Gebrauchtberatung Aprilia RSV mille Reifeprüfung

Mit dem Debüt der Mille gelang Aprilia die Reifeprüfung zum Motorradhersteller. Allerdings gehört zur Zufriedenheit der Kunden außer einem stimmigen Konzept auch ein solider Servicepartner.

Foto: Bilski
Gebrauchtberatung Aprilia RSV mille
Gebrauchtberatung Aprilia RSV mille
Der Start der RSV mille von Aprilia des bis dato eigentlich nur als Rollerhersteller erfolgreichen Konfektionärs aus dem venezianischen Noale gelang überraschend exzellent, waren die Erwartungen der Fachwelt und der Italofreaks gegenüber des bislang nur mit Nischenmodellen wie der Reiseenduro Pegaso oder der extravaganten Moto 6.5 aufgefallenen Motorradherstellers doch eher vorsichtig reserviert.
Aber was Aprilia mit dem 60-Grad-V-Twin, im österreichischen Gunskirchen bei Rotax gefertigt, nach langem Serienvorlauf und Designstudien ab 1998 präsentierte, setzte ob des fulminanten Wurfs die Branche und schnell auch viele Fahrer in Erstaunen. Ab den ersten Tests wusste sich der potente Twin souverän in Szene zu setzen. Die Mannen aus Noale erwiesen sich als die Preußen unter den italienischen Herstellern: Neben dem Triebwerk mit respektablen 118 PS glänzte das Fahrwerk mit hoher Zuverlässigkeit. Natürlich traten während des 50000-Kilometer-Langstreckentests von MOTORRAD kleine Schwäche zutage, aber das ist für die ersten beiden Jahre einer völligen Neukonstruktion ganz normal.
Aprilia hat auf die Vorkommnisse und die Kundenkritik reagiert und ab 2001 ein stark überarbeitetes Modell präsentiert (siehe Steckbrief Seite 173), das für einen günstigen Gebrauchtkauf freilich noch zu neu ist. Doch bereits bei den Jahrgängen bis 2000 überwiegt bei den Besitzern die Freude an ihrem ungewöhnlichen Untersatz. Fazit: Um Längen preisgünstiger als Ducati und charaktervoller als das unauffällige, solide, jedoch deutlich langweiligere V2-Angebot von Honda, die VTR 1000.
Ohne jede Verzögerung setzt der österreichische Twin die Bewegungen des Gasgriffs mit unverwechselbarem Sound in Vortrieb um. Trotz zweier Ausgleichswellen produziert das Triebwerk kernige Vibrationen bei zunehmender Drehzahl, die auf längeren Etappen schon mal lästig werden können. Nervig vor allem in engen Ecken sind auch die ausgeprägten Lastwechselreaktionen. Die Neutralität, mit der die Italienerin dagegen sowohl schnelle langgezogene Kurven als auch engere Kehren meistert, ist erstaunlich. Punktgenaues Einlenken, ein exakter Kurvenradius und mit Körpereinsatz mühelose Schräglagenwechsel sind ihre Stärken.
Upside-down-Gabel und Federbein verfügen jeweils über einen breit und sinnvoll nutzbaren Einstellbereich. Die recht straffe Grundeinstellung verhindert selbst auf schlechtem Geläuf ein Aufschaukeln. Trotzdem kommt der Komfort nicht zu kurz. Verbesserungswürdig war an manchen Exemplaren der ersten Serie die vordere Bremsanlage: Sie war schlecht dosierbar und die benötigte Handkraft zu groß. Ab 2001 nahm sich Aprilia diese Kritik zu Herzen, das neue System ist adaptierbar, die alte Anlage kann verbessert werden (siehe Kasten Verbesserung, Seite 175). Teilweise gab’s auch Kritik über Kettenpeitschen beim untertourigen Gasaufziehen um die 3000/min.
Wer die herzhaften, charaktervollen Eigenschaften der Mille ins Kalkül zieht, sollte einen Händler seines Vertrauens kennen, um nicht in Sachen Kundendienst enttäuscht zu werden. Damit die Reifeprüfung in allen Belangen gelungen ist und die Begeisterung auch nach dem ersten Werkstattbesuch erhalten bleibt.


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