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Das Fahrwerk und die Sitzposition unterstreichen das. Und als ob mir die Yamaha das eindrücklich ins Hirn massieren will, quittiert sie sportliches Angasen mit weiten Linien.

Yamaha MT-09 im PS-Performance-Test Rennfahrer trifft auf Brot-und-­Butter-Bike

Gleich im zweiten Anlauf mal etwas anderes für Racer-Rod: Die Yamaha MT-09 im harten, unbestechlichen PS-Performance-Test. Was macht ein Rennfahrer aus Brot-und-­Butter-Bikes? Ein Fall-Beispiel.

Ich hab‘s befürchtet. Dass den Herren Redakteuren bei der aktuellen Supersport-Lage selbige Bikes bald ausgehen, damit musste ich rechnen. Dass sie mir aber gleich im zweiten Anlauf so einen Landstraßen-Feger wie die Yamaha MT-09 unterjubeln? Die haben sie doch nicht mehr alle. Im Internet wurde übrigens schon viel über unseren Performance-Test mit der Honda Fireblade (PS 3/2014) geschrieben und diskutiert. Das freut mich natürlich. Nur das Geläster, ich sei etwas zu soft und anständig gewesen, kann ich nicht stehen lassen, liebe Leute. Ich habe drei Slicks und einen Satz Straßenreifen niedergestreckt. Offensichtlich für einige nicht genug.

Das tut mir jetzt natürlich leid für die Yamaha MT-09. Soft? Euch zeig ich‘s! Kurzer­­hand montieren wir feine Bridgestone V02-Slicks und ziehen Reifenwärmer drauf. Der Streckenwart beugt sich schon erwartungsvoll über die Boxenmauer. Nach den Erfahrungswerten der geschätzten PS-Tester haben wir vorweg die Gabel- und Federbein-Zugstufe auf mickrige 0,25 Umdrehungen zugedreht sowie die Federvorspannung an Gabel und Federbein auf maximale Härte gestellt. Wenn ich mir die vor sich hin spratzelnde Yamaha im Stand so anschaue, scheint sie irgendwie zu zittern. Zu Recht! Denn jetzt, du aufrechtes, zerklüftetes Ding, geht‘s dir an den Kragen.

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Bremse sanft ziehen, Gas voll aufreißen

Boxengasse raus. Die ersten Schwünge zum Einfahren. Na?! Gar nicht so schlecht. Genügend Schräglagenfreiheit hat die Yamaha MT-09, und der Motor, hey, der kann was! Aber wer richtig rasen will, sollte auch ordentlich bremsen. Olala! Staub, Steine... Schon ist es passiert.

Irgendwo habe ich etwas von toller Bremse und ABS bei der Yamaha MT-09 gehört. Hallo, so nicht! Beim scharfen Ankern taucht die auf Komfort ausgelegte Gabel voll ab – trotz maximaler Gabelfeder-Vorspannung. Durch das Auf-Block-gehen der Tauchrohre öffnet die Bremse kurz und die ABS-Regelei nimmt folglich gar kein Ende mehr. Die langen Regel-Intervalle rechnen sich sicher auf der Landstrasse, aber taugen definitiv nicht für die Rennstrecke. Bruchteile von Sekunden später steht mir das Kiesbett im Weg. Zum Glück hatte ich genug Schwung. Schnell die Fußrasten gleichmäßig belasten, Hintern nach ganz hinten und Arme lang machen. Gas wieder auf, so konnte ich sauber das Kiesbett durchpflügen.

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Offroad-Einlage mit der Yamaha MT-09

Die mitgereisten Redakteure stehen kopfschüttelnd in der Box: Keine zwei Runden und schon eine Offroad-Einlage! Wir entschließen uns zur Radikalkur. Die ABS-Sicherungen müssen raus – einen Schalter gibt es an der Yamaha MT-09 leider nicht! Und wo wir schon mal in der Box sind, wird der Luftdruck des Slicks hinten auf 1,5 bar optimiert und vorne auf 2,1 angepasst. Die Zugstufen des Fahrwerks drehen wir jetzt voll zu.

Beachtlich, wie der Motor schon gefühlt aus Standgas anpackt. Mapping-Modus A wie „Aggro“ ist für die Vorgehensweise hier auf der Piste genau das Richtige. Die Lastwechsel fallen dabei allerdings deutlich spürbarer aus als bei Standard oder Modus B. Trotzdem kann man aus tiefer Schräglage früh ans Gas gehen, und die Yamaha MT-09 zieht ruckfrei aus der Kurve. Manchmal zeichnet der hintere Pneu sogar eine feine Linie auf den Asphalt. Doch hart am Horn gepackt, schwänzelt das Bike hinten immerzu – trotz Racer-Trick mit der leicht getretenen Fußbremse.

Fun-Faktor-Stufe „Genial“!

Na, mit so einem Bike will man keine Rundenzeit brechen, dann muss es der Fun-Faktor richten. Dafür ist der seidenweiche Motor der absolute Knaller. Seine Schmalbrüstigkeit mit nur 115 PS verschleiert er gekonnt mit hohem Drehmoment aus dem Drehzahlkeller. Die Yamaha MT-09 hat bei 2500/min satte 15 Nm mehr Drehmoment als die Superbike-Waffe BMW S 1000 RR. Und, was sagt uns das? Fun-Faktor-Stufe „Genial“! Erst bei über 11.500/min ist Schluss. Okay, Superbike-Fetischisten beginnen hier erst zu lächeln, und da ich mich auch dazu zähle, war mir die Fireblade hier Tage zuvor schon lieber. Aber diese Yamaha ist bei weitem ­besser, als ich mir solche Bikes ­überhaupt nur vorgestellt hätte. Man muss es tatsächlich mal probiert haben.

Vortrieb ist dank des kurz übersetzten, speziell in den ersten vier Gängen sportlich eng abgestimmten Getriebes reichlich vorhanden. Vorausgesetzt, die Strecke ist nicht allzu weitläufig. Denn viel zu früh, schon bei 210 km/h, lassen die Erbauer die Yamaha MT-09 abriegeln. Die hätte mit dem willigen Motor deutlich mehr drauf. Will Yamaha mit dem Triple nicht ein Sportbike bauen? Jedenfalls ist das ein irres Gefühl, so viel Vollgasanteil auf der Rennstrecke zu fahren. Ein Moto3-Fahrer muss sich ähnlich fühlen.

Yamaha MT-09 ausschließlich für die Landstraße gebaut

Das Konzept der Yamaha MT-09 ist eindeutig zu erkennen. Sie ist ausschließlich für die Landstraße gebaut. Das Fahrwerk und die Sitzposition unterstreichen das. Und als ob mir die Yamaha das eindrücklich ins Hirn massieren will, quittiert sie sportliches Angasen mit weiten Linien. Mit schwänzelndem Heck fordert sie so manche Welle zum Tango auf. Provozieren wir mal ein bisschen, lassen das Häschen mal etwas hüpfen. Peng – lieg ich im Dreck. Mein Fehler.

So hat die Yamaha MT-09 ungewollt noch andere Qualitäten unter Beweis gestellt. Jedenfalls versuche ich das der entsetzt herbeigeeilten PS-Crew zu verklickern. Trotz ihres günstigen Einstiegspreises von 7995 Euro mit ABS steckt sie so ein hartes Parkmanöver erstaunlich unbeeindruckt weg. Nachdem der Staub abgeklopft ist, kann ohne nennenswerte Schäden weitergefräst werden. Keine zerstörte Verkleidung, kein krummer Lenker. Obendrein robuste Motordeckel – das Öl bleibt drin. Die Rasten sind noch an Ort und Stelle, selbst Brems- und Kupplungshebel stehen noch gerade. Da soll sich der Fuhrpark-Typ mal nicht so haben, dass die Race-Ständeraufnahme abgebrochen ist. Was, das bedeutet Totalschaden für die Schwinge? Für was braucht ein Landstraßen-Motorrad auch so ein Ding?

Standfeste, radial verschraubte Vorderradbremse

Sind Kombi und Bike erst mal von Kampfspuren gezeichnet, geht alles irgendwie noch leichter von der Hand. In unzähligen Spaßrunden kristallisieren sich die gelungenen Bauteile der Yamaha MT-09 heraus. Gut ist die standfeste, radial verschraubte Vorderradbremse. Mit ausgeschaltetem ABS kann ich damit an der Haftgrenze des Vorderradpneus entlang gezielt tief in die Kurven hinein bremsen. Das Ganze mit geringem Gegendruck am Lenker und ohne wandernden Bremsdruckpunkt. Die ausgewogene Balance des Bikes macht richtig Spaß. Denn verlagert man ab dem Scheitelpunkt den Druck vom Vorderrad nach hinten, steigt die Yamaha schon aus tiefer Schräglage aufs Hinterrad. Beeindruckend spielerisch kann die Yamaha MT-09 richtig schräg und weit in die nächste Gerade hinein gewheelt werden, um sie nach dem nächsten Gangwechsel sanft wieder abzusetzen.

Kommen wir zum Kern des Bikes. Kein Racer, kein Rundenzeiten-Brecher, kein Kämpfer auf der letzten Rille, keine brachiale Kraftspritze. Gut, die Yamaha MT-09 hat kleine Schwächen: Überpacen quittiert sie mit Rühren, das Fahrwerk ist sehr soft, das ABS hat kaum Sportgene. Bei solch einem Schnäppchenpreis bleibt aber möglicherweise Geld für eine ordentliche Fahrwerksüberarbeitung übrig, und dann stehen die Zeichen auf Sturm. Als Spaßbike fasziniert mich dieses unscheinbare Ding auf Anhieb– warum also nicht?

Foto: MRD

Technische Daten Yamaha MT-09

Yamaha MT-09

Antrieb

Dreizylinder-Reihenmotor, vier Ventile/­Zylin-der, 84,5 kW (115 PS) bei 10.000/min*, 88 Nm bei 8500/min*, 847 cm³, Bohrung/Hub:  78,0/59,1 mm, Verdichtung: 11,5:1, Zünd-/Einspritzanlage, 41-mm-Drosselklappen, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, G-Kat, Kette.

Fahrwerk

Leichtmetall-Brückenrahmen, Lenkkopfwinkel: 65,0 Grad, Nachlauf: 103 mm, Radstand: 1440 mm, Upside-down-Gabel, Ø Gabelinnenrohr: 41 mm, einstellbar in Federbasis und Zugstufe. Zentralfederbein mit Umlenkung, einstellbar in Federbasis und Zugstufe. Federweg vorn/hinten: 137/130 mm, Leicht­metall-Gussräder, 3.50 x 17/5.50 x 17, ­Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 180/55 ZR 17, Erstbereifung: Bridgestone S20 in Sonderspezifikation „M“, 298-mm-Doppelscheibenbremse mit radial angeschlagenen Vierkolben-Festsätteln vorn, 245-mm-Einzelscheibe mit ­Einkolben-Schwimmsattel hinten, ABS

max. Hinterradleistung **

80 kW (109 PS) bei 188 km/h

Beschleunigung**

0 –100 km/h: 3,3 s; 0 –150 km/h: 6,0 s;

0 –200 km/h: 11,5 s   

Durchzug**

50 –100 km/h: 4,2 s; 100 –150 km/h: 5,0 s

Höchstgeschwindigkeit*

210 km/h

Gewicht

195 kg vollgetankt, v./h.: 50,6/49,4 %,

Tankinhalt: 14,0 Liter

Setup Gabel

stat.neg. Federweg:  31 mm, Zugstufe: ­komplett geschlossen, Niveau: Standard

Setup Federbein

stat.neg. Federweg: 7 mm (voll vorgespannt), Zugstufe: komplett geschlossen, Niveau: Standard

Grundpreis

7995 Euro zuzüglich Nebenkosten

 * Herstellerangabe; ** PS-Messung

Foto: Jahn
Ohne ABS steht doppelt Spass an!
Ohne ABS steht doppelt Spass an!

PS-Fazit

Die Skepsis weicht meinem Spieltrieb - Nach dem ersten Anblick und den Leistungsdaten der Yamaha MT-09 dachte ich, die PSler wollen mich auf den Arm nehmen! Für diesen Haufen brauchen die mich sicher nicht. Jetzt sage ich: Ohne die Jungs wäre ich nie in den Genuss gekommen. Cool, was solche Bikes mittlerweile können.

Und wer fahrerisch halbwegs etwas draufhat, kann sich mit so etwas ganz schön austoben – trotz des Abflugs wegen Schwächen im Fahrwerk und dem ­wenig sportlichen ABS. Was ist das jetzt für ’ne Schublade? Schlichtes Naked Bike, Straßensportler? Irgendwie brauchen heute ja alle ihre Schubladen. ­Meine Meinung: Funbike mit Super­moto-Spieltrieb. Guter Motor und solide Technik zu ­einem erstaunlich niedrigen Preis zeichnen die Yamaha MT-09 aus. Nachträglich einen ABS-„Aus“-Schalter einbauen, dann würde ich sie durchgehen lassen.

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