Tracktest Ducati 848 FX Formula Extreme

Die US-Verfassung gibt jedem Bürger das Recht, sein Glück zu verfolgen. Die Regeln der AMA Formula Extreme 2008 geben dohc-Zweizylindern bis 850 cm³ das Recht, 600er-Vierzylinder und 1200er-ohv-Twins zu verfolgen. Wusste das im Ducati-Werk denn niemand?

Foto: Cathcart

Formula Extreme

Kaum zu glauben: Ducati baut ein waschechtes Sportmotorrad (also keine Neoklassik-GT, keine Multistrada) und kümmert sich eine laue Hackfleischsoße darum, in welcher Klasse es Rennen gewinnen soll. Das ist ungefähr so, als würde Rot vom Fächer der verfügbaren Farben gestrichen. Ungelogen: Die 848 war einzig und allein als Landstraßen- und Hobbysportler geplant. "Wir bekamen in Sachen Hubraum absolut freie Hand", bestätigt Marco Sairu, der für den Motor verantwortlich zeichnet. "Von der 749R wussten wir, was eine 94er-Bohrung thermodynamisch bedeutet. Mit Blick auf die durchschnittliche Kolbengeschwindigkeit einigten wir uns auf 61,2 mm Hub. Das ergibt eben mehr oder weniger zufällig 849 cm³. Wir haben ziemlich dumm aus der Wäsche geschaut, als unser US-Importeur damit bei den AMA Nationals in der Formula Xtreme-Klasse gegen 600er-Vierzylinder, 675er-Triples und 1200er-Vierventil-Stoßstangenboxer starten wollte. Ducati Corse steckte nämlich grade bis zum Hals in Arbeit mit den 1098-Kit-Teilen und hatte keine Zeit, diesen Renneinsatz zu beschicken."

Der Amerikaner an sich ist aber hartnäckig: Wenn ihm keiner hilft, macht er's eben selbst: Larry Pegram, der in der AMA Superbike schon kubikmeterweise Erfahrung mit Siebenachtundvierzigern und Neunsechsundneunzigern gesammelt hat, trommelt in Personalunion aus Teambesitzer, Teamchef und Fahrer seine Partner für das Projekt Achtvieracht zusammen: Ducati North America spendiert fünf Motorräder – zwei zum Fahren, drei für Teile –, und der Aufbau beginnt. Am Ende stehen unter anderem Wiseco-Kolben, Pankl-Pleuel, eine feingewuchtete Kurbelwelle, eine STM-Anti-Hopping-Nasskupplung, ein maßgeschneidertes Renngetriebe nebst Schaltautomat, maßvolle Feinarbeiten am Zylinderkopf, 14:1-Verdichtung sowie eine 2-in-1-in-2-Auspuffanlage von Sponsor Leovince zu Buche. Öhlins-Komponenten aus der absoluten Oberklasse – FG800-Gabel, TTX36-Federbein an der Einarmschwinge – führen die Pirelli-beslickten Marchesini-Schmiederäder.
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Foto: Cathcart

Motor, Beschleunigung, Bremsen

Dieses Konzert dirigiert der letzte Schrei der Motorelektronik: eine Magneti Marelli Marvel 4 ECU, die für Casey Stoner und Troy Bayliss gut genug ist – und eine Traktionskontrolle mitbringt. Die allerdings sei noch nicht in Betrieb, steckt mir Larry, als ich grade aufsitzen und die kalifornische Rennstrecke Fontana zum Tracktest unter die Räder nehmen will: Natürlich, einschalten könne man sie leicht. Schwierig sei aber, sie so abzustimmen, dass sie was bringt – also müsse ich erst einmal ohne Traktionskontrolle klarkommen. Auf dem gar nicht einmal so hohen Arbeitsplatz findet auch ein Pilot mit langen Haxen eine Haltung, die er gern 200 Meilen weit aushält. Die Sato-Rasten sind hoch montiert und ziemlich kurz, die Lenkerstummel stehen recht flach und weit. So ergeben sich prima Hebelverhältnisse, um die FX-848 durch Wechselkurven zu schnippen. Der Motor liebt Drehzahlen, braucht sie aber nicht, um immensen Zug an der Kette zu fabrizieren: Es macht fast keinen Unterschied, ob 8000 oder 11000/min auf der Uhr stehen. Der Pilot kann sich voll auf sein Gefühl und sein Gehör verlassen, um einen der vielen richtigen Zeitpunkte zum Gangwechsel zu erwischen; den Schaltblitz nimmt er allenfalls als Unterstützung wahr.

Die Schlüsselstelle in Fontana zeigt, wie selektiv AMA-Strecken sein können: Am linken Streckenrand über heftige Bodenwellen auf Einlenkspeed herunterbremsen, dann hart nach rechts umlegen und in den Kurvenausgang fast wie in einen Tunnel hinein beschleunigen; so eng und lang kommt einem diese Sektion vor. Ungünstige Faktoren, die hier nicht zusammentreffen dürfen, sind: ein Vorderrad, das beim Anbremsen über eine Bodenwelle springt; ein Fahrer, der das Vorderrad just in diesem Moment einlenkt; und wieder das Vorderrad, welches voll im Klammergriff der Brembos steht, als es sein Luftmanöver beendet. Tschabaddabäng... Zum Glück bleibt Larrys 848 fit genug, um die Formula Extreme-Saison 2008 auf Gesamtrang 4 zu beenden.

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