Grundlagen Alles übers Motorrad-Fahrwerk

Keine andere Baugruppe beim Motorrad muss so gegensätzliche Ansprüche erfüllen wie das Fahrwerk.

Leicht soll es sein, dennoch stabil. Komfort soll es bieten, aber es muss trotzdem immer und überall die beiden Räder am Boden halten und dabei zuverlässig Rückmeldung über die Fahrbahnbeschaffenheit geben. Geradeauslaufstabilität und Lenkpräzision gehören ebenfalls zu seinen Pflichten.

Gut aussehen muss es selbstverständlich auch, aber in der Produktion darf es nicht zu teuer sein. So ein Fahrwerk, bestehend aus Rahmen, Gabel, Schwinge, Federelementen und Rädern, hat es nicht leicht. Das macht die Sache jedoch technisch sehr reizvoll und führt dazu, dass es viele und sehr unterschiedliche Wege zum Fahrwerksglück gibt.

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Gitterrohrrahmen

Eine filigrane Konstruktion aus geraden, dünnwandigen Stahlrohren in meist dreieckiger Fachwerkbauweise. Die Konstruktion bietet hohe Steifigkeit bei relativ niedrigem Gewicht. Die Abmessungen sind gering. Dadurch wird der im Rahmen hängend montierte Motor kaum abgedeckt, die Motorwärme kann gut abgeführt werden. Viel Schweißarbeit macht die Fertigung aufwendig und teuer. Der Rahmenbau muss extrem präzise erfolgen, um Spannungen und Verzug zu vermeiden.

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Brückenrahmen

Die beliebteste Bauform bei modernen (Sport-)Motorrädern (im Bild: BMW K 1200 S). Es gibt ihn auch aus Stahl, am verbreitetsten ist aber die Konstruktion aus Aluprofilen, die in Form zweier Rahmenzüge vom Lenkkopf zum Schwingendrehpunkt verlaufen. Lenkkopf, Schwingendrehpunkt und Motorlagerung sind meist Gussteile, die mit den Rahmenprofilen verschweißt sind. Die Rahmenprofile sind mit Querverstrebungen hinter dem Lenkkopf verbunden. Vorteile: günstige Fertigung (wenige Schweißverbindungen), hohe Stabilität, geringes Gewicht. Nachteile: üppige und sturzgefährdete Baumaße, Motorkühlung erschwert, spannungsempfindlich.

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Monocoque

Gab‘s in ähnlicher Form bereits in den 1950er-Jahren, hieß damals Pressstahlrahmen. Was vor 50 Jahren aus Stahlblechen verschweißt wurde, besteht heute aus Alublechen, die mit Alugussteilen zu einem einzigen großen Teil kombiniert werden, in das neben der Ansaugluftführung (inklusive Luftfilter) auch der Tank integriert ist. Die Kawasaki ZX-12R (im Bild) machte diese Bauform wieder populär. Vorteile: niedriges Gewicht, geringe Baubreite, hohe Steifigkeit. Nachteile: schlechte Motor-Zugänglichkeit, teuer.

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Doppelschleifenrohrrahmen

Die klassische Bauart. Zwei Stahlrohre verlaufen vom Lenkkopf über den Motor zur Schwingenlagerung ("Oberzüge"). Von dort geht es unter oder neben dem Motor entlang wieder nach oben zum Lenkkopf ("Unterzüge"). Vorteile: gute Wärmeableitung, Preis. Nachteile: Gewicht, geringe Stabilität.

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Rückgratrohrrahmen

Ein stabiles Oberrohr genügt bei entsprechender Dimensionierung völlig. Für Einzylindermotoren ist die relativ leichte Konstruktion sogar ideal und war früher eine übliche Bauform. Auch viele größere Maschinen (z.B. Kawasaki GPZ 900 R) gab es mit Rückgratrohrrahmen. Modernen Motoren mit ihren direkten Ansaugwegen steht der Klassiker aber im wörtlichen Sinne im Wege.

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Einarmschwinge

Sieht leicht aus, ist es aber nicht. Um ausreichend Stabilität zu bieten, muss das Teil sehr üppig dimensioniert sein. Eine Zweiarmschwinge kann deutlich weniger wiegen. Aber das von Honda mit der RC 30 und von Ducati mit der 916 populär gemachte Bauteil sieht nun mal todschick aus. Wenn eine ohnehin viel Platz benötigende Kardanwelle untergebracht werden muss, kann die den Radausbau vereinfachende Einarmschwinge auch technisch sinnvoll sein - siehe BMW.

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Zweiarmschwinge

Zwei symmetrisch angeordnete Schwingenarme, zwischen denen das Hinterrad montiert ist, bilden immer noch die am weitesten verbreitete und technisch sinnvollste Hinterradführung. Die Bandbreite reicht von einfachen Stahlrohrkonstruktionen bis zu Aluprofilen, die bei Sportmaschinen auch mit stabilisierenden Ober- oder Unterzügen ausgestattet sein können. Bei Motorrädern mit Kettenantrieb sitzt am Ende der Schwingenarme eine Verstelleinrichtung, über die sich die verschleißbedingte Längung der Kette ausgleichen lässt. Zwei an den Schwingenarmen montierte Federbeine oder ein mittig, bisweilen auch seitlich montiertes Einzelfederbein federn und dämpfen.

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Telegabel

Die konventionelle Teleskopgabel (kurz: Telegabel) ist die häufigste Vorderradführung. Sie besteht aus den beiden Gabelstandrohren, die in der unteren und oberen Gabelbrücke befestigt sind. Die Standrohre stecken in den Gleitrohren, an deren unteren Enden die Aufnahmen für die Radachse sitzen.

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Upside-Down-Gabel

Eine auf den Kopf gestellte Telegabel, hier stecken die äußeren Rohre in den Gabelbrücken. Die Konstruktion stammt aus dem Motorsport. Vorteile: besseres Ansprechverhalten wegen geringerer ungefederter Masse, höhere Verwindungssteifigkeit. Nachteil: erhöhter Verschleiß der Dichtringe.

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Springergabel

Damit federten Motorräder in den 1930er Jahren. Die Radführungsqualität stand im krassen Missverhältnis zum Fertigungsaufwand. Heute verbaut nur noch Harley-Davidson das bildschöne Show-Teil.

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Zentralfederbein

Warum zwei Teile nehmen, wenn den Job auch ein Teil (und das sogar besser) erledigen kann? Clevere Umlenksysteme und verbesserte Werkstoffe ermöglichen seit Mitte der 1980er-Jahre, dass sich auch mit sehr kompakten Zentralfederbeinen erstaunliche Federwege erzielen lassen.

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Duolever

Hieß Ende der 1970er-Jahre nach ihrem Erfinder "Hossack-Gabel". Wird heute von BMW in der K 1300 als Duolever verwendet. Die extrem verwindungssteife und relativ leichte Konstruktion trennt Lenkung und Federung. Nachteile: hoher Fertigungsaufwand, begrenzter Federweg.

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Softail

Lässt sich mit "Weichheck" übersetzen und steht bei Harley-Davidson für eine ganze Baureihe, deren Heck nach ungefedertem Starrrahmen aussieht. Zwei Federbeine gibt‘s doch: Sie sind liegend unter dem Getriebe montiert.

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Telelever

Diese von BMW verwendete Konstruktion benötigt nur ein Federelement und trennt die Lenkung weitgehend von der Federung/Dämpfung. Beim Bremsen sackt die Gabel nicht mehr so weit ein. Der Telelever ist leichter als eine Telegabel, aber etwas schwerer als der Duolever.

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Twinshock

Zwei zwischen Schwinge und Rahmen montierte Federbeine waren bis in die 1980er-Jahre DIE Form der Hinterrad-federung. Heute nur bei Retro-Bikes.

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