Test: Harley-Davidson Screamin' Eagle Street Glide Zwei Liter dicker Tuningmotor mit TÜV-Segen
Beim Harley-Händler Bertl's in Bamberg gibt's den knapp zwei Liter dicken Screamin' Eagle-Tuningmotor mit TÜV-Segen. Was der mit einer
Street Glide anstellt, lesen Sie hier.
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Harley-Davidson Street Glide
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Kannst du das noch mal machen?“ Fotograf Jörg Künstle wurschtelt aufgeregt die Trittleiter aus dem Wagen, stellt sie auf die Straße und fleht um Wiederholung. Aber sicher, was tut man nicht alles für ein Foto? Ich wende die Street Glide, tuckere zurück und stelle mich in Position. Anspannung. Beine auf dem Boden. Durchatmen. Kupplung ziehen, Gang reinklicken. Leicht nach vorn beugen. Fertig. Blick über die Schulter. Künstle nickt, alles okay. Gas auf, einkuppeln. Der Motor brüllt aus seinen Jeckill & Hyde-Schalldämpfern, und der Hinterreifen wimmert, schmiert ein zorniges Autogramm auf den Asphalt, katapultiert die 385 Kilogramm schwere Street Glide durchdrehend gen Horizont. Mit diesem unscheinbaren Tourer kannst du jeden an der Ampel überraschen, denke ich.
Überrascht war ein paar Tage zuvor auch Testfahrer Georg Jelicic: Die Beschleunigungsmessung von null auf 100 km/h absolvierte die getunte Street Glide in nur 3,8 Sekunden und ist damit die zweitschnellste von MOTORRAD gemessene Harley überhaupt. Nur die 60 Kilogramm leichtere V-Rod Muscle war bis 100 km/h noch zwei Zehntel schneller. Eine serienmäßige Street Glide braucht übrigens 5,2 Sekunden für diese Beschleunigung. Ebenso überrascht wie Georg Jelicic war Messtechniker Christian Vetter, der die getunte Street Glide auf den Leistungsprüfstand stellte: Bertl’s Baby drückte 123 PS bei 6100/min und 171 Newtonmeter Drehmoment bei 3800/min. Um das zu relativieren: Eine Yamaha Vmax - auch kein Kind von Traurigkeit - generiert gerade mal 165 Newtonmeter Drehmoment. Die Messwerte allein wären schon vermeldenswert. Doch das eigentliche Novum ist die Tatsache, dass dieser seit Sommer 2010 in den USA erhältliche Motor jetzt auch in Deutschland legal gefahren werden kann.
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Bei dem Aggregat handelt es sich um den luftgekühlten Screamin‘ Eagle-Motor vom Typ 120R mit 1966 Kubik Hubraum. Unter dem Begriff Screamin Eagle vertreibt Harley Davidson, ein reichhaltiges Sortiment an Tuning-Teilen. Auf dem US-Markt wird der V2 über die dortigen Händler verkauft. Hierzulande haben Harley-Vertragshändler Berthold „Bertl“ Paukner und sein Team das Ziel erreicht, den potenten Vau ganz legal auf deutsche Straßen zu bringen. Mithilfe einer eigens für den Antrieb entwickelten Auspuffanlage vom Spezialisten Jeckill & Hyde haben Bertl’s Buben den 120R über die TÜV-Hürde springen lassen.
In den Schalldämpfern stecken elektronisch gesteuerte Klappen, die per Knopfdruck geschlossen oder geöffnet werden können. Zugekorkt brummt der Zweiliterbrocken wohlig temperiert, mit offenen Klappen ist der Sound recht kernig und auch nur so erreicht der Motor seine Maximalpower
Zurück auf die Straße. Die Fotoproduktion ist im Kasten. Jetzt heißt es fahren. Im Gegensatz zu dem Twin Cam 103-Triebwerk mit 1690 Kubik, das die Street Glide normalerweise antreibt, mag der Tuningmotor das Herumtuckern knapp über Standgasdrehzahl nicht ganz so arg und verschluckt sich manchmal. Für all diejenigen, die genau dieses extrem Niedertourige, Traktorenähnliche lieben, ist der 120R-Motor nicht zu empfehlen. Bei Durchzugsmessungen im letzten Gang schneidet der Tuningmotor gegenüber dem Serienpendant auch etwas schlechter ab. Erst oberhalb von 2000 Touren schiebt der 120R Motor übermächtig, und ab 3500/min geht die Post richtig ab. Es fühlt sich an, als würde sich ein Turbo zuschalten. Die im Rahmen der Tuningmaßnahmen verbaute Rennsportkupplung fordert im Vergleich zur Serienkupplung einen durch-trainierten linken Unterarm. Um die Mehrleistung sicher auf den Boden zu bekommen, haben Bertl’s Mechaniker ein Fahrwerk von Wilbers verbaut. Es soll die softe Eigendynamik des Tourenbikes weitestgehend eindämmen.
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Das gelingt auch bis zu einem gewissen Grad. Wenn die Street Glide jedoch mit Bodenwellen oder Längsrillen jenseits der 170 km/h konfrontiert wird, dann kriegen selbst die strafferen Federelemente das Eigenleben des Fahrwerks nicht in den Griff. Es wankt und pendelt. Eine Touren-Harley ist halt kein Sportmotorrad.
Trotz dieses kleinen Fauxpas: Der Zweilitermotor macht höllisch Spaß und gerade auf der Landstraße oder beim Pässefahren kann er sein Potenzial voll zur Geltung bringen. Billig ist der Spaß jedoch nicht: Allein für den nackten 120R-Motor muss man 6800 Euro auf den Tisch legen. Mit allen zusätzlichen Anbauteilen, TÜV-Eintragung und Arbeitszeit kommt da schnell eine runde Summe von 10000 Euro zusammen. Amerikanische Exklusivität war eben noch nie günstig.