Finale: Yamaha RD 350 Der berühmte Oldtimer von Yamaha

Drei Stimmgabeln kreuzen sich im Logo ihrer Marke, ihre zwei Zweitaktzylinder sorgten für feurigen Vortrieb, auf der Straße entfachten sie eine einmalige Klangkulisse. Diesmal im Finale von MOTORRAD: die berühmte Yamaha RD 350.

Foto: Wolf

Mit 13 hat man Träume. Vom ersten Mofa vielleicht. Vom ersten Kuss von dem hübschen Mädchen aus der Parallelklasse ganz bestimmt. Oder vielleicht auch noch ein bisschen mehr. Mein Traum war dunkelgrün, schrie wie eine auf den Schwanz getretene Raubkatze und verströmte den süßen Duft unverbrannter Kohlenwasserstoffe. Es war die RD meines Nachbarn. Jeden Morgen auf dem Weg zum Schulbus brannte das reiche Söhnchen an mir vorbei, jeden Morgen dieselbe Demütigung: Ich musste latschen, der durfte rasen.

Neue Motorräder waren Anfang der 70er-Jahre noch eine Seltenheit. Und eine heiße Yamaha RD 350 war damals total neu.Statt Internetgeklicke heute Direktrecherche damals: Ich umkreiste konzentrisch die im Hof abgestellte Maschine. Zwei Auspuffe, also zwei Zylinder, Vergaser gehen unten rein, also ein Zweitakter. So wie die Rennmaschinen! Tacho bis 200! Roter Bereich bei 8500/min! Scheibenbremse! Wahnsinn. Mein Quartett gab Auskunft: Yamaha RD 350, 39 PS, Spitze 175 km/h Preis 3395 Mark (1971). Es gab Stärkeres, aber das schien finanziell völlig unerreichbar. „Papa, krieg ich auch mal so ein Motorrad?“ „Junge, lern was Gescheites, dann kannst du dir später selber eins kaufen.“

Brachialpädagoge, der er nun mal war, verstand er es immerhin, meine Gehirnwindungen so zu drehen, dass eines klar war: erste Kohle, erste RD. Eine 250er zwar nur, aber genauso schreiend und duftend.

Und jetzt , kaum 35 Jahre später, steht sie da. Dunkelgrün, vollgetankt, frisch res-tauriert, Kickstarter ausgeklappt. Der Tritt darauf ist eine kultige Handlung für mich. Er muss schnell, aber nicht grob, entschieden und nicht hektisch zelebriert werden. Mit ein bisschen Gas bellt die RD los. Heute fast schon unanständig: die mächtige Kaltstartwolke aus den beiden Auspuffrohren. Für mich der Sprung zurück in die geile Zeit der ersten Ausfahrten.

Wo sind sie, all die dicken Hondas mit ihren Vierzylindern, die Gummikühe mit ihren Schaukelkardans? Ich werde sie alle niederbügeln. Es ist eine Honda CBF 600, die ich unter Aufbietung aller Fahrkünste außen überhole, und auf der Ausfallstraße drückt sich ein Familienkombi gelangweilt in meinen Rückspiegel. Ich wechsle auf die rechte Fahrspur und erkenne gerade noch das CDI 200 auf seinem Kofferraumdeckel. Die Karre distanziert mich enorm, die RD vibriert furchterregend in Fußrasten und Lenkerenden.

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Foto: Wolf

Ernüchterung macht sich breit. Was damals Rakete war, ist heute Schnecke. Was damals leicht vibrierte, fühlt sich heute unerträglich an. Ob die RD kaputt ist? Auf dem Parkplatz wird alles kontrolliert. Motor-aufhängungen vorhanden, Motor läuft im Standgas ruhig, nichts klappert, nichts hängt weg - dann war es wohl so.

Ist man so verwöhnt heute? Ja, man ist. Aber: Die Straßenwelt, das ganze Verkehrsgeschehen, alles hat sich dramatisch verändert. Die Konsequenz: mit der RD die alten Straßen suchen. Jene kurvigen, nicht wirklich gut asphaltierten Reviere, in denen das Jagen durch die Gänge noch richtig Spaß macht. Auch mit nur 39 PS, von denen in dieser RD vielleicht 35 drin sind. Dazu muss man weit von der Großstadt weg sein, die ersten Dörfer auf dem Land ansteuern und dann nochmals links ud rechts abbiegen, dann geht es los. Autos gibt es hier kaum, die nerven sich auf den Schnellstraßen der Republik im Stau.

Ich freue mich über die handliche schmale Maschine, die Kurven wie an der Schnur gezogen meistert. Über die Leichtigkeit, mit der der Motor hochdreht, und höre endlich wieder diesen unnachahmlichen Klang. Wie kräftig und ordinär Motorräder damals noch ansaugen durften, wie blechern und knallig sie aus den Tröten schnalzen konnten. Endlich ist es wieder da, das RD-Feeling. Niemand drängelt, niemand nervt, und in Kurven ist die Kleine eh ziemlich flott zu fahren. Zumal die aufgezogenen Metzeler-Reifen ME 33 und 77 deutlich besser haften als die Rille 12 und Block C 66 von damals. Was hat man sich mit dem harten Zeug auf die Fresse gelegt! Und das waren schon die guten Reifen. Die originalen Yokohama waren gefürchtete Im-Regen-sofort-Abschmierer. Mit der Zeit werde ich mutiger. Dank neuer ICON-Federbeine, die originalen Japan-Dämpfer taugten noch nie was, darf vertrauensvoll abgewinkelt werden. Bodenfreiheit bietet die RD reichlich, war halt schon ein Brenner, damals. Und die schmalen Reifen brauchen auch nicht die Schräglagen, um in Kurven richtig schnell zu sein.

Auf meiner Hausstrecke laufe ich auf einen sichtlich bemühten Supersport-Fahrer auf. Seine Rennkombi zieren unberührte Knieschleifer, sein Fahrstil erinnert an Valentino Rossi, nur leider halb so schräg. Er zuckt vor Schreck, als ich mich im Rückspiegel zeige. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht ziehe ich vorbei, winkle deftig ab, links, rechts, links durch die Kurvenkombination, ja, so geht das! Rechts rum noch ein wenig tiefer - huch, da ist es wieder, dieses kratzende Geräusch von Metall auf Asphalt! Der Bügel, Mann, der Fußrastenbügel unterm Auspuff, der hebelt doch aus! Gerade noch gemerkt, glücklich wieder nach Hause gekommen, was für ein Tag.

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