Wahnsinn auf zwei Rädern - Verrückte Motorräder Fahrbericht Wunderlich S 1000 RR Mad Max

Schluss mit dem Gejammer! Ab sofort gibt es auch Winterreifen für Supersport-Bikes. MOTORRAD hat sie ausprobiert. Im Sommer.

Foto: fact

Hätten sie nicht ein weniger auffälligeres Motorrad nehmen können? Vielleicht eins in Rentnersilber? Mit Elektromotor, so ganz ohne Sound, Mickerleistung gar? Nein, es musste eine 200-PS-Rakete aus dem Hause BMW sein. Als die gestrippte S 1000 RR aus dem MOTORRAD-Transporter rollt, hat sie denselben Effekt wie ein Magnet, den man in einen Haufen Eisenspäne wirft - ist rucki, zucki von Schaulustigen umringt. Druck aufs Knöpfchen. Und das Viech brüllt. Heiser, grollig, prollig. Die Menge spritzt einen Schritt zurück. Gebündeltes Raunen. Was in Gottes Namen ist das?

Ganz einfach: ein Konzeptbike. Ausstellungsstück. Eyecatcher für Messen. Nicht dafür gedacht, auf die Welt da draußen je losgelassen zu werden. Wie jetzt? Ganz einfach: Als die Firma Continental letztes Jahr für die Präsentation ihres Enduroreifens TKC im Breitformat ein geeignetes Objekt suchte, ging BMW-Ausrüster Wunderlich mit an Bord. Das Resultat ist die BMW S 1000 RR Mad Max. Ein Monster. Radikal gemacht. Straßentauglich. Geländetauglich. Eventuell. Schon im Stand angsteinflößend. Böse Zungen behaupten, Techniker hätten sich mit Bauteilen, Bike und Bier wochenlang hinter schalldichten Wänden verschanzt. Und zweipromillig noch getüftelt. Wie auch immer … Jetzt steht sie hier. Grollt vor sich hin und hoppelt langsam in die Tiefgarage. Um solch einem Bike auf den Zahn zu fühlen, braucht es Männer aus Stahl. Unerschrocken. Tapfer. Erfahren. Anruf bei Stuntman Jo Bauer: „Du, wir hätten hier ein Supersport-Bike mit Winterreifen und brauchen einen abgebrühten Piloten“ Stille am Ende der Leitung. „Winterreifen? Schon mal rausgeschaut? Es hat 30 Grad im Schatten.“ Hmm. „Schon mal auf den Kalender geschaut? September. Der Winter steht quasi vor der Tür.“ Es gibt Dinge, die sollte man nicht aufschieben.

Drei Stunden später steht Jo Bauer neben dem Bike. Er lächelt. Es ist ein schelmisches Lächeln. Ein Lächeln, das noch breiter wird, nachdem sein fachkundiger Blick die Übersetzung der Mad Max gestreift hat. „Kürzer übersetzt“, raunt Bauer. „Auch das noch. Habt ihr eine Ahnung, wie lange der Hinterreifen hält, wenn wir jetzt da rausgehen?“ Hmm. „Nein, eine Ahnung haben wir nicht. Aber einen Ersatzhinterreifen.“ Im hinteren Eck der Werkstatt steht das Ding. Dimension 180/55 R 17. Riecht frisch nach Gummi. Und wenn man näher kommt, -genau hinsieht, meint man, er zittere. Der sechste Sinn? Weiß ein Reifen, was ihm blüht? Hoffentlich produziert er keinen Angstschweiß. Dann würde aus wenig Grip gar keiner mehr. Bauer schält sich ins Leder. Ellenbogenprotektor, Rückenprotektor, Bauchprotektor. Na, zumindest sieht’s so aus. „Lass uns wetten, wie viele Kilometer der Hinterreifen hält“, sagt ein MOTORRAD-Mechaniker. Und Bauer brummt: „Kommt ganz drauf an, was ich fürs Foto machen muss.“ Bauer weiß Bescheid. Er ist Stuntman, Instruktor, Teamchef, Rennfahrer. Ein Profi.

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„Max. 160 km/h“ - leuchtrot prangt dieser Schriftzug auf dem Drehzahlmesser. Bis zu dieser Geschwindigkeit haben Contis Testfahrer alles ausprobiert. Schräg. Schnell. Quer. Und die Pelle als unbedenklich eingestuft. Für Männer mit dicken Eiern. Und Frauen… gut, lassen wir das. Glaubt man den Legenden, die um die Mad Max ranken, sind mit dem TKC 80 sogar über 200 km/h drin. Selbst bei 240 würden sich die Gummiblöcke angeblich noch tapfer an der Karkasse festkrallen. Bei Höchstgeschwindigkeit quasi. Denn die Sekundärübersetzung der verrückten Max ist 46:15. Serien-übersetzung: 44:17. So viel dazu.

Durchschlängeln zur Ampel-Pole. Der Superbike-Lenker ist breiter als das Original, die Sitzposition aufrechter, nur leicht nach vorn geneigt. Grün! Autos flutschen vorwärts. Bauer bleibt stehen. Es qualmt fürchterlich. „Im Race-Modus einen zügigen Start hinlegen, ist nahezu unmöglich!“, wird er nachher sagen und ab diesem Zeitpunkt im Rain-Modus rumschnecken. Hier beißt der Motor nicht so brutal, geht sanfter ans Gas, verteilt das Gummi des Reifens verhaltener. Das geht überhaupt nur deswegen, weil die Mad Max auf Gimmicks wie Traktionskontrolle oder ABS gänzlich verzichtet.

Sie wissen schon: für Männer … Aber das hatten wir schon. Autobahn. 160 km/h. Das Monster bleibt topstabil. Abfahrt. Verhaltenes Gasgeben. Kein Drift. Alles im grünen Bereich. Mehr noch. Wer es nicht provoziert, sprich den Reifen mit Kupplung oder heftigem Gasgeben in die Bredouille treibt, kann mit dem TKC ganz normal ums Eck rollen. Ein Tourenreifen, entwickelt, um damit ins hinterste Eck der Welt zu reisen. Dorthin, wo der Begriff Asphalt ebenso unbekannt ist wie etwa iPhone. Aber… halt mal! Gibt’s diese Winkel tatsächlich noch? Egal. Landstraßenbögen. Jo Bauer durchsurft sie im Rain-Modus und ist von der Rückmeldung des TKC 80 überrascht: „Wenn man es mit der Kupplung nicht provoziert, verhält sich die dicke Stolle sehr angenehm. Rubbelt nicht weg und ist durchaus stabil. Erst wenn der Motor bei 8000/min zubeißt, fängt der TKC an wegzuschmieren. Ein tolles Gefühl.“ Tolles Gefühl? Die Geschmäcker sind verschieden. Lediglich der Vorderreifen macht ihm Sorgen. Bauer kann kein richtiges Vertrauen zu der Rubbelpelle in 120/70er-Dimension aufbauen: „Das extrem straff abgestimmte Öhlins-Fahrwerk in Verbindung mit den knackscharfen Bremsen - da sind die verhältnismäßig weichen Gummiblöcke bei harten Bremsmanövern problematisch. Bei Enduros mag das noch funktionieren, ein Supersportler verlangt jedoch mehr Stabilität.“ Noch etwas gefällt dem Ex-Supermoto-Profi: Die Mad Max will in den Kurven nicht mit Hanging-off gefahren, sprich nach unten gezogen, sondern wie beim Motocross gedrückt werden.

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Der Foto-Showdown bedeutet auch gleichzeitig den Exitus für den Hinterreifen. „Kannst du den Reifen während der Fahrt durchdrehen lassen? Wäre schön, wenn es ordentlich qualmt“, fragt der Fotograf. Bauer nickt, kein Problem, fährt in Position und das Spektakel beginnt. Aufheulender Vierzylinder, durchdrehender Reifen. Das Monster pfeift mit 50 km/h vorwärts. Bauer bremst dabei vorn. Nach 400 Metern bricht er ab. Fakt eins: Der Reifen ist nahezu profillos. Fakt zwei: Den Asphalt ziert ein pechschwarzer dicker Gummistreifen. „Damit’s ordentlich qualmt, bin ich im sechsten Gang gefahren“, meint Bauer. Wir rechnen kurz nach. 12000 Umdrehungen im Sechsten bedeuten eine Geschwindigkeit von 230 km/h. Für den Hinterreifen. Mit rund 50 km/h ist die Max gerollt. Bedeutet 180 km/h Schlupf am Hinterrad. Das war’s dann für diesen Tag.

Zwei Tage später: Neuer Hinterreifen, neuer Fahrer. Der Autor dieser Story hat allergrößten Respekt. Und gottlob auch Geländeerfahrung. Dass man die eigentlich gar nicht braucht, zeigt sich bereits auf den ersten Metern. Wer auf Extrembremsungen und Gewaltbeschleunigungen verzichtet, der kann auch gut mit dem TKC 80 auf Supersport-Bikes leben. Denn die Weltreise- und Winterpelle benimmt sich nie hinterhältig, sondern bleibt immer kontrollierbar und überraschend stabil. Da kann der Winter kommen. Soll noch einer maulen, dass es keine Reifen dafür gäbe.

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Technische Daten

Motor (Serie BMW S 1000 RR):
Wassergekühlter Vierzylinder-Viertaktmotor, 999 cm³, vier Ventile pro Zylinder, 142 kW (193 PS) bei 13000/min, 112 Nm Drehmoment bei 9750/min, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe.

Umbauten:
Wunderlich-Piranha-Kit, Spezialsitzbank, Vario-Handhebel, Remus-Auspuffanlage, Öhlins-Federbein und Gabelumbau, Gabelbrückenumbau, Kennzeichenträger, Lithium-Ionen-Batterie, Heckumbau, LED-Blinker, Motordeckelschutz - too much to list.

Preise:
Gesamtumbauteile Mad Max: 12121,90 Euro
Lackierung: 3177,86 Euro
Reifen TKC 80*: 179/105 Euro (hinten/vorn)
Weitere Infos: www.wunderlich.de und www.continental-reifen.de

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