Wellbrock-Honda CB 1000 R Nackter Wahnsinn

Foto: Jahn

Wellbrocks nackter Wahnsinn

Die fleißigen Mitarbeiter bei Honda in Japan hatten die CB 1000 R kaum fertig zusammengesetzt und verschickt, da nahm Wolfgang Harbusch sie schon wieder auseinander. Ein ehrgeiziges Projekt, ein Motorrad zu tunen, das bei den meisten Händlern noch gar nicht im Laden steht. Entsprechend schwierig gestaltete sich auch die Organisation der Zubehörteile – angefangen beim Gabelumbau von Wilbers, der mit der Überarbeitung einer CB 1000 R Neuland betrat, über das extra für Wellbrock aufgebaute Racing-Federbein aus gleichem Haus bis hin zu der aus allerlei Einzelteilen mühsam zusammengeschweißten Leovince Titan-Komplettanlage. Immerhin konnte Harbusch bei Fußrasten und Hebeleien mit Gilles Tooling und Pazzo auf gängiges Zubehörmaterial zurückgreifen. Um dem modifizierten Fireblade-Triebwerk der CB 1000 R einige zusätzliche Pferdestärken zu entlocken, überarbeitete Wellbrock den Zylinderkopf, modifizierte die Nockenwellen und passte den Tuningmotor per Powercommander an die selbst geschweißte Auspuffanlage an.

Als Belohnung attestiert der Dynojet-Prüfstand dem aggressiv gestylten Naked Bike satte 139 PS. Genug, um jede Menge Spaß zu haben, aber zu wenig, um sich gegen die etlichen Supersportler in den Nachbarboxen durchzusetzen. Das hat die Honda auch gar nicht nötig. Sie sticht auf der Emotionsschiene, die Harbusch mit feinen Details zusätzlich unterstreicht. Der Fahrerhintern bettet sich statt auf der schnöden Seriensitzbank nun auf edlem Alcantara, die Lackteile blinken in VFR-Rot, das auch einer Serien-CB gut stünde. Spätestens beim Druck auf den Startknopf zieht die Honda auch den überzeugtesten Vollverschalungsfetischisten auf ihre Seite. Mit heiserem, gierigem Bellen ruft sie zum Spaßtrip in Hockenheims Kurvenparadies. Also Hintern aufs Alcantara, Hände an den breiten Renthal-Lenker und raus auf die Strecke. Die ersten Meter schaffen in hondatypischer Art sofort Vertrauen. Angenehmer Kniewinkel, sportlich-touristische Sitzposition, leichtfüßiges Handling, sauber ansprechende Federelemente, der erste Eindruck erhöht die Vorfreude auf entspannten Rennstreckenspaß. Nach wenigen Kurven sind Betriebsmittel und Fahrer auf Temperatur, und die Tuning-CB darf von der Leine. Linear schiebt der Vierzylinder durchs Drehzahlband und lässt bis zur Leistungsspitze bei knapp 10 000/min nicht mehr locker, untermalt vom infernalischen Gebrüll des Leovince-Endtopfs. Ein kurzer Zug am Schalthebel, und das Getriebe wechselt Quickshifter-unterstützt die Zahnradpaarung.

Kurve; aufrichten und anbremsen: Mit sauberem Druckpunkt und gut dosierbar lässt sich die von Wellbrock um satte 30 kg abgespeckte CB zusammenstauchen. Die Gabel liefert gutes Feedback über den Grip des GP Racer, dürfte aber auf der Rennstrecke noch etwas straffer sein. Ähnliches gilt auch für das Federbein, das dem Vorwärtsdrang der CB 1000 R am Kurvenausgang nur mit Mühe standhält. Macht nichts. Wer auf der Rennstrecke den Fahrspaß statt der Rundenzeiten im Auge hat, steigt mit einem fetten Grinsen vom Alcantara. Und überlegt, wie sich wohl so ein Spaßbrenner auf der Landstraße fahren würde. Schade, dass die fleißigen Mitarbeiter bei Honda nicht bereits im Werk solche Motorräder zusammensetzen.

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