet extra, sitzt bündig über den zwei Runduhren für Tacho und Drehzahlmesser. Siehst du, manch Bewährtes bleibt eben doch erhalten. So wie der Boxer.

Weißt du, das sind die Motoren, wo links und rechts die Zylinder rausgucken. Baut BMW schon seit 1923. Älter als du! Der Motor wird nach 90 Jahren erstmals von kühlendem Wasser und sowie mit Benzin-Luft-Gemisch von oben nach unten durchströmt statt von hinten nach vorn. Nachdrücklich-souverän schiebt der neue 125-PS-Boxer bereits im Drehzahlkeller an. Er soll laut BMW bei jeder Drehzahl mehr Kraft haben als der gute alte luftgekühlte Motor. Ab 2500 Umdrehungen pro Minute stets über 100 Newtonmeter, maximal 125.

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Raumgleiter ist ein echter Kurvenkünstler

Im Leerlauf blubbert und brummelt der Boxer dezent. Der große, gegen Extra-Euros verchromte Schalldämpfer wird auch beim Ausdrehen nicht aufdringlich. Nur kerniger. Dazu röhrt’s ab vier-/fünftausend hämmernd aus dem Luftfilterkasten. Perfekt passt die gegenüber der GS größere Schwungmasse von Kurbelwelle und Lichtmaschine zur BMW R 1200 RT. Sie besänftigt, lässt den Motor sanfter und bei tiefen Drehzahlen runder laufen. Man spürt Pulsieren in den dünnen Griffen, aber die Hände schlafen nie ein. Für einen Tourer bietet der Twin gehobene Dynamik. Hui, geht er ab beim Ampelsprint! Raus aus der schönen Stadt Almería, mit ihrer maurischen Burg hoch oben, rein ins Vergnügen.

Irgendwo hinterm Meer, hinterm Horizont liegt Afrika. Aber auch hier gibt’s Wüste. Durch die Karst-Landschaft rund um
Tabernas und Sorbas schlängelt sich Bilderbuch-Asphalt. Der Herrgott hat hier Kurven auf die Hügel geworfen, einfach sagenhaft. Sie ist in ihrem Element, die BMW R 1200 RT. Zufrieden schnurrt der Motor. Leicht schwingt der perfekt austarierte Tourer hin und her. Der Raumgleiter ist ein echter Kurvenkünstler! Die längs liegende Kurbelwelle macht handlich. Beschwingt trägt mich die BMW R 1200 RT durch die Kehren, segelt so wunderbar leichtfüßig und präzise durch die Kurven. Ein Traum.

Linker Haken, rechter Haken, dann die Gerade. Zwischenspurts machen richtig Laune. Direkt und berechenbar folgt die BMW R 1200 RT der gewünschten Linie. Und den Befehlen am elektronisch abgefragten Gasgriff. Prima passt der „Road“-, also Straßenmodus. Dann gibt’s noch „Rain“ für Regen, wo der 1170-Kubik-Zweizylinder sanfter anspricht. Und in dem Traktionskontrolle und ABS früher eingreifen, um Rutscher oder gar Stürze zu verhindern. Siehst Du, alles so schön sicher heutzutage. Gegen Aufpreis gibt’s noch den „Dynamic“-Modus. Aber der wirkt für einen Tourer schon fast zu aggressiv, mit progressiver Gasannahme und später eingreifenden Regelsystemen.

BMW R 1200 RT fuhr beladen besser als unbeladen

Apropos: Zum „Dynamic“-Modus gehört auch eine neue Berg-Anfahrhilfe. Später war eine steile Brücke am Salzsee Mar Menor perfektes Testterrain dafür. Funktioniert prima. Wenn du im Stand mit laufendem Motor stark den Bremshebel ziehst, hält die Integralbremse den Heckstopper zu. Dann kannst du loslassen, ohne dass die BMW R 1200 RT noch wegrollen kann. Bis du den ersten Gang einlegst und mit etwas mehr Gas anfährst.

Wenn man sich mal verfährt (das Navi hat Lücken in Spaniens Städten): Bloß 5,30 Meter Wendekreis sind für solch einen Tourendampfer verdammt wenig. Ohne Gepäck hatten die brandneuen Reifen, Michelin Pilot Road 4 2CT, noch die Tendenz, in engen Kurven plötzlich weiter abzukippen. Zudem irritierte wenig Rückmeldung vom 180er-Hinterreifen. Fühlte sich an, als sei die Karkasse zu weich. Komischerweise fuhr die BMW R 1200 RT beladen besser, mit maximalem Luftdruck (2,5/2,9 kalt). Sie will raus, auf Reise! Wie ich.

Weißt du, in solchen Momenten will man die Welt umarmen, weil das Leben so herrlich und der Stress so weit weg ist. Die Mandelbäume blühen früh dieses Jahr. Toll, unterwegs zu sein. So wie in Cartagena. Die stilvolle Hafenpromenade lädt zum Schlendern ein. Wieder los, die Weite wartet. Wahnsinn, was das semiaktive ESA-Fahrwerk alles so rausfischt. Lange Wellen, tiefe Schlaglöcher, egal. Federwegsensoren vorn und hinten merken das schnelle Eintauchen oder Abtauchen (auch beim Bremsen und Beschleunigen) und erhöhen dann die Dämpfung. Fantastisch, wie sich die vollgetankt 282 Kilo schwere BMW zentimetergenau durchs Gewusel von Valencia dirigieren lässt. Auf harten Kanten in oder auf dem Asphalt, etwa bei „Rüttelstreifen“ gegen Einschlafen, rollt das kardangetriebene Hinterrad rau ab. Ansonsten ist die RT eine echte Sänfte.

Kein Kuppeln beim Hochschalten nötig

Der letzte Abend. Bin in der Dalí-Stadt Figueres, habe aber leider keine Zeit fürs weltbekannte Museum: schon zu sehr getrödelt. Nur noch ein Tag, der Chef wartet. Also jetzt gut 1050 Kilometer Autobahn am Stück. Ein Kinderspiel. Gelassen, unterhaltsam und behütet geht’s über die Bahn. Dazu flott. Viel Überholprestige könnte an den LED-Augen um die zwei Fernlichter liegen. Mit „Multi-Controller“-Rad links am Lenker kann man Navi und die Audio-Anlage (1000 Euro extra) steuern. Wirklich, du kannst während der Fahrt Radio hören. In der Frontverkleidung der BMW R 1200 RT (bei BMW heißt das „Karosserie“) sitzen ein neues Boxen-Duo mit Bassreflexrohr und zwei abschließbare, wasserdichte Fächer für Kleinkram, etwa Maut-Tickets. Die Ausfahrt „Agde“ rast vorbei, wo du früher immer im Urlaub warst.

Immer wieder hieß es, den gleichen Lkw, randvoll mit Orangen oder Tomaten, zu überholen, weil man beim Tanken und an Mautstellen viel Zeit verliert. Wroop, wroop, wroop, mit „Schaltassistent Pro“ brauchst du beim Hochschalten nicht zu kuppeln. Einfach das E-Gas offen halten und Schalthebel nach oben drücken. Macht an, ist bei einem Tourer aber entbehrlich. Ferner ist sogar Runterschalten ohne Kupplung erlaubt. Dabei musst du den Gasgriff vorher vollständig schließen. Muss man sich drauf konzentrieren, fast neu konditionieren. Funktioniert besser bei mittleren bis höheren Drehzahlen. Im Teillastbereich geht eher ein Ruck durch die BMW R 1200 RT. So wie jedes Mal beim Einlegen des ersten Gangs, selbstverständlich mit Griff zur leichtgängigen, hydraulisch betätigten Kupplung. Kalonk macht’s dann. Wie früher.

Ein Motorrad auf dem man im Winter nicht friert

Seit Tarragona wurde der Himmel immer dunkler. Selbst bei Regen haften die Reifen gut. Nun wird’s richtig kalt. Habe ich aber gar nicht gemerkt, sondern gewartet, dass die Eiswarnung bei 3° C angeht. Sie brannte aber bereits die ganze Zeit – weiß statt wie erwartet gelb. Wow, ein Motorrad, auf dem man im Winter nicht friert. Hände und Hintern halten Heizgriffe (Serie) und Sitzheizung (extra) fünfstufig muckelig warm. Selbst Rumpf, Füße und Knie kühlen nicht aus. Sensationell. Merkte die Kälte erst an der Tanke: Visier auf – und plötzlich fröstelt’s. Aber beim Weiterfahren wurde es wieder warm. Ehrlich wahr. Ob einen die BMW R 1200 RT im Sommer röstet? Mal sehen.

Durch die Rushhour von Lyon ging’s mittendurch. Später, auf deutschen ­Autobahnen, bewies die BMW R 1200 RT große Zielgenauigkeit, und das bei echten 225 Sachen laut GPS. Der Tacho vermeldet 235 km/h. Wohler fühlte ich mich in solchen schnellen Kurven bei tiefer gestellter Scheibe. Dann bekommen Schultern und Helm zwar Wind ab, aber ohne Turbulenzen. Hochgefahren herrscht himmlische Ruhe, konnte ich noch bis Tempo 130 Musik lauschen, mit geöffnetem Visier. Aber Achtung: Der dann spürbare leichte Sog kann auf Dauer zu einem steifen Nacken führen – ein Halstuch ist also trotzdem Pflicht.

Kein Pendeln, kein Rühren, nichts

Am Geradeauslauf, an der schlafwandlerischen Spurtreue der BMW R 1200 RT, gibt’s nichts zu mäkeln. Kein Pendeln, kein Rühren, nichts. Okay, in lang gezogenen Kurven merkt man als sensible Natur minimale Bewegung im komplett neuen Chassis. Bei 130er-Schnitt mit viel Tempo 170 zwischendrin nahm sie sich 6,9 Liter auf 100 Kilometer. Bei konstant 120 sind’s laut BMW 5,5 Liter. Dann wären sogar rund 450 Kilometer Reichweite drin. Vorher braucht der Po keine Pause. Auf dem bequemen Sitz hält man es stundenlang aus. Und erreicht selbst mit nur 1,71 Meter sicher den Boden. Sitzhöhe: 81 Zentimeter. Im Nu hochgestellt sind es zwei Zentimeter mehr. Das passt. Für größere Fahrer, wie Onkel Günther, gibt es eine 2,5 Zentimeter höhere Sitzbank. Und für kleinere eine ebenso tiefere. BMW denkt an alle(s).

Du sagtest immer: „Vornehm geht die Welt zugrunde.“ Das passt genau für die RT. Die kostet voll ausgestattet schlappe 21 000 Euro. Schluck. Klar, man könnte auch mit ’ner gebrauchten XJ 900 für 1500 Euro los, aber das kannste nicht vergleichen. Immerhin brauchte der neue Boxer auf die gesamte Tour keinen Tropfen Öl. Fast wie ein Japaner. Toll, was? Herzlichst, dein Thomas.

Technische Daten

Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor, zwei obenliegende Nockenwellen, vier Ventile, Einspritzung, Ø 52 mm, G-Kat, Mehrscheiben-Ölbadkupplung (Anti-Hopping), Sechsganggetriebe, Kardan, Bohrung/Hub 101,0 x 73,0 mm, Hubraum 1170 cm³, Leistung 92,0 kW (125 PS) bei 7750/min, Drehmoment 125 Nm bei 6500/min, tragender Motor-Getriebe-Verbund, längslenkergeführte Telegabel, Ø 37 mm, Zweigelenk-Einarmschwinge aus Alu, Zentralfederbein, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 276 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, ABS, Alu-Gussräder, 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17, Radstand 1485 mm, Lenkkopfwinkel 63,6 Grad, Nachlauf 116 mm, Federweg 120/136 mm, Sitzhöhe 805–825 mm, Gewicht 282 kg, Tankinhalt 25 Liter, Preis Basis-/Testmotorrad: 16.990/21.140 Euro.

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