Gebrauchtberatung: BMW R 1100 S und R 1200 S BMW Sportboxer aus zweiter Hand

eine Zeit, da löste die Kombination Sport-Motorrad und BMW höhnisches Gelächter aus. Doch für Landstraßenfahrer erscheinen die Qualitäten der Sportboxer in einem ganz anderen Licht.

Foto: BMW, fact, Markus Jahn, jkuenstle.de

Als 1997 erste Gerüchte auftauchten, BMW plane ein sportliches Motorrad, war die Szene in Aufregung. Als 1998 die ersten Tests erschienen, sahen sich sowohl BMW-Freunde wie -Kritiker bestätigt. Die Japan- und Italo-Fraktion war beruhigt, dass ihnen auf der Rennstrecke mit 98 PS und rund 240 Kilogramm Kampfgewicht keine Gefahr aus München drohte, während sich die Bayern-Fans freuten, dass sie aller sportlichen Avancen zum Trotz nicht auf die BMW-typischen Eigenschaften wie Langstreckenkomfort, Reise- und Soziustauglichkeit verzichten mussten.

R 1100 S

In einem Landstrich, in dem es für erwachsene Männer nicht peinlich ist, mit kurzen Lederhosen und Kniestrümpfen herumzulaufen, wundert es nicht, dass eigenwillige Vorstellungen zum Thema Sportmotorrad vorherrschen. Auch wenn von 2001 bis 2004 unter offizieller BMW-Regie der höchst unterhaltsame Boxercup im Rahmen des MotoGP auf der R 1100 S ausgetragen wurde, ist diese im Grunde ihres luftgekühlten Herzens ein formi-dables Landstraßenmotorrad. Nach Art des Hauses hatte der Erstkäufer die Möglichkeit, sich seine S nach Gusto zu konfigurieren. ABS war quasi Pflichtausstattung. Auch gerne genommen wurden die für das Sportler-Genre eher ungewöhnlichen Komponenten wie Heizgriffe, Hauptständer, Koffer und Steckdose. Von den jeweils zwei zur Auswahl stehenden Lenkerstummeln und Scheiben wurde - dem Komfort zuliebe - gerne die höhere Variante gewählt.

Serienmäßig hatte die 11er hinten ein 5-Zoll-Rad mit 170er-Bereifung, gegen Aufpreis gab es 5,5 Zoll sowie ein straffer abgestimmtes Fahrwerk von Öhlins. Mit der schmaleren Felge ist die S deutlich handlicher. Gemessen an der langen Produktionszeit hat sich außer den Farben wenig geändert. 2001 wurde das teilintegrale ABS mit Bremskraftverstärker eingeführt, 2003 gab es Doppelzündung zur Verringerung des Konstantfahrruckelns.

Allein in Deutschland fanden knapp 15 000 Einheiten Käufer, von denen sich der gefühlte Großteil bei www.s-boxer.de herumtreibt. Dort gibt es Informationen ohne Ende. Selbst nach nächtelangem Durchstöbern finden sich außer gerne mal undichten Simmerringen sowie häufigerem Ärger mit der ABS-Funktion bei nachlassender Batterie und gelegentlichen Problemen mit dem Kardanantrieb kaum Schwachpunkte des Boxers. Auch im PS-Dauertest (4/2001) schlug sich die BMW über 54 000 Kilometer wacker. Außer einem gerissenen Gaszug und einem zerfledderten Polyriemen für den Lichtmaschinenantrieb gab es keine Ausfälle. Auch die Mechanik zeigt sich von der Laufleistung weitgehend unbeeindruckt. 1998 und 1999 gab es je einen Rückruf, die Lenkerbefestigung und die Kraftstoffleitung betreffend, die mittlerweile aber abgeschlossen sein dürften.

Wichtig sind für den Gebrauchtkauf-Interessenten zwei Dinge: Zum ersten gilt es zu klären, ob man sich grundsätzlich mit den BMW-Eigenheiten anfreunden kann. Stichwort Telelever, teilintegrales ABS, Blinkerbetätigung mit drei Knöpfen, rustikales Getriebe. Dies lässt sich nur durch eine längere Fahrt herausfinden. Wenn das passt, geht es um die gewünschte Ausstattung. Bei dem großen Angebot sollte sich das Wunschmodell finden lassen. Der weitere Individualisierungsdrang der Sportboxer-Fans beschränkt sich meist auf Kevlar-Nippes und andere Auspuffanlagen. Ein Test in MOTORRAD 4/2002 zeigte jedoch, dass man in puncto Leistung mit dem Original am besten fährt. Ab rund 4500 Euro kann man eine 11er sein eigen nennen.

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Foto: Archiv

R 1200 S

Mit der 2006 vorgestellten R 1200 S unternahm BMW den ersten halbwegs ernsthaften Versuch eines echten Sportlers. Ernsthaft deswegen, weil wohl zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses ein Motorrad ohne optionales Koffersystem angeboten wurde. Desweiteren erfüllte der Soziusplatz keineswegs die üblichen Maßstäbe der Bayern. Und verzögert wurde weder teilintegriert noch bremskraftverstärkt, zudem ließ sich das aufpreispflichtige ABS abschalten.

Beim Betrieb auf in sich geschlossenen Einbahnstraßen ist diese Option auch bitter nötig, denn der Bremshelfer ist so programmiert, dass er schon beim zartesten Abheben des Hinterrades einen Überschlag befürchtet und darob den Druck vermindert. Um dieses Phänomen zu erleben, reicht übrigens schon eine forcierte Verzögerung auf welligem Geläuf weit diesseits des Grenzbereichs.

Halbherzig war das Sportlerunterfangen aber auch deshalb, weil unter den gegebenen Bedingungen (luftgekühlter Boxermotor, Kardanantrieb) die Voraussetzungen für eine ernsthafte Rennsemmel schlicht nicht da waren. Die zumeist rot gewandete, italienische Konkurrenz bot bei geringerem Gewicht gut 20 PS mehr. Von den Japanern ganz zu schweigen. Auch aus Sicht der Kundschaft war die 12er weder Fisch noch Fleisch. Nach drei Jahren und weltweit knapp 6200 verkauften Einheiten, davon rund 2100 in Deutschland, war schon wieder Schluss.

Diese Käufer hatten wie immer bei BMW die Qual der Wahl: 5,5- oder 6-Zoll- Hinterrad, gleichbedeutend mit 180er- oder 190er-Reifen, ABS, Öhlins-Fahrwerk, Heizgriffe etc. Als Gebrauchtkäufer steht man ebenso vor dem Problem, was muss, was kann, was geht auf keinen Fall. Das Angebot ist trotz überschaubaren Bestands recht groß. Zum Zeitpunkt der Recherche standen rund 60 Bikes allein auf www.mobile.de. Wenn man den einschlägigen Internet-Foren glauben schenken darf, dann bietet auch die 12er außer gelegentlichem Ölverlust an Simmerringen jedweder Art und gelegentlichen Elektronikfiepsen kaum Anlass zur Klage.

Dessen ungeachtet sind 12er-Fahrer ein sehr kommunikatives Völkchen - das Eintauchen in die Befindlichkeiten der Community sprengt leicht den Jahresurlaub. Wer einen 12er-Sportboxer haben will, muss mindestens 7000 Euro in die Hand nehmen. Die Laufleistung liegt dann bei gut 20 000 Kilometern. Vereinzelt stehen noch Vorführer bei den Händlern, die rund 12 000 Euro bringen sollen. Der Rest liegt irgendwo dazwischen. Die Ausrüstungsquote mit ABS liegt bei fast 100 Prozent, zirka 80 Prozent stehen auf dem Öhlins-Sportfahrwerk.

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Foto: jkuenstle.de

Technische Daten

BMW R 1100 S

Antrieb 
Zweizylinder-Boxermotor, vier Ventile/Zylinder, 72 kW (98 PS) bei 7500/min*, 97 Nm bei 5800/min* ,1085 cm³, Bohrung/Hub: 99,0/77,5 mm, Verdichtungsverhältnis: 11,3:1, Zünd-/Einspritzanlage, Saugrohr-Ø 45 mm, hydraulisch betätigte Einscheiben-Trockenkupplung, Sechsganggetriebe, Kardan, G-Kat

Fahrwerk 
Brückenrahmen aus Aluminium, Motor/Getriebeeinheit mittragend, Lenkkopfwinkel 65 Grad, Nachlauf 100 mm, Radstand 1478 mm, längslenkergeführte Telegabel, Ø Gabelinnenrohr 35 mm, einstellbar in Zugstufe, Zweigelenk-Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein direkt angelenkt, verstellbar in Federbasis und Zugstufe, Federweg vorn/hinten: 110/130 mm

Räder und Bremsen 
Leichtmetall-Gussräder 3.50 x 17“ / 5.00 x 17“, Reifen vorn 120/70 ZR 17, hinten 170/60 ZR 17, 305-mm-Doppelscheibenbremse mit Vierkolben-Festsätteln vorn, 276-mm-Einzelscheibe mit Doppelkolben-Schwimmsattel hinten

Maße und Gewicht 
Länge/Breite/Höhe: 2200/890/1170 mm, Sitzhöhe: 830 mm, Gewicht vollgetankt: 246 kg, v/h 51/49 %

Hinterradleistung im letzten Gang 
66 kW (90 PS) bei 208 km/h

Sturz- und Verschleißteile 
Bremshebel 94,25 Euro
Kupplungshebel 85,09 Euro
Lenkerstummel inkl. Gewicht 186,01 Euro
Auspuffendtopf 743,45 Euro
Fußrastenanlage 252,47 Euro
Bremsscheibe (eine Seite) 235,69 Euro
Bremsbeläge (je Sattel) 53,72 Euro
Frontverkleidung komplett 1597,27 Euro
Heckverkleidung komplett 241,22 Euro

Verkaufte Einheiten  

14 806 Stück**

Gebrauchtpreise
 
1997-2003
Mittlere Laufleistung: 35 000 Kilometer
Durchschnittspreis: 5400 Euro
2004-2005
Mittlere Laufleistung: 20 600 Kilometer
Durchschnittspreis: 7500 Euro

Aufgefallen

Positiv
Sehr viel Werkszubehör erhältlich, günstiger Verbrauch, auch für Sozius langstreckentauglicher Platz. Unter kundiger Hand sehr zügig, wie der Boxercup bewiesen hat.

Negativ
Nicht wirklich ein Sportler, durch Telelever kaum Rückmeldung vorn, teilintegrales ABS - so vorhanden - sehr gewöhnungsbedürftig.

Foto: Archiv

BMW R 1200 S

Antrieb 
Zweizylinder-Boxermotor, vier Ventile/Zylinder, 90 kW (122 PS) bei 8250/min*, 112 Nm bei 6800/min* ,1170 cm³, Bohrung/Hub: 101,0/73 mm, Verdichtungsverhältnis: 12,5:1, Zünd-/Einspritzanlage, Saugrohr-Ø 52 mm, hydraulisch betätigte Einscheiben-Trocken-kupplung, Sechsganggetriebe, Kardan, G-Kat

Fahrwerk 
Tragender Motor/Getriebeverbund, Lenkkopfwinkel 66 Grad, Nachlauf 87 mm, Radstand 1487 mm, längslenkergeführte Telegabel, Ø Gabelinnenrohr 41 mm, einstellbar
in Zugstufe, Zweigelenk-Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein direkt angelenkt, verstellbar in Federbasis und Zugstufe, Federweg vorn/hinten: 110/120 mm

Räder und Bremsen 
Leichtmetall-Gussräder 3.50 x 17“ / 5.50 x 17“, Reifen vorn 120/70 ZR 17, hinten 180/55 ZR 17, 320-mm-Doppelscheibenbremse mit Vierkolben-Festsätteln vorn, 265-mm-Einzelscheibe mit Doppelkolben-Schwimmsattel hinten

Maße und Gewicht 
Länge/Breite/Höhe: 2140/890/1160 mm, Sitzhöhe: 830 mm, Gewicht vollgetankt: 220 kg, v/h 51/49 %

Hinterradleistung im letzten Gang 
82 kW (98 PS) bei 208 km/h

Sturz- und Verschleißteile 
Bremshebel 55,24 Euro
Kupplungshebel 55,24 Euro
Lenkerstummel inkl. Gewicht 78,67 Euro
Auspuffendtopf 765,94 Euro
Fußrastenanlage 274,76 Euro
Bremsscheibe (eine Seite) 227,68 Euro
Bremsbeläge (je Sattel) 64,27 Euro
Frontverkleidung komplett 1409,60 Euro
Heckverkleidung komplett 604,14 Euro

Verkaufte Einheiten  
2106 Stück**

Gebrauchtpreise 
Mittlere Laufleistung: 16 300 Kilometer
Durchschnittspreis: 9200 Euro

Aufgefallen
Positiv
Sehr handliches und präzises Fahrverhalten, gelungene Gesamtübersetzung kaschiert mittelprächtige Motorleistung teilweise, trotz sportlicher Attitüde sehr hohe Alltagstauglichkeit, hohe Wertstabilität.

Negativ
Unharmonische Leistungsentfaltung, kernige Vibrationen, ABS regelt teilweise viel zu früh, Getriebe schlecht schaltbar.


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