Gebrauchtberatung: Harley Davidson Street Glide Die Street Glide als gebrauchtes Motorrad

Sie bietet weniger Chrom, weniger Federweg und weniger Windschutz als ihre Tourer-Schwestern. Und trotzdem - oder gerade deshalb - ist sie die cheffigste aller Harleys.

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Die ganz bösen unter den vermeintlich bösen Buben fahren nicht etwa Chopper. Das Präsi-Gerät schlechthin ist seit geraumer Zeit die Street Glide. Am besten in Schwarz. Mattschwarz! Wer als MC-Vorsitzender tatsächlich noch auf den eigenen zwei Rädern zum Treffen fährt, weiß den Komfort eines „Dressers“ zu schätzen: Koffer, Verkleidung, bequemer Fahrersitz, Trittbretter, Schaltwippe, großer Tank und Bordbeschallung via Audio-System - die Mitte 2005 als 2006er-Modell vorgestellte FLHXI (die seit 2007 nur noch FLHX heißt) bietet all das, was Kilometerfresser mögen. Doch das ohne den leicht spießigen Stallgeruch der übrigen Harley-Tourer, denn der „frische Custom-Style mit einem leichten, minimalistischen Ansatz“ (O-Ton der ersten Presse-Info) sorgt dafür, dass sich der etwas übergewichtige, seit 35 Jahren verheiratete, gern mit Ehegespons verreisende und auch schon länger in der Harley Owners Group aktive Endfuffziger eher nicht für die Street Glide entscheidet.

Es sind aber nicht nur die in MC-Führungspositionen tätigen Kuttenträger, die zum Flacheisen greifen, das dank gekürzter Federwege am Heck etwas nach einem zum Sprung bereiten Deutschen Schäferhund aussieht. Der typische Street-Glide-Kunde ist rund zehn Jahre jünger als die übrige Tourer-Kundschaft (also Mitte bis Ende 40), hat viele Jahre Harley-Erfahrung auf Dyna und/oder Softail und fährt lieber solo als mit Mutti hintendrauf. Als Gebrauchtkäufer ist es ihm eigentlich ziemlich egal, welcher der drei Twin-Cam-Motoren (siehe unten) im Objekt seiner Begierde Dienst tut - sie funktionieren alle prächtig. Besonders technikaffine Käufer achten womöglich aufs spürbar verbesserte Fahrwerk (ab Modelljahr 2009) oder liebäugeln mit dem sehr empfehlenswerten ABS (ab 2008/2009). Wer auf einen besonders cleanen Look ab Werk steht, kauft ab dem 2010er-Modell richtig. Doch eigentlich ist das Street-Glide-Baujahr beim Gebrauchtkauf total egal - megacool sind sie alle!

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Foto: Archiv

Besichtigung / Marktsituation

Besichtigung
In der MOTORRAD-Dauertest-Bestenliste steht die eng verwandte Road King immer noch ganz oben. Womit sich Fragen zur Zuverlässigkeit erübrigen. Den Harley-Werkstätten kommen schlimmstenfalls streikende Audio-Anlagen unter die Finger. Und das auch nur sehr selten. Trotzdem sollte eine Besichtigung nicht ganz blind erfolgen, denn FLHX-Eigner bauen häufiger um als die Tourer-Verwandtschaft. Serienmäßige Auspuffanlagen gibt’s in der Praxis so gut wie gar nicht, die Favoriten kommen von Kess-Tech, Jekill & Hyde oder Remus. Hochlenker („Apehanger“) im 35er- oder 45er-Format werden ebenfalls gern genommen, und 21-Zoll-Vorderräder gehören auch zu den Umbau-Favoriten. Ebenfalls beliebt: Leistungssteigerungen. Mit dem Super Tuner von Harley oder dem Power Commander gibt’s kaum Ärger, der Rest läuft bei Kennern unter „na ja“. In jedem Fall wichtig: auf Eintragung bzw. Papiere achten! Besser als die Dunlop-Originalgummis: Metzeler oder Pirelli.

Marktsituation
Wer in den einschlägigen Internet-Verkaufsbörsen eine Street Glide sucht, wird sich womöglich etwas verwundert die Augen reiben: Da tauchen Modelle aus den späten 1990er und frühen 2000er-Jahren auf. Wie denn das? Einfache Erklärung: Klon-Alarm! Die Beliebtheit der echten Street Glide machen sich einige Bastler zunutze und trimmen normale E-Glides oder andere verwandte Tourer-Modelle auf FLHX. Merke: Das „Original“ wurde erst ab Herbst 2005 (Modelljahr 2006) verkauft, heißt als 2006er-Modell FLHXI und seit Modelljahr 2007 FLHX. Frühe Originale mit relativ hoher Kilometerleistung (die kein Kaufhinderungsgrund sein muss) sind mit viel Glück ab rund 13 000 Euro zu bekommen, das Gros der „günstigen“ Street Glides liegt um 15 000 Euro. Wer den zurzeit noch aktuellen TC-103er-Motor haben will, muss mindestens 20 000 Euro anlegen. Die raren CVO-Modelle werden ab rund 26 000 Euro gehandelt. Typische Umbauten (Auspuff, Lenker, Vorderrad, ggf. Leistungssteigerung) werden gern genommen und bei Bedarf auch gut honoriert.

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Technische Daten

Motor
Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-45-Grad-V-Motor, zwei untenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, zwei Ventile pro Zylinder, Hydrostößel, Stoßstangen, Kipphebel, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, ungeregelter Katalysator, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Zahnriemen.

Bohrung x Hub 98,4 x 111,1 mm
Hubraum 1690 cm³
Nennleistung 62 kW (84 PS) bei 5010/min
Max. Drehmoment 134 Nm bei 3500/min

Fahrwerk
Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Zweiarmschwinge aus Stahlpro-filen, zwei luftunterstützte Federbeine, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, Scheibenbremse hinten.
Alu-Gussräder 3.50 x 18; 5.00 x 16
Reifen 130/70 B 18, 180/65 B 16

Maße + Gewicht
Radstand 1625 mm, Lenkkopfwinkel 64 Grad, Nachlauf 170 mm, Federweg v/h 117/51 mm, Sitzhöhe* 700 mm, Gewicht vollgetankt* 374 kg, Tankinhalt** 22,7 Liter.

Messungen
(MOTORRAD 26/2010)
Höchstgeschwindigkeit** 175 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h 5,2 sek
Durchzug 60-140 km/h 14,4 sek
Verbrauch 5,7 l/100 km (Landstraße)

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Modellpflege

2006
Ab Herbst 2005 Markteinführung mit dem Twin-Cam-88-Motor. Preis: ab 21460 Euro.

2007
Neuer Motor (Twin Cam 96) mit „aktiver Ansaug- und Auspufftechnologie“ und neuem Sechsganggetriebe; Rahmen, Schwinge, Seitenständer, Schalthebel und linkes Trittbrett entsprechend -modifiziert. Kupplungsbetätigung leichter; Zahnriemen reißfester; Kabelstecker besser abgedichtet; Keyless-Bedienung für Wegfahrsperre/Alarmanlage; optimierte Koffer-Halterungen und Instrumentierung; neue Lenkerklemmung. Neuer Preis: ab 22255 Euro.

2008
Leistung und Drehmoment durch geändertes Mapping erhöht; „elektronischer“ Gasgriff ETC (Electronic Throttle Control); neue Brembo-Bremsen, ABS als Extra lieferbar; Radlager und -achsen verstärkt; Tank von 18,9 auf 22,7 Liter vergrößert; Tempomat serienmäßig; kürzere Antenne; neue Batterie; neuer Seitenständerschalter.

2009
Neuer Rahmen, breitere Schwinge; Federelemente neu abgestimmt, Zuladung erhöht; ABS serienmäßig; 17- statt 16-Zoll-Vorderrad, breiteres Hinterrad (180er); neuer Auspuff, geschickter verlegt; kürzere Sekundärübersetzung.

2010
18- statt 17-Zoll-Vorderrad; Brems- und Rücklicht in Blinker integriert; Getriebe überarbeitet (fünfter Gang schräg verzahnt); neue O2-Sensoren im Auspuff. Vorstellung der CVO Street Glide (-FLHXSE) mit 1802 cm³ und 98 PS.

2011
Neuer Motor (Twin Cam 103); bequemerer Fah-rersitz; größere Trittbretter. Neuer Preis: ab 22995 Euro.

2012
Serviceintervalle teilweise verlängert (Zündkerzen 48 000 km); Ölpeilstab bedienungsfreundlicher.

Rückrufe:
10/2005: Rückspiegel beim 2006er-Modell; 7/2008: Kraftstofffilter-Gehäuse beim 2007er- und 2008er-Modell; 12/2009: Befestigung des Kraftstofftanks beim 2009er- und 2010er-Modell; 1/2012: Bremslichtschalter hinten bei 2009er bis 2011er-Modellen und einigen 2012er-Modellen.

Updates:
6/2006: Zünd-/Lenkschloss; 7/2012: Span-nungsregler bei 2012er-Modellen (Voraussetzung für Updates: regelmäßiger HD-Kundendienst).

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