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Männertraum: dicker Motorschutz aus Alu, fetter Kickstarter zum Angeben, viel Bodenfreiheit, wenig Bremsen

Impression Yamaha XT 500 Wie beim allerersten Mal

Eine fast 40 Jahre alte Yamaha XT 500, die aussieht wie frisch aus dem Laden, ein Tag mit stahlblauem Himmel, Sonne bis zum Abwinken und vor uns winzigkleine Straßen mit tausend Kurven: Schöner kann Motorradfahren nicht sein.

Es gab mal wieder einen ziemlichen Menschenauflauf in der MOTORRAD-Garage. Und zwar nicht, weil der neueste Super-hast-du-nicht-gesehen-Crossover-Donnerbolzen ausgeladen wurde. Das Objekt der Neugierde war von schlanker Statur, schlicht in der Linienführung und nur 27 PS stark: Eine wirklich fantastisch restaurierte Yamaha XT 500 der ersten offiziell importierten Serie funkelte mit ihren Speichenrädern im Schein der Neonlampen. "Mann, ist die klein!", entfuhr es einem netten Kollegen, dessen Geburt zehn Jahre nach dem eingestanzten Baujahr auf dem polierten Aluminium-Typenschild der XT erfolgte.

"Jüngelchen", hätte man ihm gerne gesagt, "früher waren alle Motorräder niedrig, handlich und klein. Heute werden doch nur noch dicke fette Plastikeimer gebaut!" Aber dem netten Kollegen sei es verziehen. Woher sollte er es wissen? Immerhin hatte er schon erfahren, dass eine schlanke Ducati Scrambler vieles besser kann als eine dicke BMW R 1200 GS. Und eine Yamaha XT 500, die sei ungefähr eine Essenz der heutigen Scrambler. Noch reduzierter, noch klarer, noch einfacher. Da hat er genickt.

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Schön schlicht und ohne jeglichen Schnickschnack

Noch härter traf es Gert. Testchef ­Thöle, dessen Lebenszeit sich gerade zum sechzigsten Mal jährte, blieb die Spucke weg. "Die hab ich gehabt. Genau die hab ich mir damals gekauft! 77er, cremefarbene Aufkleber. Das glaub ich nicht! Die sieht ja aus wie neu!" Wer den eher ruhigen Cloppenburger kennt, weiß, dass der Mann sich gerade in höchster emotionaler Aufruhr befindet. Große Reden sind sein Ding nicht, dafür lässt er gerne den Gasgriff sprechen. Das reicht für die meisten. "Dann kannst du die Geschichte ja ­schreiben, wer kennt die Yamaha XT 500 besser als du?" - "Nein, das schaffe ich nicht. Da hab ich schon studiert, als ich mir die Karre kaufte. Und jetzt machen wir 40 Jahre XT?" Gert hat fertig. Immerhin, er will ein Bild mitbringen von damals. Und einen kleinen Kastentext schreiben. Aber mehr? Auf keinen Fall. Zu sehr erinnert ihn das Ganze an seine jungen Jahre, die, so will es nun mal der Welten Lauf, länger her sind als der nette Kollege von weiter oben alt ist.

In ihrer logischen Schlichtheit verzichtet die Yamaha XT 500 auf jeglichen Schnickschnack. Das war ihr unbedingtes Erfolgsrezept. Was nicht dran ist, kann auch nicht kaputtgehen. Und das, was dran ist, funktioniert in allen Lebenslagen. Zuverlässigkeit war in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts noch ein echtes Thema. Die vielen Zweitakter verglühten damals auf deutschen Autobahnen reihenweise. Da endete so manche Tour schon nach kurzer Zeit mit einem Loch im Kolben, einem Klemmer oder sonstigen allgemeinen Auflösungserscheinungen. Die XT strahlte hier etwas beruhigend Simples aus. Ein guter Kumpel für alle Tage und Strecken, dazu noch durchaus offroadtauglich und dank Gummiblinkern, Motorschutz, breitem Lenker und schmalem Tank auch Stürze leicht wegsteckend.

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Ankicken vor Publikum

Und jetzt der große Moment: Ankicken, vor Publikum. Selbst der Wikipedia-Eintrag über die Yamaha XT 500 erzählt von gebrochenen Schien- und Wadenbeinen. Dabei ist es ganz einfach: Das Chokehebelchen am Vergaser betätigen, mit dem Kickstarter den Kolben bewegen, bis er nicht mehr weitergeht, ihn anschließend über diese Stelle mittels Ventilausheber hinwegbewegen und dann mit Schmackes auf den Kickstarter treten. Wer bremst, verliert, und was für die Rennerei gilt, gilt abgewandelt für das XT-Ankicken: Wer zögert, verliert. Und muss weiterkicken – oder gezeichnet weghumpeln. Unsere XT springt auf den zweiten Tritt an, was gut ist. Die enttäuschte Meute zieht langsam wieder Richtung Schreibstuben ab. Rolltor auf, ab durch die Mitte, raus aufs Land.

Dabei hilft, dass die Yamaha XT 500 heute vergleichsweise niedrig ist, vollgetankt mit 8,5 Litern Superbenzin nur 155 Kilogramm wiegt und dank schmaler Reifen und breiter Lenkstange handlich wie ein Fahrrad durch die Stadt zirkelt. Und wäre da nicht die etwas giftig einrückende Kupplung, würde man schon gleich die ersten Ampelduelle starten. Denn die satten 27 PS, die der 499er-Einnocker abliefert, sind bereits bei gefühlten 3000/min vorhanden.

Ein Single mit Laufkultur ganz unten

Man darf sich wundern: Es gibt Einzylinder, die unter 2000/min rund laufen. Das haben wir schon lange nicht mehr erlebt. Ein Single mit Laufkultur ganz unten. Schwungmasse heißt das Zauberwort, und der XT-Motor besitzt einiges davon. Das macht ihn zum Zieher in niedrigen Drehzahlen und zum Dynamiker an der Ampel. Mit erhöhter Drehzahl einkuppeln, und schwupp strebt das zittrige Vorderrad gen Himmel. Früher hieß das Hochstart, heute Wheelie. Es fällt aber eher kurz aus, da derYamaha XT 500  schnell die Puste ausgeht – da hätte man sich schon noch etwas mehr versprochen. Yamaha wollte damals nicht. Immerhin 33 PS leistete die Auslandsversion der XT, für Deutschland wurde sie wegen der Versicherungsklassen-Einteilung und wohl auch wegen der durchaus mangelhaften Fahrstabilität auf 27 PS gedrosselt. Ein dünnerer Ansaugstutzen und ein um zwei Millimeter kleinerer Vergaser kosteten den Zweiventiler nochmals Temperament.

Aber kurz zurück zum Thema Wheelie. Es gab damals keine Maschinen, die aufs Hinterrad gingen. Gaswheelies, wie sie heute jede BMW macht, schon gar nicht. So war der Dampfhammer-Mythos, den die Yamaha XT 500 bis heute mit sich herumträgt, auch eine Folge der erstmals sichtbaren Ampelstart-Wheelies. Mit der schönen Fotomaschine lasse ich das Vorderrad heute unten. Und auch wenn "Enduro 500" auf den Seitendeckeln prangt, werde ich keinen Meter Gelände fahren. Die Innenseiten der beiden Kotflügel haben nicht eine Steinschlagmacke, dann muss ich nicht der Erste sein, der welche reinballert.

Damals schon mit ABS

Spazierenfahren ist angesagt. Den bullig anziehenden Motor bis kaum 5000 Touren drehen und mit der Segelstange die Kurven anvisieren. Die grob­stolligen Bridgestone Trailwing 301 flößen auch nicht wirklich Vertrauen ein. Aber die eigentliche Sensation ist: Die Yamaha XT 500 hatte schon damals ABS! Man wird es nicht schaffen, mit der dürftigen Halbnabenbremse das Vorderrad auf trockener Straße zu überbremsen. Und bergab ist sogar viel Mithilfe von hinten angesagt. Schon nach vier, fünf verhaltenen Bremsmanövern tritt enormes und beängstigendes Fading ein.

Fotograf Jacek, bei dem bereits der Vorname, aber vor allem seine sparsame Verwendung grammatikalischer Regeln auf eine andere Muttersprache hindeuten, sagt: "Qualmt, Vorderrad." Pause. Man muss sich schon fragen, wie so viele mit so wenig Bremse damals umzugehen wussten. Fürs Stoppelcrossen oder die gemütliche Sonntagstour mochten die beiden Halbnaben-Schwächlinge ja noch genügen. Aber zu zweit? Mit Gepäck? Zu zweit mit Gepäck? Auch noch bergab? 54 Kehren Stilfser Joch? Man müsste mal die Hänge dort absuchen. Ab Kehre 20, von oben runter gezählt, müsste man noch Teile der Yamaha XT 500 finden können. Einen Soziushaltegurt könnten wir noch gebrauchen. Der fehlt an der Fotomaschine. Oder die verchromten Spiegel. Aber die dürften eh kaputt sein.

Über 25.000 Stück wurden bis 1989 in Deutschland verkauft

Warum war und ist die Yamaha XT 500 so beliebt? Ist es dieser unbedingte Wille, mal etwas ganz Einfaches, Archaisches zu fahren? Etwas, das noch den ganzen Kerl in einem fordert? Über 25.000 Stück wurden bis 1989 in Deutschland verkauft. Und das, obwohl Yamaha ziemlich schnell die XT-Familie ausbaute und Maschinen mit leistungsstärkeren Vierventilmotoren, besseren Bremsen und viel besseren Fahrwerken brachte.

Irgendwas in diese Richtung muss es wohl sein. Heutige Themen wie  „Entschleunigung“ oder „Die Wiederentdeckung der Langsamkeit“ und ähnliches Blabla waren Ende der 70er-Jahre nicht angesagt. Nein, die Yamaha XT 500 zierte den Mann, war ein eindeutiges Statement. Wer dieses Biest ankicken kann, der bekommt auch sonst ziemlich viel auf die Reihe. Die Mädels jedenfalls waren nicht abgeneigt, sich auf der weich gepolsterten, aber schön kurzen Sitzbank hinzusetzen und fleißig mitzufedern. Denn die Soziusfußrasten waren – man muss seine Philosophie ja durchziehen – an der Hinterradschwinge befestigt. Ich fahre wieder zurück, mit gut 110 km/h auf der Schnellstraße. Viel mehr will ich dem guten Sammlerstück nicht zumuten. Wäre doch jammerschade, den fast 40 Jahre alten Motor zu überlasten. Ein Lächeln steht in meinem Gesicht, schließlich war es für mich das ­allererste Mal XT-Fahren. Ehrlich.

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