Youngtimer-Test: Suzuki DR Big 800 S Suzukis günstige Reiseenduro

Man kennt ihn auch als Doktor Big, den weltgrößten Serien-Einzylinder der Welt. Taugt der Reiseriese nur für Mediziner oder darf Otto Normal auch beim Weltumrunden mitspielen?

Foto: Archiv

Lassen sie sich bloss behandeln! herrscht mein Arzt mich an und diagnostiziert akutes Reisefieber. Er reicht mir einen Überweisungsschein zur Spezialistin Dr. Big. Sie ist allerdings keine Ärztin, sondern der größte Serieneinzylinder der Welt. Aus fetten 779 Kubikzentimetern trommelt dieser urige Single 50 PS und liefert ab 3000/min bis fast 6000/min ein Drehmomentplateau von etwa 60 Newtonmetern. Dank zweier Ausgleichswellen gibt es nicht einmal nervige Vibrationen zu beklagen. Auch sonst ist die Suzuki ganz groß: 86 Zentimeter Sitzhöhe wollen erst einmal erklommen, 222 Kilogramm Enduro balanciert werden. Ihre Ausmaße machen allerdings souverän. Das betrifft die hervorragende Übersicht vom Big-Thron aus ebenso wie die (vor allem heutzutage) ordentliche Zuladung von 203 Kilogramm. Volle Koffer, Gepäckrolle plus Sozius: kein Thema. Dank langer Federwege gleitet die Suzi wie eine Sänfte über Schlaglöcher und Bodenwellen, vorn wie hinten werden harte Schläge umgehend absorbiert.

Im Zwei-Personen-Betrieb sollte das Federbein weiter vorgespannt werden, da es sonst leicht durchschlägt. Nachteile des Komfort-Fahrwerks: Der direkte Kontakt zur Fahrbahn fehlt, und beim Bremsen taucht die Front tief ein, der Fahrer rutscht auf der Sitzbank nach vorn. Apropos Bremsen: Bei mäßiger Handkraft sind sie gut dosierbar und ordentlich in der Wirkung. Ordentlich ist auch das Platzangebot für den Sozius, der Sitzkomfort für den Fahrer ist es nicht - die Sitzbank drückt gewaltig gegen den Steiß. Also Füße in die Rasten stemmen und ab ins Gelände? Geht mit dem Ungetüm besser als erwartet, was vor allem am weichen Leistungseinsatz des Singles liegt. Wer dabei gern am Gasgriff dreht, muss mit bis zu neun Litern Sprit auf 100 Kilometer rechnen. Und den zahlt nicht die Krankenkasse.


Kurzurteil:
Positiv

  • Hohe Zuladung
  • Sozius sitzt bequem
  • Gute Fahrleistungen
  • Ordentliche Bremsen
  • Stabiles, bequemes Fahrwerk
  • Motor mit reichlich Dampf
  • Richtig großer Tank


Negativ

  • Ganz schön durstig
  • Luftige Sitzhöhe
  • Mäßige Lackqualität
  • Rostanfälliger Auspuff
  • Gewöhnungsbedürftiges Design
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Foto: Archiv

Technische Daten

Die Daten:
Motor Einzylinder-Viertakt
Hubraum 779 cm³
Kraftübertragung Fünfganggetriebe/Kette
Leistung 37 kW (50 PS) bei 6600/min
Max. Drehmoment 59 Nm bei 5400/min
Bremse vorn Scheibe (Ø 300 mm)
Bremse hinten Scheibe (Ø 250 mm)
Reifen vorn 90/90-21 54 S
Reifen hinten 130/80-17 65 S
Federweg vorn/hinten 240/220 mm
Tankinhalt 24 Liter, Normal
Farben Blau/Weiß, Rot/Weiß
Wartungsintervalle 6000 km
Preis: 5046 Euro inkl. Nebenkosten

Die Messwerte:

Höchstgeschwindigkeit 163 km/h
Beschleunigung 0−100 km/h 5,8 sek
Durchzug 60−140 km/h 17,7 sek
Gewicht vollgetankt 222 kg
Zuladung 203 kg
Verbrauch Landstraße 6,4 l/100 km

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Fazit

In der Stadt:
Nach ergonomischen Aspekten punktet die Enduro auch in der Stadt: Die hohe Sitzposition garantiert perfekte Sicht über die Blechkarossen im Berufsverkehr, die üppigen Federwege nehmen Bordsteinkanten ihren Schrecken. Nur die Ausmaße der großen Suzuki sollte man stets im Hinterkopf behalten.

Auf der Landstraße:
Hier macht der Single besonders Laune, lässt er sich doch schaltfaul aus den Kurven schnalzen. Das Fahrwerk verdaut alles zwischen Schlagloch und Meteoritenkrater, der direkte Kontakt zur Straße leidet jedoch darunter. Beim harschen Anbremsen taucht die Telegabel tief ein - sehr gewöhnungsbedürftig.

Auf der Autobahn:
Als Reiseenduro ist sie auch auf der Bahn zu Hause. Ihr Windschutz reicht ab Modelljahr 1991 sogar für lange Kerls, der Topspeed von 160 km/h geht in Ordnung. Allerdings genehmigt sich der Big-Einzylinder dann bis zu neun Litern pro 100 Kilometer. Das große Spritfass macht lange Etappen dennoch möglich.



Abschluss-Zeugnis
Motor:

Ein feiner Geselle ist er, druckvoll und vibrationsarm geht der Riesen-Single zu Werke - standfest ist er obendrein. Nur der Verbrauch ist arg hoch.
4 von 5 Sternen

Fahrwerk:

Wie eine Sänfte. Der hohe Federungskomfort verwässert jedoch den Fahrbahnkontakt, im Soziusbetrieb neigt das Federbein zum Durchschlagen.
3 von 5 Sternen

Bremsen:

Überraschend gut verzögert die Einzelscheibe vorn. Mit geringer Handkraft und guter Dosierbarkeit bringt man das Vorderrad zum Pfeifen.
3 von 5 Sternen

Ausstattung:

Top: serienmäßige Gepäckbrücke, Motorschutz und Handprotektoren. Flop: hohe Rostanfälligkeit der Auspuffanlage und mäßige Lackqualität.
3 von 5 Sternen

Komfort:

Dem Komfort hat sich das Fahrwerk ganz und gar verschrieben. Der Sozius sitzt hervorragend, für den Fahrer ist die Sitzbank weniger bequem.
4 von 5 Sternen

Einsteigertauglichkeit:

Die Gutmütigkeit der DR Big macht die Mängel für Einsteiger nicht wett: zu hoch, gewöhnungsbedürftiges Fahrwerk - lieber was anderes kaufen.
2 von 5 Sternen

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Die Ahnen

Das erste Modell von 1988 hieß DR Big 750 S. Aus seinen 727 cm³ Hubraum schöpfte der Single stramme 50 PS. Zwar war der Preis von 8990 Mark sensationell günstig, aber der zweigeteilte 29-Liter-Tank und der Entenschnabel waren vielen zu gewöhnungsbedürftig. Ebenso die umständliche Startprozedur mit Kupplung ziehen, Deko-Hebel und Choke-Suche am Vergaser. Fröhlichere Farben kamen 1989, außerdem Scheiben-, statt Trommelbremse hinten und fünf Kilogramm mehr Gewicht. 214 Kilogramm wog das Modell von 1990, der Hubraum wuchs auf 779 cm³. Die nun DR Big 800 S genannte Suzuki wurde weiter überarbeitet: neuer Blinkerschalter, Choke am Lenker, niedrigere Sitzbank und elf Kilogramm höhere Zuladung. Ab 1991 trägt die DR zwei Schalldämpfer und Gabelstandrohre mit 43 statt 41 Millimetern Durchmesser, der Windschild fällt drei Zentimeter höher aus. Der neue 24-Liter-Tank mit versenktem Tankdeckel ist nun einteilig und das Starten geht dank Dekompressionsautomatik viel leichter von der Hand.

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