Youngtimer-Test: Kawasaki GPZ 900 R Damals und heute stark: Kawasaki GPZ 900 R

Kawasaki platzte 1984 mit seinem ersten vierventiligen Vierzylinder mit Wasserkühlung in den Motorradmarkt. Das damals stärkste Serien-Bike bringt noch heute die Kurven dieser Welt zum Glühen.

Foto: jkuenstle.de

Es war an der Zeit, zu zeigen, wer im Ring sportlicher Motorräder die Hosen anhat. Also präsentierte Kawasaki zur Saison 1984 ein von Grund auf neu konstruiertes Motorrad, das ungeniert als Superbike bezeichnet werden durfte: die GPZ 900 R. Die Kawa-Ingenieure feuerten mit allem, was sie hatten: vier Zylinder, je vier Ventile, Wasserkühlung. Kurzhubig und damit auf Drehzahl ausgelegt, dazu passend ein knackig gestuftes Sechsganggetriebe. Die von der Mitte nach links außen verlegte Steuerkette sorgt für gerade Ansaugwege und somit höhere Leistung. Stramme 115 PS aus 908 cm³ galten damals als Schlag ins Gesicht der Konkurrenz, heute käme dieser Wert auch bei unverkleideten Landstraßenräubern noch gut. Sowohl dort als auch auf der Autobahn fühlt sich die schnelle GPZ heimisch. Denn ihr Motor ist eine Wucht: Bereits bei mittlerer Drehzahl gibt es ordentlich Feuer, ab 7500/min scheint der Sportvierer zu explodieren und dreht mühelos bis 12 000/min - dabei beginnt bei 10 500/min der rote Bereich.

Die Einkolbenbremsen vorn wie hinten verzögern zwar mehr, als man ihnen zutraut, besser jedoch agieren die Vierkolbenstopper des 1990er-Modells. Allen Modellvarianten gleich ist die Tourentauglichkeit des ehemaligen Supersportlers. Auch Großgewachsene finden vorn einen kommoden Arbeitsplatz vor, in zweiter Reihe sitzt es sich ein wenig unbequemer. Unbequem im Fahrverhalten verhält sich das kleine 16-Zoll-Vorderrad, das sich bei Unebenheiten und beim Bremsen gleichermaßen aufstellt und eigene Linien sucht. Und ab einer gewissen Schräglage einfach weiter abklappt. Die ungemein hohe Stabilität beim Tempobolzen ist davon indes nicht betroffen. Sie ist umso erstaunlicher, als die Kawa hinten einen 130er-Reifen spazierenfährt, der fern jeden Showtalents für die hohe Handlichkeit des Superbikes sorgt. Sowohl die lange Bauzeit als auch die Unzerstörbarkeit ihres Motors stärken den Ruf der GPZ 900 R: Sie ist eine Legende.



Kurzurteil:
Positiv

  • Klappbare Gepäckhaken
  • Souveräne Fahrleistungen
  • Kräftiger, robuster Motor
  • Hydraulische Kupplung
  • Kettenwechsel ohne Schwingenausbau, Spannen per Exzenter
  • Großes Tankvolumen


Negativ

  • Wirkungsloses Anti-Dive
  • Wenig sensibel ansprechende Telegabel
  • Hohes Gewicht
  • Kippeliges 16-Zoll-Vorderrad
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Foto: Archiv

Technische Daten

Die Daten:
Motor Vierzylinder-Viertakt/Reihe
Hubraum 908 cm³
Kraftübertragung Sechsganggetriebe/Kette
Leistung 84,5 kW (115 PS) bei 9000/min
Max. Drehmoment 86 Nm bei 7000/min
Bremse vorn Doppelscheibe (Ø 280 mm)
Bremse hinten Scheibe (Ø 270 mm)
Reifen vorn 120/80 V 16
Reifen hinten 130/80 V 16
Federweg vorn/hinten 140/115 mm
Tankinhalt 22 Liter, Normal
Farben Blau/Silber, Rot/Anthrazit
Wartungsintervalle 6000 km
Preis 5977 Euro

Die Messwerte:
Höchstgeschwindigkeit (Werksangabe) 241 km/h
Beschleunigung 0−100 km/h 3,6 sek
Durchzug 60−140 km/h 11,6 sek
Gewicht vollgetankt 257 kg
Zuladung 173 kg
Verbrauch Landstraße 6,5 l/100 km

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Foto: Archiv

Fazit

In der Stadt:
Trotz ihrer supersportlichen Herkunft bereitet auch enger Stadtverkehr der Kawasaki kein Problem. Der Vierzylinder läuft ohne Zicken, das erste Modelljahr zeigt aber zu hohe Motortemperaturen an (1985 behoben). Die Übersicht geht in Ordnung, beim Rangieren nervt allerdings das hohe Gewicht.

Auf der Landstraße:
Herrlich, wie man hier die alte Dame herbrennen kann, der Bums aus mittleren Drehzahlen imponiert auch heute noch. Nervig stellt sich das kleine Vorderrad beim Bremsen in Schräglage auf, die Gabel federt wenig feinfühlig. Dank der schmalen Bereifung lässt sich die GPZ angenehm handlich dirigieren.

Auf der Autobahn:

Kein Problem für das Kawasaki-Superbike: Stabil schnalzt die 900er über die Bahn und lässt sich auch bei flotten Schräglagenwechseln nicht beunruhigen. Ab 200 km/h ist Verstecken hinterm Windschild angesagt. Für die Bolzerei jagen die Vergaser allerdings bis knapp über zehn Liter durch die Düsen.



Abschluss-Zeugnis
Motor:

Der drehfreudige Reihenvierer zieht ruckfrei von unten durch und legt ab der Drehzahlmitte noch mal Kohlen nach. Sein Verbrauch ist okay.
4 von 5 Sternen

Fahrwerk:

Vorn etwas unsensibel, insgesamt eher straff abgestimmt. Der kleine 16-Zöller vorn ist unpräzise, trotzdem liegt die Fuhre bei Tempo satt und stabil.
3 von 5 Sternen

Bremsen:

Vorn besser als erwartet, für ordentliche Verzögerung muss allerdings auch ordentlich gezogen werden. Der Heckstopper ist indes schlecht dosierbar.
2 von 5 Sternen

Ausstattung:

Top: Exzenterschwinge, hydraulische Kupplung, Cockpit mit Tankuhr und Anzeige der Bordspannung, Hauptständer, klappbare Gepäckhaken.
5 von 5 Sternen

Komfort:

Für eine Sportlerin fällt der Komfort alles andere als ärmlich aus. Fahrer wie Sozius haben ausreichend Platz, der Windschutz geht in Ordnung.
4 von 5 Sternen

Einsteigertauglichkeit:

Über 250 Kilogramm Kampfgewicht sind kein Pappenstiel. Sonst aber fährt es sich mit der GPZ stressfrei, das 1990er-Modell ist die bessere Wahl.
3 von 5 Sternen

Foto: Archiv

Modellpflege

Das japanische Superbike kam 1984 für attraktive 11 690 Mark auf den Markt. Bis Ende der Achtziger wurde die GPZ 900 R nur geringfügig modellgepflegt: 1986 erhielt sie modifizierte Vergasermembranen, härtere Einlassventile, und die Ölzufuhr zu den Nockenwellen wurde verbessert. Ein geänderter Steuerkettenspanner kam 1987, ein Jahr später Bremsscheiben mit geändertem Lochbild. Erst 1990 wurde die Kawasaki grundlegend renoviert. Der Standrohrdurchmesser der Telegabel wuchs um drei auf 41 Millimeter, die Luftunterstützung und das Anti-Dive-System fielen weg. Schwimmend gelagerte Bremsscheiben mit 300 Millimetern Durchmesser und vergleichsweise mächtige Vierkolbenbremszangen sorgten fortan für bessere Verzögerungswerte. Alltags- und imagetauglicher wurden die Reifendimensionen: Vorn drehte sich endlich ein 17-Zoll-Rad mit 120er-Reifen, hinten gar eine 150er-Pelle. Weiterhin wurde die Auspuffanlage geändert und eine andere Sekundärübersetzung gewählt. Als Dreingabe verbaute Kawasaki einstellbare Handhebel, neuer Preis der GPZ: 14 140 Mark. Ihr letztes offizielles Modelljahr in Deutschland war 1993, ihr letzter Preis 15 215 Mark. Weitere zehn Jahre, also bis 2003, wurde die GPZ 900 R in Japan angeboten. Dort lief sie zuletzt als "Final Edition in den Farben des ersten Modelljahres und mit mächtigen Sechskolbenbremszangen vom Band.

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