Gebrauchtberatung BMW G650

Der Versuch, der netten, aber etwas biederen BMW F 650 GS drei schärfere Schwestern zur Seite zu stellen, ging schief. Das freut den Gebrauchtkäufer.

Foto: Archiv
Der Einzylinder-Auftritt von BMW war bis zum Herbst 2006 ein eher biederer und rollte gern im Schlepptau der großen GS-Boxer: die F 650 GS, oft mit Tieferlegungs-Kit bestückt und dann von Mutti gelenkt, die mit Hohlkreuz und etwas nervösem Blick keine wirklich souveräne Figur abgab. Cool war irgendwie anders, cool kam bis dahin meist von KTM aus Österreich. Doch dann brachte BMW die Themen Hard-Enduro und Supermoto auf den G-Punkt. Zur extrem hochbeinigen und grobstollig bereiften Xchallenge und der als wildes Funbike konzipierten Xmoto gesellte sich die Xcountry. Die gab den Scrambler, was mit "Kletterer" zwar wörtlich, mit "Wandermotorrad" aber besser übersetzt ist. Ein nettes, leichtes Motorrad für alle Tage, das auch mal einen Feldweg unter die moderat profilierten Stollenreifen nehmen kann und das niemanden überfordert. Die drei G-Modelle haben eine gemeinsame technische Basis, Motor und Rahmen sind weitgehend baugleich. Federelemente, Räder, Bremsen, diverse Anbauteile und natürlich die Verpackung machen den Unterschied. Jedes G-Modell stammt aus dem norditalienischen Aprilia-Werk in Scorzè. Als Motor wurde anfangs der von Rotax aus Österreich stammende, etwas modifizierte F 650-Motor verbaut. Die Xcountry bekam ab September 2007 einen äußerlich und konstruktiv identischen (aber nicht baugleichen!) Motor von Loncin aus China. Das tat der guten Zuverlässigkeit keinen Abbruch - ganz im Gegenteil. Das Baukasten-Konzept war clever gedacht, doch es ging nicht wirklich auf. Die G-Modelle als Flops zu bezeichnen, wäre vielleicht etwas zu hart. Aber von Bestsellern zu reden, wäre noch verkehrter. Die Xchallenge setzte sich zwischen alle Stühle: für Freizeit-Enduristen zu hoch, zu wenig tourentauglich, mit zu geringer Reichweite und dann noch zu teuer. Für den echten Wettbewerbseinsatz ist sie im Serienzustand aber wiederum zu schwer. Die Xmoto blieb weitgehend unbekannt, ihr Listenpreis wirkte abschreckend. Die Xcountry war anfangs ebenfalls zu hoch und zu teuer, zum Zeitpunkt der Preissenkung galt sie eigentlich schon als verbrannt. Das China-Thema machte die Sache imagemäßig nicht besser. Doch wie das mit vermeintlichen Misserfolgen oft so ist: Als Gebrauchte sind die G-Modelle bereits auf dem besten Weg zu Liebhaberobjekten. Noch sind sie günstig zu haben, der famose Motor und ihr Fahrspaß-Potenzial machen sie kaufenswert.
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Besichtigung

BMW und Premium-Qualität? Vergessen Sie's! Die Verarbeitung der G-Modelle liegt bestenfalls auf durchschnittlichem Japaner-Niveau, oft aber auch darunter. Das gilt glücklicherweise nicht für den Motor, der ist - von gelegentlichen Kupplungsproblemen abgesehen - ein sehr standfester Geselle. Doch das Drumherum verlangt bei der Besichtigungl nach genauer Kontrolle: Die Lackierung der Kunststoffteile platzt gern mal ab. Haben Plaste und Elaste durch fahrerischen Übereifer noch mehr gelitten, wird's richtig teuer, denn BMW verlangt für den Ersatz wahre Mondpreise. Lose Prallbleche im Auspuff, Rost an allen Ecken und Kanten (besonders gern an Schrauben und Achsen), angescheuerte Öl- und Spritleitungen, rubbelnde Bremsscheiben, heulende Bremsbeläge, knackende Lenkkopflager und versagende Batterien - das und noch einiges mehr kann sein. Muss aber nicht, denn die Verarbeitungsqualität ist ziemlich schwankend, und viele Macken wurden auf dem Garantie- oder Kulanzweg behoben. Vorsicht bei den Kilometer-Angaben: Die Tacho-Einheit ist oft undicht und bei vielen Maschinen nicht mehr das Original.
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Marktsituation

Das große Verramschen ist endgültig vorbei. Waren vor rund einem Jahr noch Xchallenge-Tageszulassungen mit null Kilometern für unter 6000 Euro zu bekommen, muss der Schnäppchenjäger nun mindestens 800 Euro mehr ausgeben. Besonders auffällig: Das Xchallenge-Angebot ist innerhalb des letzten Jahres überraschend klein geworden. Mittlerweile wird die Xmoto deutlich häufiger angeboten, die Supermoto ist immer noch eine potenzielle Standuhr. Das laut Listen-Neupreis teuerste G-Modell kostet in der Secondhand-Praxis meist deutlich weniger als die vergleichbaren Schwestermodelle. Die Xmoto gibt's als Fast-Neue immer noch für unter sechs Mille, ordentliche Gebrauchte, oft sogar mit ABS, kosten ab 4300 Euro. ABS-lose Xchallenge mit leichten Gelände-Kampfspuren gibt's um 4700 Euro, Standard-Angebote mit ABS liegen rund 800 bis 1000 Euro höher. Die Xcountry wird ab 4500 Euro gehandelt, für die tiefergelegte 2009er sind mindestens 5100 Euro fällig.
 Preisniveau in Euro
 Baujahre Km-Stand
 Niedrig 4700-5300
 2007-2008 4000-12000
 Mittel 5500-6000
 2007-2008 2000-5000
 Hoch 6300-7200
 2007-2008 0-1500
 
 Typ im Programm
 Verkäufe
 G 650 Xchallenge
 ab 2007
 889
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Technische Daten

Motor:
Wassergekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile, Tassenstößel,  Ausgleichswelle, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, geregelter Katalysator, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, O-Ring-Kette.
Bohrung x Hub 100,0 x 83,0 mm
Hubraum 652 cm³
Nennleistung 39 kW (53 PS) bei 7000/min
Max. Drehmoment 60 Nm bei 5250/min

Fahrwerk:
Brückenrahmen aus Stahl mit Alu-Guss teilen, Upside-down-Gabel, Ø 45 mm, verstellbare Zug- und Druckstufendämpfung, Alu-Zweiarmschwinge, Luftfederbein, direkt angelenkt, Federvorspannung und Dämpfung stufenlos einstellbar, Scheibenbremse vorn, Ø 300 mm, Scheibenbremse hinten, Ø 240 mm.
Drahtspeichenräder 1.60 x 21; 2.50 x 18
Reifen 90/90 S 21; 140/80 S 18

Maße und Gewichte:
Radstand 1500 mm, Lenkkopfwinkel 62,5 Grad, Nachlauf 118 mm, Federweg v/h 270/270 mm, Sitzhöhe 960 mm, Gewicht vollgetankt 159 kg, Zuladung 176 kg, Tankinhalt/Reserve 9,5/2 Liter.

Messungen (MOTORRAD 6/2007):
Höchstgeschwindigkeit (Herstellerangabe) 170 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h 5,0 sek
Durchzug 60-140 km/h 10,5 sek
Verbrauch 3,6 l/100 km (Landstraße)

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