01.09.2011 Von: Winni Scheibe
Erschienen in: 07/ 2011 MOTORRAD CLASSIC

Szene: Harley-Davidson-Board Tracker Historische Rennmaschine aus dem Jahr 1918

Andreas Wehrmanns Traum war eine historische Rennmaschine aus der Zeit vor 1920. Seine Wahl fiel auf einen Harley-Davidson-Board Tracker von 1918.

Harley-Davidson-Board-Tracker-von-1918 (jpg)

Harley-Davidson Board Tracker von 1918.  

Foto: Winni Winfried Scheibe  

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Ehrlich gesagt, es waren zwei Träume, die sich erfüllten. Durch einen Zufall kam ich 1987 an Motorradteile eines klassischen Einzylinders. Recherchen in den Büchern von Erwin Tragatsch ergaben, dass es sich um eine äußerst seltene englische 500er-RudgeWhitworth Rudiment von 1926 handelte. Doch für dieses Vierventil-Modell waren in der Zone partout keine Teile aufzutreiben“, beschreibt Andreas Wehrmann, Jahrgang 1958, seine damalige „Glück-im-Unglück-Situation“ in der DDR. Dann kam die Wende, und ab 1995 begann nach Vorbild der legendären Brooklands-Bahnrenner die Restaurierung. Pünktlich zum Oldtimer-GP 1999 auf dem Hockenheimring war der Racer fertig. „Bei dieser Gelegenheit habe ich die Board Track-Experten Stefan und Thomas Bund mit ihren außergewöhnlichen Rennmaschinen kennengelernt. Sofort wusste ich, so eine Maschine aus der Pionierzeit des amerikanischen Rennsports fehlt zu meiner wahren Motorrad-Glückseligkeit. Das nächste Traumbike stand im Geiste schon vor mir“, verrät der aus Thüringen stammende Oldtimerfan.

„Als 12-Jähriger hat mich unser Nachbar auf seiner Vorkriegs-Zündapp KS 600 mitgenommen. Der Sound des kernigen Boxermotors übte eine unbeschreibliche Faszination auf mich aus“, erinnert sich der sympathische Maschinenbauingenieur. Ähnlich wie seine Artgenossen im Wes-ten bastelte er an Mopeds herum. Bereits mit 17 begann er mit der Restaurierung  einer NSU OSL 501 von 1935 und lässt wissen: „Inzwischen hatte ich das Abitur in einem Rutsch mit meiner Zerspanungsmechaniker-Lehre bei Zeiss in meiner Heimatstadt Jena bestanden. Mein Hobby brachte mich mit anderen Motorradverrückten zusammen, in dieser Zeit habe ich auch mein handwerkliches Rüstzeug gesammelt. Apropos OSL, den toprestaurierten Dampfhammer besitze ich noch heute.“


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Die Lebensplanung verlief in festen Bahnen. 1978 ging es für eineinhalb Jahre zum Grundwehrdienst, danach zum Maschinenbaustudium und anschließend zurück zu Zeiss als Ingenieur in die Qualitätskontrolle. Motorräder blieben auch weiterhin sein Hobby. Alte Maschinen wurden aufgemöbelt, getauscht, verkauft und sogar per Paket gegen „harte“ West-Mark in den Westen verschickt. Zum Glück war der „Eiserne Vorhang“ nicht ganz so dicht, ab 1985 konnte er sich stolzer Besitzer einer BMW R75/5 nennen. Nach der Wiedervereinigung zog Familie Wehrmann 1991 von Jena nach Nordhessen. Eine neue berufliche Herausforderung fand der Maschinenbauingenieur in einer Automobil-Zulieferfirma.

Nach dem Besuch 1999 in Hockenheim wälzte er Fachliteratur und knüpfte weitere Kontakte zur Tracker-Szene. 2005 stand ein 1000er-Harley-Davidson-Pocketvalves-Serienmotor von 1918 auf der  Werkbank, womit sich der Racingfan auf eine gewaltige Herausforderung eingelassen hatte. “Um Funktionsweise, Aufbau und die fast 100 Jahre alte artgerechte Bewegung der Racer verstehen zu können, ist ein fundiertes Hintergrundwissen über diese Sportart unumgänglich“, referiert Andreas Wehrmann. Da Board Tracker fahrtechnisch, aber auch aus Gewichtsgründen auf Kupplung und Getriebe verzichten, galt das Augenmerk dem zeitgenössischen Frisieren des V2-Motors. Ein- und Auslasskanäle der Zylinderköpfe mit i.o.e.-Steuerung, also je einem hängenden Einlass- und stehenden Auslassventil,  wurden überarbeitet, die Pleuel erleichtert, die Kurbelwelle feingewuchtet, zwei Alu-Kolben eingebaut und der Vergaser optimiert.

Harley-Davidson Board Tracker

Wehrmann mit seinen Lieblingen: Rudge-Bahnracer von 1926 und Harley-Davidson-Board Tracker von 1918.  

Foto: Scheibe  

Den speziellen, ungefederten Keystone- Rahmen für die Board Tracker konnte Wehrmann im Saarland organisieren. Andere Teile ließen sich dagegen nur aus den USA besorgen. Im Gegensatz zum Serienrohrrahmen war das Keystone-Chassis unten offen, und der über Knotenbleche verschraubte Motor saß tiefer im Rahmen. Mit diesem Trick ließen sich, ohne Ausbau des Motors, die Zylinder demontieren. Ein weiterer Vorteil war der tiefere Schwerpunkt, der das Handling deutlich verbesserte. „In den 1910er-Jahren hatten die Harleys noch Pedale. Über die Tretkurbeln wurde der Motor gestartet und falls der V2 mal streikte, ließ es sich per Pedes nach Hause trampeln. Da im Board Track Bremsanlagen verboten waren, dienten die Pedale als Fußrasten. Aus Sicherheitsgründen habe ich bei meinem Racer die Hinterradbremse beibehalten. Bei der Restaurierung legte ich aber sonst größten Wert auf Detailtreue und Funktion, die bei Insidern Anerkennung findet. Es war aber nicht allein die Technik, auch die Aura des Board Track-Racing sollte zu einer großen Leidenschaft werden“, betont Andreas Wehrmann.

Ab 1900 schossen in Nordamerika die Motorradmanufakturen überall im Land wie Pilze aus dem Boden. Wer für Aufmerksamkeit sorgen wollte, beteiligte sich an Wettbewerben. Jack Prince erfand nach Vorbild der Velodroms das Board Track-Oval für Motorradrennen. Sein ers-tes, ganz aus Holz gebautes Motordrome entstand 1909 in Los Angeles. Schon bald folgten quer durch die Staaten weitere Arenen mit jeweils zwei, oft über 60 Grad geneigten Steilwandkurven.

Das Reglement der “American Motordrome League“ hatte als Vorbild den US-Baseball-Sport. Es gab A- und B-Gruppen, Vorläufe, Ausscheidungsrennen, Einzel- und Teamwertung, Sprint- und Langstreckenrennen. Die Maschinen wurden entweder mit Muskelkraft angeschoben oder von einem Serienmotorrad angezogen. Lief der Motor, ging es gleich in die Einführungsrunde. Das Rennen begann mit einem fliegenden Start. Im Pulk donnerten die Akteure mit Vollgas über die Holzplanken, Windschattenrennen gehörten zur Tagesordnung. Wollte ein Fahrer das Tempo reduzieren, drückte er kurz auf den Killschalter.

Board Track-Veranstaltungen waren mit Abstand die spektakulärsten, aber auch die gefährlichsten Motorradrennen in den USA. Immer wieder kam es durch waghalsige Fahrmanöver, technische Maschinendefekte oder ölverschmierte Bretterbahnen zu Unfällen mit Schwerverletzten und Toten. Doch die Racing-Cracks, vor allem aber die Schlachtenbummler, liebten den Nervenkitzel in den „Murderdromes“.

Harley-Davidson Board Tracker

Mit bis zu 200 Sachen rasten die Akteure über die ungehobelten Holzplanken.  

Foto: Archiv  

Für die 1913 neu gegründete Rennabteilung bei Harley-Davidson heuerte man den von Thor abgeworbenen rennerfahrenen William „Bill“ Ottaway an. Schon bald gab es käufliche Pocketvalves-Board Track-Rennmaschinen und ab 1916 schob das Harley-Team reinrassige 1000er- Werksrennmaschinen mit Vierventil-OHV-Technik an den Start. Tracker mit i.o.e.-Steuerung kamen auf 160 Spitze, die Vierventil-Werksracer schafften 200 km/h, Dauergeschwindigkeit versteht sich! In der Saison 1921 gewannen die Harleys im Prinzip alles, was es damals zu gewinnen gab.

Back to the roots Dank der „German Wrecking Crew“ wurde die Board Track-Historie in den letzten Jahren bei uns immer bekannter. Bei Oldtimer-Veranstaltungen treten die Teams zu Präsentationsläufen an. „Im Vergleich zu früher, als es für die Fahrer um Ruhm und Ehre, vielfach aber auch um Kopf und Kragen ging, lassen wir es gemütlicher angehen“, erzählt Andreas Wehrmann. „Der Fahrspaß liegt in der Ursprünglichkeit. Kaum ein anderes Rennmotorrad ist so auf das Wesentliche, Motor, Rahmen und Räder, reduziert. Sollten doch mal mit mir die Pferde durchgehen, wird über die Ölhandpumpe am Tank der Motor zusätzlich mit Schmierstoff versorgt. Die fast 100 Jahre alte Mechanik will schließlich umsorgt sein.“


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