Gebrauchtberatung: Honda Honda Africa Twin

Trotz starker Konkurrenz durch aktuelle Reiseenduros schlägt sich der Star von einst noch sehr wacker: als günstiger, wertstabiler Tausendsassa.

Foto: Archiv

Der Lack ist ab. Bei einigen gebrauchten Africa Twins wortwörtlich, denn als globetrottende Packesel haben sie während ihres Berufslebens so ziemlich alles gesehen: Wüstenpisten, Bergstraßen, Küstenstrecken, Metropolen-Trassen. In Würde gealtert, da gehen ein paar Falten und Narben voll in Ordnung. Abenteurer sind eben nicht glatt rasiert. Bei anderen, meist jüngeren, weniger weit gereisten Exemplaren, ist der Lack jedoch ebenfalls ab. Symbolisch zumindest. Aus technischer Sicht ist die ehemals - zumindest in der Reiseenduro-Szene - Akzente setzende Maschine ein bröckelndes Denkmal. Ende der Achtziger war die Ur-Twin mit ihren 650 cm? und 57 PS und unschlagbar gutem Fahrwerk jedenfalls ein Knaller für Offroad-Begeisterte. Die erste 750er ab 1990 führte den Erfolg auf der Landstraße fort und etablierte sich in der Reiseszene. Mit der RD07 ab 1993 vollendete Honda sein Werk und baute einen perfekten Allrounder, der klaglos zu allem "Ja" sagt: Autobahn, Serpentinen-Spiralen, geschotterte Ziehwege.

Die enorme Vielseitigkeit inklusive Soziustauglichkeit machte die Zweizylindermaschine zum Verkaufsrenner mit Seele. Für Fans, und davon gab und gibt es viele, war es deshalb nicht nachvollziehbar, warum Honda die tolle Africa Twin 2003 so sang- und klanglos ohne adäquate Nachfolgerin absägte. Im Vergleich mit aktuellen Reiseenduros stinkt die nur 60 PS starke und fast 240 Kilogramm schwere Honda heutzutage natürlich ab. ABS hat sie auch nicht. Wer die Twin allerdings live erleben darf, wird merken, dass Eckdaten auf dem Papier nicht alles sind. In der Summe aller Eigenschaften ist die XRV nach wie vor ein brillantes Motorrad. Zwar ein auf dem Secondhandmarkt alternder Star, aber ein grundehrlicher ohne jegliche Allüren. Und sie zu engagieren, ist absolut erschwinglich.

Internet:
Fansites: www.africatwin.de, www.atic.org
Gebrauchtangebote: http://markt.motorradonline.de

Tests in MOTORRAD:
RD03: 6/1988 (VT), 23/1988 (VT), 10/1989 (VT).RD04: 3/1990 (T), 14/1990 (VT), 14/1992 (VT).RD07/a: 6/1993 (T), 13/1993 (VT), 22/1993 (KV), 16/1995 (VT), 14/1999 (VT)
T=Test, VT=Vergleichstest, KV=Konzeptvergleich;
Nachbestellungen unter Telefon 0711/182-1229

 

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Besichtigung

Schwachstellen gibt es kaum, aber sie existieren: Bei der RD07 ist dies die Benzinpumpe. Kenner ersetzen sie durch Austauschprodukte von Pierburg (Telefon 02133/267167) oder Mikuni (über African Queens, Telefon 08441/18442, www.africanqueens.de). Ebenfalls ein kleiner Problemfall ist die vergleichsweise schmale, stark abfallende Sitzbank. Ist diese zusätzlich schon durch gesessen, bleibt der Komfort bei langen Etappen auf der Strecke. Dilettantisch aufgepolsterte Bänke bringen da keine Pluspunkte, nur Profiarbeiten oder bewährte Produkte vom Nachrüstmarkt (zum Beispiel African Queens oder Corbin, Telefon 06371/ 18637, www.corbin.de). Vorsicht bei umlackierten und umgebauten Exemplaren: Oftmals deutet dies auf eine sturz- und umfallerreiche (off- oder onroad) Vergangenheit hin. Wenn die Historie der betreffenden Gebrauchtmaschine durch Serviceheft, Rechnungen und sonstige Papiere allerdings belegt ist, sollten auch Laufleistungen jenseits von 50000 Kilometern kein Hinderungsgrund zum Kauf sein.

Foto: Archiv

Marktsituation

Der Handel mit gebrauchten Africa Twin ist Privatsache. Das hat zwei Gründe: Für Händler sind viel gefahrene (mehr als 50000 Kilometer) und teils deutlich über zehn Jahre alte Maschinen aufgrund der Gewährleistungspflicht finanziell zu riskant, und gleichzeitig haben Privatanbieter aufgrund des guten Rufs der Honda beste Chancen, ihre Gebrauchte in Eigenregie zu vermarkten. Die Africa Twin gilt als sehr wertstabil, selbst für rund 15 Jahre alte RD07 werden trotz Laufleistungen von über 40000 Kilometern teils immer noch deutlich über 3000 Euro aufgerufen. Von allen Africa Twin (aktueller Gesamtbestand: rund 11000 Stück) war die RD07 der Bestseller (allein die Jahrgänge 1993 bis 1998 rund 40 Prozent aller Zulassungen), die heutzutage etwas unpopuläre RD04 verkaufte sich rund 4000-mal und wird ordentlich gepflegt um 2000 Euro angeboten, während die RD03 mit nur noch wenigen hundert Zulassungen als Secondhand-Offerte eher eine Rarität ist.

Verfügbarkeit am Markt: Hoch

 Preisniveau in Euro
 Baujahre Km-Stand
 Niedrig 1800-2800
 1988-1994 über 40000
 Mittel 2500-4200
 1993-2000 25000-60000
 Hoch 4300-5300
 1998-2003 15000-35000
   
 Typ im Programm
 Verkäufe
 RD03 1988-1989 1464
 RD04/RD07 1990-2003 19900
Foto: Archiv

Technische Daten

Motor:
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertaktmotor-52-Grad-V-Motor, drei Ventile pro Zylinder, Nasssumpfschmierung, Vergaser, keine Abgasreinigung, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, O-Ring-Kette.
Bohrung x Hub 81 x 72 mm
Hubraum 742 cm³
Nennleistung 44 kW (60PS) bei 7500/min
Max. Drehmoment 62 Nm bei 6000/min

Fahrwerk:
Doppelschleifenrahmen aus Stahl, Telegabel, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, Scheibenbremse hinten.
Drahtspeichenräder 1.85 x 21; 2.75 x 17
Reifen 90/90-21 H, 140/80 HR 17.

Maße und Gewichte:
Radstand 1565 mm, Lenkkopfwinkel 62,5 Grad, Nachlauf 112 mm, Sitzhöhe* 860 mm, Gewicht vollgetankt* 236kg, Zuladung* 189 kg, Tankinhalt/Reserve 23/5,1 Liter.

Messungen (MOTORRAD 14/1999):
Höchstgeschwindigkeit 180 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h 4,6 sek
Durchzug 60-100 km/h 5,4 sek
Verbrauch 4,9 l/100 km (Landstraße); 7,6 l/100 km (bei 160 km/h), Normal

*MOTORRAD-Messungen

Modellgeschichte

1988 Zwei Jahre nach dem Rallye-Dakar-Sieg der Werksmaschine NXR 750 bringt Honda mit der XRV 650 Africa Twin, Typ RD03, einen straßenzugelassenen Ableger für 10570 Mark (5404 Euro) auf den Markt. Die 57 PS starke Zweizylindermaschine mit stabilem Fahrwerk setzte neue Maßstäbe in der Endurowelt.

1990 Die 750er wird für 12880 Mark (6585 Euro) eingeführt. Typ RD04. 59 PS, 238 Kilogramm, Doppel-Scheibenbremse vorn (650er hatte nur eine Scheibe), längere Schwinge und modifizierte Verkleidung.

1992 Erstmalig mit so genanntem Tripmaster mit Uhrzeit, Stoppuhr und drei Tageskilometerzählern. Preis für die Africa Twin: 14210 Mark (7265 Euro).

1993 Typ RD07 mit neuem Doppelschleifen-Stahlrahmen (tieferer Schwerpunkt). Größere Vergaser, Motor nun mit 60 PS und etwas mehr Drehmoment. Neuer Tank (24 statt 23 Liter) mit versenktem Deckel. Schalldämpfer, Verkleidung und Windschild neu. Radial- statt Diagonalreifen, hinten Reifenbreite nun 140 statt 130 Millimeter. Preis: 14505 Mark (7416 Euro).

1996 Die Einstellung der Druckstufendämpfung am Federbein und die Luftdruck-Unterstützung an der Gabel entfallen. Minimale Modifikation der Frontmaske. Preis für den Typ RD07a: 16205 Mark (8285 Euro).

2003 Produktionsstopp der Africa Twin. Nachdem die Verkaufszahlen seit der Jahrtausendwende kontinuierlich zurück gingen (im dreistelligen Bereich) strich Honda die insgesamt äußerst erfolgreiche Maschine für 2004 nachfolgerlos aus dem Programm. Preis für das letzte Baujahr: 8690 Euro.

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