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Motorradtour in Rheinland-Pfalz Bestenfalls Rheinland-Pfalz

Pfälzer Wald, Hunsrück, Westerwald und Eifel. Schon die Namen alleine lassen einem das Benzin im Brennraum zusammenlaufen. Dirk Schäfer sattelt zum nächsten Teil des Deutschland-Marathons auf.

Foto: Schäfer

Motorradtour Rheinland-Pfalz

So muss ein Tag anfangen! Noch keine 15 Zähler stehen heute Morgen auf dem Tacho, und eine 180-Grad-Schleife reiht sich an die andere. Zunächst die langen, übersichtlichen, in denen man sich locker einstimmen kann. Nebenan blüht fetter Mohn im Getreide. Dann schluckt ein erster Forst das Sonnenlicht, und die engen, kapriziösen Asphaltkringel sind dran. Runter in den ersten Gang und fast am Lenkanschlag talwärts nach rechts. Weiter geht’s durch ein labyrinthartiges Mikado aus Kiefernstämmen. Der Geruch von frisch geschlagenem Holz mischt sich in den Fahrtwind. Die Straßenmarkierung hat sich in Luft aufgelöst. Andy und Jochen, die vorausfahren, auch.

Der Wald ist zu winkelig, als dass man Sichtkontakt behalten könnte. Den brauchen wir aber auch nicht. Wir fahren so oft zusammen, dass wir uns blind aufeinander verlassen können. Außerdem haben wir über die Jahre einen kollektiven Sinn für Schlüsselreize entwickelt. In Nothweiler, das nur ein Orientierungspunkt sein sollte, schlägt der wieder einmal zu: linker Hand eine sonnenbeschirmte Terrasse, rechter Hand Tische und Stühle vor einer umgebauten Fachwerkscheune. Jochen wippt fragend mit dem Zeigefinger. Einkehrschwung!

Wir sind heute Morgen nicht die Einzigen, die zum zweiten Kaffee an „Vetters Scheune“ halten. Drei Einheimische mit profunden Ortskenntnissen setzen uns Flausen in den Kopf: Man könne auf halb legalem Weg nach Frankreich hinüberschlenzen, um in Wissembourg einen Grand Crème zu schlürfen. Irgendwo da ist auch eine Patisserie, die sich vor Jahren um meine Hüften verdient gemacht hat. Ich höre mich etwas von „Deutschland-Marathon“ reden, aber flugs liegen zahlreiche Gegenargumente auf der Landkarte: Von dem kleinen Abstecher würde sowieso keiner was merken. Jenseits der Grenze änderte sich nicht viel und die Orte hießen so pfälzisch wie hier: Dambach, Windstein, Obersteinbach. Nur eine Portion ­eisernen Willens lässt uns im Lande bleiben.

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Foto: Schäfer

Wir fuchteln uns aus der Grenzlage nordwärts. Niederschlettenbach, Vorderweidenthal. In der Kürze liegt zumindest nicht die Würze der hiesigen Dörfer und Weiler. Eher schon in deren Charme. Zwischen eben jenen Dörfern ist Burg Berwartstein auf einem Felsrücken aufgepflanzt. Fast so, als sprächen nicht schon 900 Jahre Geschichte aus ihren Grundmauern. Die bekannteste Story aus dem Gemäuer ist die vom Raubritter Hans Trapp. So ein richtiger Räuber war er wohl nicht. Aber Eltern, die ihren Kindern nicht anders beizukommen wussten, drohten gerne mit dem bösen Trapp. Und so zieht er bis heute als Gefolgsmann des Nikolaus durch die Adventsgeschichten. Knecht Ruprecht ist hier arbeitslos.

Wir könnten die B 48 einfach Richtung Johanniskreuz hochschießen. Aber dem größten zusammenhängenden Wald der Republik wollen wir etwas mehr Aufmerksamkeit schenken und durch die Hintertür „aufs Kreuz“ fahren. In Wilgartswiesen zweigt eine Parallelstrecke ab, die sich ihren Weg durch einen nahtlosen Laubteppich bahnt. Über uns protzen die Blätter in den Baumkronen noch mit sattem Grün, ahnungslos, dass sie auch bald Teppich sein werden.

Auf dem fußballplatzgroßen Parkplatz am Johanniskreuz hat sich neben der üblichen Kollektion von Bikes eine Kreidlertruppe eingefunden. Als Rotznase hatte ich mit neidischen Blicken auf die Jungs geschaut, die schon eine Flory-3-Gang oder sogar eine RMC fahren durften. Heute ist der Neid von der Bewunderung abgelöst worden, wie manche Leute die alten Schätzchen pflegen.

Auf dem Deutschland-Marathon sollen die großen Städte außen vor bleiben. So auch Kaiserslautern. Trotzdem kann man einen kleinen Gedanken an die Stadt verschwenden, die mit Figuren verbunden ist, die unser Land so oder so geprägt haben. Barbarossa zum Beispiel. Oder Fritz Walter. Wobei ich mir nicht sicher bin, wessen Prägung intensiver gewesen ist.

Reise-Serie: Deutschland-Marathon

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Foto: Schäfer

Biken wie im Bilderbuch

Der Pfälzer Wald liegt hinter uns, und über den Helmen bläht sich der tiefblaue Himmel auf. Windräder stehen verloren in der Weite, warten auf den nächsten Wind, um irgendwo einen Wäschetrockner oder Fön anzutreiben. Wir haben uns schon derartig an das Hochplateau gewöhnt, dass der Abbruch ins Nahetal umso überraschender kommt.

Zwischen Bad Sobernheim und Rheinböllen gibt’s noch ein Wiedersehen mit der Kinderstube: Dem Jäger aus Kurpfalz hat man hier ein Denkmal errichtet. Aber nicht „Allhier auf grüner Heid’“, sondern mehr „Allhier im dunklen Tann“. Bemerkenswerter als der alte Jäger ist die Trassenführung im Soonwald. Wenn man von Trassierung überhaupt reden will. Vielmehr scheint ein launiger Mitmensch in die vorhandene Landschaft einfach nur ein Asphaltband hineingerollt zu haben. Im Weg stehende Bäume? Werden umfahren. Sichtbehindernde Kuppen? Bleiben. Die Fahrfreude dankt es.

Locker und immer wieder mit kurzen Ausblicken auf den Rhein surfen wir abwärts nach Bacharach. Die Rheinromantik schlägt zwischen den roten Fachwerkbauten hohe Wellen. Das perfekte Deutschland-Bild für japanische Reisegruppen. Der Westerwald passt nicht in dieses Bild von lieblicher Heimat. Wie der Hunsrück auf der anderen Rheinseite ist er eine Spur zu herb. Seine Goldstücke liegen mehr im Verborgenen. Zum Beispiel im Gelbachtal.

Die Reste von „german Gemütlichkeit“ und anderer Trantütigkeit schüttelt das Gelbachtal schnell ab. Jochen bringt die RT zackiger voran, als es dem Tourenoutfit des Dampfers angemessen wäre. Von Puderbach ins Wiedtal kommt noch eine Schippe drauf, und eh wir uns versehen, stehen wir wieder am Rhein. An Kurzweil ist die Westerwald-Etappe kaum zu übertreffen. Dennoch: Es gibt noch Steigerungen, und die liegen direkt vor uns. Es gibt Gegenden, die sind so herrlich, dass sie schon fast wieder abgeschmackt sind. Die Mosel, häufiges Ziel alljährlicher Motorrad-, Kegelvereins- und Chorgemeinschaftsausflüge ist so ­eine. Abgeschmackt oder nicht: Die Mosel und ihre Steilhänge gehören zum Arsenal der schönsten und manchmal auch abgedrehtes­ten Routen im Land. Das ewige Mosel-rauf-und-runter mit den grotesken Kurvenkombinationen lässt mich durchs Getriebe steppen und unablässig Kupplung und Bremse befingern. Ohne Motorrad sähe das wie Gangnam-Style aus, ich wäre Koreaner und wäre bei Youtube auf Platz eins.

Foto: Schäfer

Gangnam oder nicht: Ich brauche dringend eine Pause. Einfach hier im Weinberg. Aber nur so hier herumsitzen und darauf warten, dass sich das Adrenalin wieder einpegelt, kann ich auch nicht. Ich scharwenzel zwischen den Rebstöcken herum. Eine Traube der neuen Ernte könnte ich schon mal kosten, so knallig, wie sie mich anlachen. Aber Schein und Sein sind zweierlei. Die Dinger sind sauer wie Zitronen! Und ich brauche keine Pause mehr.

Bei Zell springen wir über die Mosel und schrauben uns Bad Bertrich entgegen. Willkommen in der Eifel. Wie in den anderen Regionen auch müsste man Monate unterwegs sein, um all die heißen Strecken zu fahren, die hier vor den Reifen liegen wie Weihnachtsgeschenke unterm Tannenbaum. Wir wählen mit Manderscheid und den Maaren einen Klassiker. Vorbei an Ruinen der Menschheits- und der Erdgeschichte halten wir auf Gerolstein zu und schrammen am Nürburgring vorbei. Zwei Gixxer im Racinglook wehen Ringatmosphäre über den Asphalt, und mit einem Mal habe ich das Gefühl, dass wir eher betulich unterwegs sind. Obwohl: Die Selbsthilfegruppe „niedriger Blutdruck“ wäre sicher noch anders unterwegs. Und es geht ja weniger um schnell als um schön. Zumindest hier.

Und auf der Schlussetappe des Tages hätten die Ringpiloten vermutlich keinen Spaß: Reiferscheid, Fuchshofen, Wershofen, Aremberg. Hier ist nix mit schnell. Nur schön. Auf der Terrasse unserer Herberge sehen wir die Sonne auf den Horizont sinken. Im Geist gehen wir noch mal die feinsten Momente dieser Etappe des Deutschland-Marathons durch. So muss ein Tag aufhören! Prost!

www.motorradonline.de/unterwegs

Foto: Schäfer

Reiseinfos

Willkommen im tiefen Westen, kurz vor Frankreich. Rheinland-Pfalz ist gespickt mit einer Vielzahl fahrerischer Highlights, die sich in einem smarten Bogen aneinanderreihen.

Hauptstadt: Mainz
Fläche: 19853 km²
Gründung: 1946
Regierung: SPD/Grüne
Einwohnerzahl: 3997000

Anreise/Reisezeit
Ausgangsort der Strecke durch Rheinland-Pfalz ist Hornbach im Dreiländereck Rheinland-Pfalz, Saarland, Frankreich. Von Köln ist man nach 280 Kilometern, von Stuttgart nach 190 Kilometern an Ort und Stelle.
Im Frühling und Sommer wird man in Rheinland-Pfalz schnell glücklich. Von besonderem Charme sind Spätsommer und Herbst mit der Weinlese und der Pracht des „Indian Summer“. Wenn die Blätter von den Bäumen stürzen und die Straßen nass werden, sind im Pfälzer Wald angepasste Schräglagen gefragt.

Die Strecke
Eine Menge Asphalt schießt da unter den Reifen durch: 586 Kilometer ist unsere Route von der französischen Grenze durch Pfälzer Wald, Hunsrück, Westerwald und Eifel lang. Die Streckenzustände repräsentieren die volle Bandbreite deutscher Fahrbahndecken. Von klinisch sauber bis zum schlotterigen Kopfsteinpflaster ist alles dabei. Zweimal muss der Rhein gequert werden. Wir haben dazu die Fähren gewählt. Das ist authentischer! Über die Mosel geht’s per Brücke.

Foto: Werel/MairDumont

Essen, Trinken und gut Schlafen
Einen Stopp an der deutsch-französischen Grenze verdient „Vetters Scheune“ (wwws.vetters-scheune.de) in Nothweiler. Vor dem schmucken Fachwerkhaus vereinen sich aufs Beste Café und Biergarten.
Nahe dem legendären Johanniskreuz im Pfälzer Wald liegt „Müllers Lust“ (www.muellerslust.de). Gastgeber Dieter Müller ist nebenbei Motorradhändler und natürlich -fahrer. Nach intensivem Besuch des hauseigenen Biergartens fällt man für 26,50 Euro ins Doppelbett. Am Nordende der Tour wartet im winzigen Aremberg die „Burgschänke“ mit Panoramablick, uriger Kneipe und schmackhafter Küche auf. Die Doppelzimmer beginnen bei 65 Euro.
Infos: www.burgschaenke-aremberg.de

Aktivitäten
Im Weinland Rheinland-Pfalz kommt man an einer Weinprobe nicht vorbei. Es muss ja nicht zwingend Kröver Nacktarsch sein. Eine besondere Weinprobe bietet das Weingut Mathis (www.weinhandwerk-mathis.de) in Klingenmünster an: Die Verkostung findet bei absoluter Dunkelheit statt. Zu den kuriosesten Landschaften Deutschlands zählt das Dahner Felsenland (www.dahner-felsenland.net). Bizarre Felslandschaften aus intensiv leuchtendem Buntsandstein und groteske Gesteinsformationen mit ebenso grotesken Namen machen Lust, sich die Füße zu vertreten.
Schloß Berwartstein ist die einzige noch bewohnte Burg der Pfalz. Schon wegen der Aussicht lohnt sich der Abstecher von der L 490 in Erlenbach. Der Rittersaal wird heute als Restaurant genutzt. Wen die Führung überzeugt, der bleibt gleich für die Nacht.
Infos: www. burgberwartstein.de

Karten
Die Marco-Polo-Karte „Rheinland-Pfalz/Saarland“ im Maßstab 1:200000 wechselt für 8,99 Euro aus dem Buchladen aufs Motorrad.

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