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Yamaha FJR 1300 AE im Test.

Yamaha FJR 1300 AE im Test Endlich mit Sechsganggetriebe

Volle 15 Jahre bereichert der Traditionstourer Yamaha FJR 1300 schon den Planeten. Nun endlich mit Sechsganggetriebe. Ein würdiger Anlass für eine erneute Kontaktaufnahme – die der Autor zu einer ganz persönlichen Würdigung nutzt.

Liebe Eff-Jott-Err, ich habe wieder jede Minute mit dir sehr genossen. Du bist immer noch so hübsch und natürlich-elegant, wie du es seit 15 Jahren immer warst. Keine unnahbare Diva, sondern echte Freundin, immer bedingungslos für einen da. Als Kilometerfresser-Kumpel, als stets zuverlässiger und ausdauernder Reisebegleiter, gesegnet mit dem ewigen Leben. Weißt du noch? In der ersten Bauversion ertrugst du klaglos den Dauertest über volle 100.000 Kilometer (MOTORRAD 23/2003). Da gab es bloß ein paar Kinderkrankheiten nach der zweieinhalbfachen Erdumrundung, sonst nichts. Lang her.

Von Anfang an war dein 1298-Kubik-Vierzylinder ausgereift, kein Ölverbrauch, keine Malaisen. Einfach der große Wurf: Fahrerisch eine Wucht, hast du „den Horizont schneller herangezoomt“, wie mein Freund Markus 2001 über dich schrieb. Du hast sportliche Fahrleistungen mit Langstreckenqualitäten kombiniert. Stets trugst du bloß fünf Gänge im eng gestuften, kurz übersetzten Getriebe. Generationen von Motorrad-Journalisten haben unermüdlich den „fehlenden sechsten Gang“ beklagt. Ja und? Hat dich rollende Trutzburg das je gestört? Oder etwa deine über 60.000 Käufer in Europa?

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520 Kilometer Reichweite

Yamaha sagte stets: „kein Bedarf“. Und nun das. Jetzt haben dir die Japaner doch ein komplett neues, schrägverzahntes Sechsganggetriebe spendiert. Wie du dich damit anfühlst? Anders, doch ganz die Alte, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Klar, dass man nun häufiger schalten darf, wenn auch nicht muss. Kein Problem. Allerdings rückt deine hydraulische Kupplung etwas „digital“ ein, auf dem letzten Stückchen Weg am leichtgängigen Hebel. Gangwechsel brauchen ein klitzekleines Quäntchen Nachdruck am Schaltfuß.

Dafür senkt deine neue Schaltbox die Drehzahl, schont Nerven, spart Benzin. Du hast die Zeichen der Zeit erkannt. Tempo 100 schüttelst du im sechsten Gang locker mit rund 3000 Umdrehungen aus dem Ärmel. Früher brauchte der finale fünfte dafür rund 3750 Touren. Tempolimits auf Landstraßen eingehalten, begnügst du dich nun mit 4,8 Litern, locker ein halber Liter weniger als bislang. Also können wir 520 Kilometer fahren, ohne zu tanken! Sehr genieße ich dein turbinenartiges Hochdrehen, erst ganz oben wird das minimal zäher.

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Yamaha FJR 1300 AE mit Euro 4-Abstimmung

Als Fast-Forward-Tourer lässt du Distanzen schrumpfen, machst die Erde kleiner. Dein real 141 PS starker Vierzylinder vibrierte in der unteren Drehzahlhälfte ja noch nie nennenswert. Aber bei Konstantfahrt in der Drehzahlmitte, da kribbelt(e) es doch ein bisschen feinpixelig. Früher schliefen mir im Ausland bei gut 130 ein wenig die Hände ein. Nun sind solche Vibrationen im auf rund 300 Sachen übersetzten sechsten Gang in höhere Geschwindigkeitsbereiche verschoben. 5000 Touren liegen erst jenseits der 160 an. Laut Tachoanzeige rennst du bergab nun rund 270 Sachen, bergauf immer noch über 230. Klar kippst du dir bei viel Vollgas auch mal über neun Liter auf 100 Kilometer rein. Von nichts kommt eben nichts.

Sauberer, abgasärmer und eher stärker geworden ist dein unveränderter Motor mit Euro 4-Abstimmung. Seine wie gehabt kleine Drehmomentsenke bei 4500 Touren überspielst du locker, spendierst immer Leis­tung. Dein Durchzug im letzten Gang von Tempo 60 auf 140 wurde weniger rasant, logisch: 10,0 statt vorher 8,7 Sekunden. Ist ein aufgesetzter Schongang, ein echter Overdrive. „Bleib einfach im Fünften“, hast du mir zugeflüstert. Der ist sogar etwas kürzer als bisher, macht es noch rasanter, in 8,2 Sekunden. Direkter spricht dein sportlicher S-Fahrmodus aufs E-Gas an als der etwas trägere T-wie-Touring-Modus mit dem langen Hebel-Leerweg. Hui, ganz schön spät regelt deine Traktionskontrolle.

Rollendes Zuhause und Führerscheinkiller zugleich

Gut, doch nicht spitze sind deine Vierkolben-Festsattelbremsen. Ihre ABS-Software macht im Regelbereich lange auf. Das geht heutzutage besser. Benutzerfreundlich sind deine nicht überfrachteten Lenkerarmaturen und dein informativer, ordentlich bestückter Bordcomputer. Allerdings, ich will ehrlich sein, ist der Windschutz für aktuelle Luxus-Tourer nicht erste Klasse. Laut geht es zu hinter der elek­trisch hochgefahrenen Scheibe. Breit bauen dein buckliger 25-Liter-Tank und dein richtungsweisender Alu-Rahmen. Das spreizt die Beine, ist ein wenig altmodisch. Ja und? Bin ich doch auch. Muckelig warm halten deine dreistufigen Heizgriffe.

So viel haben wir gemeinsam erlebt. Danke dafür. Weißt du noch, wie wir 2001 nachts auf dem Kölner Ring in die Polizeikontrolle gerauscht sind? Weil du ein völlig sicheres Gefühl vermittelst, vom Tempo entkoppelst, rollendes Zuhause und Führerscheinkiller zugleich bist. Fürsorge, gepaart mit heftigem Antritt. Eine toller Mix

Überholprestige extra hellle LED-Scheinwerfer

Der Hammer ist das neue Überholprestige: Vier LED-Hauptscheinwerfer (je zweimal Fern- und Abblendlicht) brennen die linke Spur frei. Dies ist wohl das hellste Licht, das mir je ein Motorrad gespendet hat! Zumal die je drei stufenweise zugeschalteten seitlichen Kurvenlicht-Spots den Fahrbahnrand kurviger Landstraßen gut ausleuchten. Rechtzeitig das Reh sehen!

Stabil wie eh und je: dein Fahrgestell. Nur eine ganz minimale Rührtendenz bei Vmax kennst du. Deine Dämpfung lässt sich elektrohydraulisch einstellen, hinten auch die Federbasis per Knopfdruck. Satt und schwer ruhst du auf deinen Feder­elementen wie eine Mercedes-S-Klasse. Bist eben eine gefühlsechte Sänfte. Ein Kollege nannte dich „schwerfällig“. Aber das finde ich wirklich übertrieben!

Du ziehst vertrauenerweckend zielgenau und neutral deine Bahn, nicht knackig, nicht störrisch. Kompakt wirkst du im Stand nicht einschüchternd groß. Aber beim Schieben und Rangieren spürt man deine 305 Kilogramm (inklusive richtig guter, eng anliegender 39-Liter-Koffer). Uff. Das ist nur etwas für erfahrene Reiter im tiefen, praktisch höhenverstellbaren Sattel.

Deine Verkleidung mit ausstellbaren Seitenelementen hat ein paar Sicken und Fältchen mehr als 2001. Strahlend glänzt du im edlen Silbermatt-Lack. Ich freue mich schon auf 2031: Dann hast du sieben Gänge, und ich habe dann hoffentlich viel Zeit. Um gemeinsam mit dir auf Reisen ­tolle Sachen zu erleben, neue Erfahrungen zu sammeln, du Wohlfühl-Tourer.
Herzlichst, dein Thomas.

Foto: www.r-photography.info
Yamaha FJR 1300 AE.
Yamaha FJR 1300 AE.

Technische Daten Yamaha FJR 1300 AE

Technische Daten Yamaha FJR 1300 AE (k.A.)
Modelljahr 2016
Motor
Zylinderzahl, Bauart 4 , Reihenmotor
Bohrung/Hub 79,0 / 66,2 mm
Hubraum 1298 cm³
Ventile pro Zylinder vier Ventile pro Zylinder
Verdichtung 10,8
Leistung 107,5 kW ( 146,2 PS ) bei 8000 /min
Max. Drehmoment 138 Nm
Zahl der Gänge Sechsganggetriebe
Hinterradantrieb Kardan
Fahrwerk, Räder, Bremsen
Rahmen Brückenrahmen
Federweg vorn/hinten 135 mm / 125 mm
Reifen 120/70 ZR 17 , 180/55 ZR 17
Bremse vorn/hinten 320 mm Vierkolben-Festsättel / 282 mm Doppelkolben-Schwimmsattel
ABS Ja
Maße und Gewichte
Radstand 1545 mm
Lenkkopfwinkel 64,0 °
Nachlauf 109 mm
Leergewicht vollgetankt k.A.
Sitzhöhe k.A.
Zulässiges Gesamtgewicht 504 kg
Höchstgeschwindigkeit 245 km/h
Preis
Neupreis 18995 Euro

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