Youngtimer-Test: Dachroller BMW C1 Klassiker oder Flop? BMW C1 im Test

Der BMW C1 war seiner Zeit weit voraus, und doch ist er heute bereits Schnee von gestern. Sein Konzept ist jedoch zukunftsweisend.

Foto: Archiv

Es zieht. Ja, auch das kleine Viertaktmotörchen zieht, und zwar wacker voran, doch dazu später. Es zieht vor allem am Kopf, und das obwohl der C1 mit großer Verbundglasscheibe und Dach daher kommt. Beides Bestandteile der Sicherheits-zelle, die den Fahrer bei Unfällen oder Stürzen vor Verletzungen, zudem aber auch vor Wind und Wetter schützen soll. Allerdings schlägt beim Fahren der Cabrio-Effekt zu: Luftwirbel beuteln den Kopf des Fahrers und sorgen für Sturmfrisur und kühlen Nacken, wenn der Fahrer keine Mütze trägt. Das ist nicht das einzig Gewöhnungsbedürftige am C1. Die hoch aufragende Sicherheitszelle ist Schuld am hohen Schwerpunkt, der Schräglagen anfangs zu Schrecklagen werden lässt. Kippt er, oder kippt er nicht? Man muss sich trauen und sich an die Sicht auf die Welt da draußen vor der Glaskuppel gewöhnen. Gewöhnen muss man sich beim innovativen BMW-Roller auch an den Start.

Souveräner Sieg: Der BMW C1 wird von den MOTORRAD-Lesern zum Top-Flop der Zweiradentwicklung gewählt. Wie ungerecht!

Der beginnt schon beim Abbocken vom Hauptständer per Hebelei. Grobmotoriker brachen anfangs durch zu ungeduldiges Handeln regelmäßig Teile jener Hebelei oder des Ständeranschlags ab, weswegen diese von BMW bald verstärkt wurden. Das Fahren selbst ist tatsächlich kinderleicht: Gasgeben und den 125er-Vierventilmotor von Rotax und die Fliehkraftkupplung plus Automatik machen lassen. Der Vortrieb setzt allerdings etwas verzögert ein, beim Kurvenfahren sollte man zur Vermeidung nervösen Kippelns die Fuhre immer zeitig unter Zug halten. Auch unsicheres Fußeln beim Wenden kann schnell ins Auge gehen, denn immerhin 201 Kilogramm sind im Notfall abzustützen und vom 15 PS starken Einzylinder beim Ampelstart anzuschieben. Letzteres geschieht stets unter lautstarkem, nervigem Röhren und Dröhnen. Überhaupt braucht der Viertakter Drehzahlen, um Leistung zu entwickeln. Daher reichen ihm auch nicht die versprochenen 2,9 Liter pro 100 Kilometer, sondern er verbraucht im Schnitt meist 3,5 - bei reinem Stadtverkehr gar 4,5 Liter. Billig war C1-Fahren ohnehin nie, denn zum Basispreis von einst 10685 Mark (5463 Euro) kamen meist noch teure Extras wie Griff- oder Sitzheizung, Topcase oder das lobenswerte ABS für gut 500 Euro hinzu. Das stabile Fahrwerk, die exzellenten, bissigen Bremsen und das gute Licht verdienen Lob, allzu handlich fährt der als Kurz-strecken- und Cityroller konzipierte C1 jedoch nicht. Dafür zieht er auch heute noch die Blicke an, mitleidige und bewundernde, und zwar schon beim Start. Helm? Braucht man nicht. Dafür herrscht Anschnallpflicht, es gibt einen Gurt wie im Auto. Dann die Abbock-Prozedur, und im Falle von Regen-wetter erst mal den Scheibenwischer anstellen und für Sicht sorgen. Und schon fährt der C1-Besitzer, begafft wie ein Außerirdischer, mit seinem Raumgleiter davon. Der C1 wurde nur von 2000 bis 2004 gebaut. Doch das Konzept hat Zukunft. Und Captain Future wird zurückkehren. Garantiert.
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Kurzurteil

Positiv

  • Erprobte Sicherheitszelle
  • Bei Regen ein Dach überm Kopf
  • Exzellente Bremsen
  • Stabiler Geradeauslauf
  • Hoher Auffallfaktor



Negativ

  • Lärmender Motor
  • Mäßiges Temperament
  • Umständliches Auf-/Abbocken
  • Hoher (Gebraucht-)Preis
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Foto: BMW

Technische Daten

Die Daten (Werksangabe):
Motor   Einzylinder-Viertakt
Hubraum   125 cm³
Kraftübertragung   Variomatik/Riemen
Leistung   11 kW (15 PS) bei 9300/min
Max. Drehmoment   12 Nm bei 6500/min
Bremse vorn   Scheibe (Ø 220 mm)
Bremse hinten   Scheibe (Ø 220 mm)
Reifen vorn   120/70-13
Reifen hinten   140/70-12
Federweg vorn/hinten   75/85 mm
Tankinhalt   9,7 Liter, Super
Farben   Gelb/Blau, Orangerot/Blau
Wartungsintervalle   7500 km
Preis   5463 Euro (Neupreis 2000)

Die Messwerte:
Höchstgeschwindigkeit   106 km/h
Beschleunigung 0−80 km/h   12,3 sek
Durchzug 60−80 km/h   5,7 sek
Gewicht vollgetankt   201 kg
Zuladung   159 kg
Verbrauch Landstraße   3,4 l/100 km 
Foto: BMW

Abschluss-Zeugnis

Fazit:

In der Stadt:
Das hohe Gewicht stört beim Rangieren, der hohe Schwerpunkt durch die mächtig aufragende Sicherheitszelle macht den C1 kippelig, das Auf- und Abbocken ist umständlich. An der Ampel kommt der BMW nicht sehr flott vom Fleck, und praktisch zum Shoppen wird er erst mit extra geordertem Topcase.

Auf der Landstraße:
Der C1 will stets unter Zug gehalten werden, dann hält sich seine Neigung zum Kippeln in Grenzen. Das hohe Gewicht und der hohe Schwerpunkt vermiesen das Handling bei flotter Landstraßenfahrt. Immerhin bürgt das solide Fahrwerk für Stabilität und die Bremsen (optional mit ABS) sind erste Sahne.

Auf der Autobahn:
Nicht ohne Mütze. Bei Vollgas zieht es (von hinten) mächtig am Kopf, obwohl 106 km/h Spitze nicht sonderlich ruhmreich sind. Der C1 zieht stur seine Bahn, schützt immerhin das Gesicht vor peitschendem Fahrtwind und den ganzen Körper vor Regen. Die Reichweite mit dem 9,7-Liter-Tank ist mäßig.

Abschluss-Zeugnis:

Motor
Zwar leistet der Rotax-Viertakter echte 15 PS, doch er lärmt echt nervig, ist nicht übermäßig sparsam und macht den C1 nicht sonderlich spritzig.
(3 von 5 Sternen)

Fahrwerk
Aufwendige Vorderradführung, stabiles Chassis und steife Sicherheitszelle lassen den BMW sicher geradeaus fahren. In Kurven neigt er zum Kippeln.
(4 von 5 Sternen)

Bremsen
Die gut dosierbaren, extrem wirksamen Bremsen stünden manch großem Motorrad gut zu Gesicht, das ABS (als Extra) regelt verlässlich.
(4 von 5 Sternen)

Ausstattung
Vieles hat der C1 serienmäßig, wie gutes Licht, Staufach, Scheiben-wischer, vieles gab's nur gegen Aufpreis (ABS, Topcase, etc.).
(4 von 5 Sternen)

Komfort
Der C1 ist passabel gefedert, bietet ordentliche Platzverhältnisse und tollen Wind- und Wetterschutz. Der Motor läuft jedoch laut und rau.
(4 von 5 Sternen)

Einsteigertauglichkeit
Selbst erfahrene Biker müssen sich an den BMW gewöhnen, Einsteiger können vom hohen Gewicht und der Kippeligkeit schnell überfordert sein.
(3 von 5 Sternen)

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