Erschienen in: 22/ 2015 MOTORRAD

Gebrauchtberatung Harley-Davidson Softail Rocker/C

Custombike-Basis

Da gibt man sich als Motorradhersteller unglaublich Mühe, ein ausgefallenes Custombike auf die Räder zu stellen – um nach kurzer Zeit festzustellen, dass ebendieses Custombike floppt und bestenfalls als Custombike-Basis dient.

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3 Seiten Gebrauchtberatung
aus MOTORRAD 22/2015
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Eine Antwort auf eine Frage zu geben, die keiner gestellt hat, ist keine sehr clevere Idee. Erst recht nicht, wenn es sich bei der Antwort um ein richtig aufwendig gemachtes Motorrad handelt, das nach nur vier Jahren schon wieder in der Versenkung verschwindet. Diesen teuren Luxus erlaubte sich Harley-Davidson mit der nur von 2008 bis 2011, als Basismodell sogar nur 2008 und 2009, im Programm zu findenden Harley-Davidson Softail Rocker. Dabei verlief der Start durchaus vielversprechend: Im ersten und mit Abstand erfolgreichsten Modelljahr entschieden sich die meisten Käufer für die Rocker, ohne sie zu zuvor überhaupt im Original gesehen zu haben. Fettes 240er-Hinterradgummi, ellenlange Gabel, vorverlegte Rasten – und das alles ab Werk. Da reichte bereits der Blick ins Internet oder in den Prospekt, damit der Unbedingt-haben-wollen-Trieb durchbrach und blind gekauft wurde.

Im wirklichen Leben stellte sich dann sehr oft heraus, dass sich die ganze Fuhre zwar überraschend leicht fahren ließ, der Twin Cam 96B-Motor ebenfalls viel Spaß machte, aber die ganze Sache dann doch nicht das Gelbe vom Ei war. Was meist genau daran lag, auf das Harley-Davidson so unglaublich stolz war: am mitfedernden Metall-Fender, direkt an der Schwinge angebracht und während der Fahrt gemeinsam mit dem Rad in fleißiger Auf-und-ab-Bewegung. Besonders in Verbindung mit dem – nun ja – „skurrilen“ Ausklapp-Soziussitz sah die ganze Sache dann doch arg merkwürdig aus. Die Kundschaft machte kurzen Umbau-Prozess und rüstete fleißig auf neue, konventionelle Hecks um. Ironie der Geschichte: Die legitime Nachfolgerin der Harley-Davidson Softail Rocker, die Breakout, bietet heute genau das, was damals umgebaut wurde. Und wurde damit zum absoluten Bestseller im Harley-Programm.

Besichtigung

Vergessen Sie bei der Besichtigung Ihrer Wunsch-Gebrauchten die serienmäßige Technik – die funktioniert einfach tadellos, irgendwelche modellspezifischen Auffälligkeiten gibt es nicht. Mal abgesehen vom überdurchschnittlich hohen Hinterradreifen-Verschleiß. Die fette Rocker-Walze erreicht meist nur die Hälfte der Laufleis­tung, die Harley-Eigner ansonsten gewöhnt sind. Im Extremfall also gerade mal 3000 Kilometer. Als Ersatz wird auch gern ein 260er auf die Originalfelge gespannt – bitte auf Freigabe/Eintragung achten.

Zurück zur Besichtigung: Die Harley-Davidson Rocker/C war DIE Harley-Umbaubasis ihrer Zeit, und umfangreiche Heckumbauten von Rick’s, Thunderbike oder Heartland sind eher die Regel als die Ausnahme. Ein Teil dieser Umbauten ist (theoretisch) rückgängig zu machen – Stichwort Originalzustand – und da ist es äußerst hilfreich, wenn der Vorbesitzer noch die Originalteile vorrätig hat. Weitere Umbau-Schwerpunkte: Sitz, Lenker, Tank und natürlich der Auspuff.

Marktsituation

Suchen Sie etwas total Exotisches? Bitte schön: Eine Basis-Harley-Davidson Rocker im Originalzustand ist so ziemlich das Ausgefallenste, was man sich als Gebraucht-Softail gönnen kann. Was konkret bedeutet: So gut wie nicht mehr zu bekommen; denn das puristische Grundmodell wurde ursprünglich fast ausnahmslos als Umbaubasis angeschafft. Die Chancen, eine im Urzustand ­belassene Harley-Davidson Rocker C zu finden, stehen besser, sind aber auch nicht berauschend. Erschwerend kommt hinzu, dass absoluter Originalzustand bei zwei ansonsten vergleichbaren Modellen mittlerweile besser honoriert wird als ein Umbau, der noch vor wenigen Jahren 6000 Euro oder mehr Aufpreis gekostet hat.

Zwischen 16.000 und 19.000 Euro für eine halbwegs originale Harley-Davidson Rocker sind realistisch, der Kilometerstand ist dabei eher zweitrangig. In der Ü-20.000-Euro-Liga sind ebenfalls einige Angebote zu finden, doch dabei handelt es sich meist um recht heftige Umbauten. Und bei den aufgerufenen Tarifen oft auch um Mondpreise, die in der Praxis kaum zu erzielen sind. Verständlich ist es ja, dass einige der Erstbesitzer versuchen, ihre Investitionen zumindest teilweise zu refinanzieren, aber Wunsch und Wirklichkeit klaffen meist weit auseinander. Markt-Kenner vermuten, dass die Rocker-Preise noch zwei bis drei Jahre konstant bleiben – und dann steigen werden.

Modellpflege

2008 Präsentation im Spätsommer 2007; Preise FXCW/FXCWC: ab 18.995/21.395 Euro.

2009 Überarbeitet: Krümmerdichtungen, Kupplungszug, Frontfender, Steuergerät, Kabelbaum, Zündkabel, Federbeine; neu: „Engine Idle Temperature Management System“ (EITMS); ab 18.795/21.195 Euro.

2010 FXCW nicht mehr im Programm; 73 statt 71 PS; überarbeitet: Getriebe, Vorderradreifen Auspuff, Kabelbaum, Hauptbremszylinder, Bremsleitungen, Tauchrohre; ab 20.935 Euro.

2011 ABS und CAN-Bus serienmäßig; überarbeitet: Lima, Schalter, Tacho, div. Motorlager; ab 21.195 Euro.

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15.10.2015 |  Artikel drucken | Senden | Kommentar

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