Gebrauchtberatung Ducati 996

Reife Leistung

Hubraum ist durch nichts zu ersetzen außer durch noch mehr Hubraum, sagen die Amis. Auch Ducati bohrte den Zweizylindermotor der Supersportlerin 916 Ende der neunziger Jahre auf. Mit Erfolg – nicht nur im Rennsport.

Foto: fact
Nachfolgerin der legendären 916: Supersportlerin Ducati 996.
Nachfolgerin der legendären 916: Supersportlerin Ducati 996.
Was sich auf der Rennstrecke bewährt, ist auch für die Straße tauglich«, lautete der Grundsatz von Ducatis genialem Konstrukteur Fabio Taglioni. Diese Weisheit war für die Marke aus Bologna Programm. Die logische Konsequenz nach Carl Fogartys Superbike-WM-Sieg 1998 hieß deshalb, die vier Jahre zuvor präsentierte »Novesedici« ab dem Modell 1999 im Hubraum an den Werksrenner anzugleichen. Als sündhaft teure Superbike-Replika gab es die 916 SPS
bereits 1997 mit 996 cm3.
Äußerlich kaum von der 916 zu unterscheiden, war die 996 Biposto sehr wohl überarbeitet worden – in Sachen Qualität genoss Ducati auch nach der Übernahme durch die Texas Pacific Group noch immer einen zweifelhaften Ruf. So wurde das Motorengehäuse verstärkt und der V2 mit zwei Einspritzdüsen pro Zylinder bestückt. Die Verwendung von Stahl anstelle von Guss machte die schwimmend gelagerten 320er-Bremsscheiben leichter und widerstandsfähiger, bissigere Beläge erfreuten Tester, Händler und Kunden. 116 PS und damit acht mehr als die 916 und rund zehn Prozent mehr Drehmoment bei gleicher Drehzahl bescheinigte das Leistungsdiagramm der ersten Testmaschine Ende 1998 – tatsächlich waren die 113 Papier-PS in der Regel untertrieben.
Umso ernüchternder die Erkenntnis, dass die Neue ihre Besitzer ebenfalls mit Macken auf Trab hielt. Wie ihre Vorgängerin ist die 996 nichts für Leute, die sich kaum um ihr Motorrad kümmern. Wer die Italienerin häufig bei Schmuddelwetter bewegt und Serviceintervalle verschläft, bekommt die Rechnung meist rasch präsentiert. Wer sich dagegen stets um Make-up und Wellness der 996 sorgt, den wird sie nicht enttäuschen – die Liebe könnte einzig durch eine Affäre mit der noch edleren 996 R verblassen. Doch auch die Basisversion verwöhnt, am besten mit Michelin Pilot Sport oder Bridgestone BT 012 SS bestückt, den Fahrer mit perfekter Spurtreue in Schräglage, zahmem Aufstellen beim Bremsen und feinfühligen Federelementen.
Unbedingt ansehen sollten sich 996-Kaufwillige die Internet-Seite www.ducati 916.de – dort finden sich Explosionszeichnungen, ein Forum und nützliche Tipps. Zum Austausch mit Gleichgesinn-
ten gibt es weitere interessante Seiten
wie www.diva-di-bologna.de, Schraubertipps unter www.pro-desmo.de und www. motorradthunder.de. Ein Reparaturhandbuch ist für 24,90 Euro im Buchhandel erhältlich (Bucheli-Verlag, Band 5253, Ducati 748, 916, 996 ab Modelljahr 1994, ISBN
3-7168-2046-6, 192 Seiten).
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Technische Daten: Ducati 996, Typ H2, Modell 2001

DATEN
Ducati 996, Typ H2, Modell 2001

Motor: wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, Kurbelwelle quer liegend, je zwei
oben liegende, zahnriemengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, desmodromisch betätigt, Nasssumpfschmierung, elektronische Saugrohreinspritzung, Motormanagement, keine Abgas-
reinigung, E-Starter, Drehstromlichtmaschine 520 W, Batterie 12 V/12 Ah.
Bohrung x Hub 98 x 66 mm
Hubraum 996 cm3
Verdichtungsverhältnis 11,5:1
Nennleistung 83 kW (113 PS) bei 8500/min
Max. Drehmoment 96 Nm bei 7000/min

Fahrwerk: Gitterrohrahmen aus Stahl, Motor mittragend, Upside-down-Gabel, Gleitrohrdurchmesser 43 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Einarmschwinge aus Leichtmetall, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, schwimmend gelagerte Bremsscheiben, Ø 320 mm, Vierkolbensättel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Zweikolbensattel.
Alu-Gussräder 3.50-17; 5.50-17
Reifen 120/70 ZR 17; 190/50 ZR 17

Maße und Gewichte: Radstand 1410 mm, Lenkkopfwinkel (einstellbar) 65,5/66,5 Grad, Nachlauf 97/91 mm, Federweg v/h 127/130 mm, Sitzhöhe 790 mm, Gewicht vollgetankt 219 kg, Zuladung 166 kg, Tankinhalt 17 Liter.

messungen
(MOTORRAD 3/2001)

Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 265 km/h

Beschleunigung
0–100 km/h 2,9 sek
0–200 km/h 9,5 sek

Durchzug
60–100 km/h 5,8 sek
100–140 km/h 5,6 sek

Verbrauch
4,1 bis 7,6 l/100 km, Superbenzin

Modellpflege

1997/98 916 SPS mit 996 cm³, scharfe Nockenwellen/größerer Ventilhub, leichter Kurbeltrieb, Titanpleuel, eng abgestuftes Getriebe, Airbox, Schutzblech, Auspuffhitzeschutz und Nummernschildhalter aus Karbon, Öhlins-Federbein, Auspuffkrümmer
Ø 50 mm, zusätzlich Termignoni-Karbon-Racingschalldämpfer, 123 PS bei 9500/min, 44900 Mark.
1999 Modelleinführung 996 Biposto mit Showa-Federbein, 16-Ah-Batterie, Dreispeichenräder, 113 PS bei 8500/min, 29990 Mark, 996 SPS mit 128 PS bei 9500/min, 43990 Mark.
2000 Leichtere Marchesini-Räder im Fünfspeichendesign, Gleitrohre der Showa-Upside-down-Gabel Titannitrid-beschichtet, Seitenständer mit Arretierung zum sicheren Abstellen, Kupplungs-Handpumpe mit kleinerem Geberkolben zur leichteren Betätigung, 29990 Mark.
2001 Öhlins-Federbein mit großem Verstellbereich (wie SPS), 12 V/12 Ah-Gel-Batterie, Verbindungsbolzen zwischen Motor und Rahmen verstärkt (Ø 12 statt 10 mm), neue Kupplungsnehmerzylinder, 29766 Mark. Modelleinführung 996 R mit Testastretta-Motor, 135 PS bei 10000/min, Einspritz-
anlage mit Zentraldüse, leichter Kurbeltrieb, Titanpleuel, neue Brembo-Zangen, geglättete Seitenverkleidungen, Ölwannenverkleidung aus Karbon, 52400 Mark.

Tests In MOTORRAD

Tests In MOTORRAD*
13/2001 (VT), 3/2001 (TT), 21/2000 (VT), 10/2000 (VT), 6/2000 (VT), 3/2000 (SPS, VT), 13/1999 (VT),
25/1998 (T)

MOTORRAD-Checkpoint

Marktsituation
Die Ducati-Fangemeinde ist zwar enorm groß, doch der Bestand zählt nur knapp über 1350 Exemplare. Von der 996 R sind hier zu Lande immerhin 757 Fahrzeuge zugelassen. Wenn auch die meisten 996 von Privatleuten verkauft werden, nehmen Ducati-Händler die 916-Nachfolgerin gerne in Zahlung. Nicht zuletzt wegen ihrer mäßigen Tourentauglichkeit liegen die Laufleistungen gebrauchter 996 meist bis zu 50 Prozent unter den angegebenen Durchschnittsfahrleistungen der Schwackeliste. Unter 8000 Euro ist selbst ein 1999er-Modell kaum zu kriegen. Für eine 996 SPS ist etwa das Doppelte fällig, was aber im Vergleich zum horrenden Neupreis von rund 22000 Euro noch in Ordnung geht. Kenner handeln die Edelvariante als Klassiker von morgen.

Besichtigung
Erfolgreich bemühte sich Ducati, die 916-Krankheiten zu kurieren. Seitdem der japanische Regler das Marelli-Bauteil ersetzt hat, kommt es zu keinen Hitzestaus mehr, die neue Bosch-Benzinpumpe
arbeitet ebenfalls zuverlässig. Nervige Kleinigkeiten gibt es dennoch. Dazu gehört der Kühlwasser-Ausgleichsbehälter, der gelegentlich an der Klebestelle undicht wird. Häufig bei 996 der ersten beiden Baujahre sind lecke Kupplungsnehmerzylinder wegen Verschmutzung der Dichtmanschette durch die Kette – ein Absinken des Flüssigkeitsstands im Vorratsbehälter ist ein eindeutiges Indiz. Neue Dichtungen kosten nur wenige Euro, ab Modelljahr 2001 wurde der schwarze Nehmerzylinder durch ein geändertes Bauteil ersetzt.
Häufiger Stop-and-go-Verkehr verschleißt die Trockenkupplung oft vorzeitig. Die letzte Stahlscheibe kann sich in den Kupplungskorb einarbeiten, etwa seit zwei Jahren gibt es ein passendes Ersatzteil mit eingegossenem Stahlkern. Beginnendes Kupplungsrutschen lässt sich mit einer zusätzlichen Stahlscheibe verhindern.
Wer eine 996 des Jahrgangs 2000 oder 2001
im Auge hat, sollte wissen, dass an diesen Fahr-
zeugen bei geringen Laufleistungen unter 10000 Kilometern öfter Hauptlagerschäden vorkamen, die auf Garantie behoben wurden. Bereits seit der Ducati 851 ist Abnutzung an den Öffnerkipphebeln der Vierventilmotoren ein Thema. Resonanzen, zu großes Ventilspiel und eine rüde Fahrweise sind daran sicher nicht unschuldig. Alle 10000 Kilometer werden die 16 Kipp- und Schlepphebel gecheckt – hier sollte man lieber einen Blick mehr als einen zu wenig riskieren.
Besonnene Händler tauschen Bauteile mit
Druckspuren gegen frisch nachverchromte aus.
»Wenn man den Verschleiß hören kann, haben
die Nockenwellen meist auch schon was. Und
dann wird’s teuer«, erklärt Ducati-Händler Heinz Tschinkel aus Hohenbrunn bei München, der
pro nachverchromtem Öffner etwa 50 Euro in Rechnung stellt.
Umsichtige 996-Besitzer montieren gegen Spritzwasser den Spritzschutz von Karbon-Spezia-
list Julius Ilmberger (www.ilmberger-carbon.de,
Telefon 089/6133893, 159,90 Euro), Vielfahrer
verwenden die Gabelbrücke von März (www.
ducati-maerz.de, Telefon 07243/59300, 398 Euro), wodurch die Lenkerstummel 40 Millimeter höher und somit entspannter positioniert sind.
Wer einen besseren Windschutz sucht, kann
auf die Touringscheibe von MRA (www.mra.de, Telefon 07663/93890, 86 Euro) zurückgreifen.

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