17.06.1997 Von: Michael Allner
Erschienen in: 13/ 1997 MOTORRAD

Gebrauchtberatung Honda CB 750 Seven Fifty Hydro-Kultur

Was haben die CB 750 und diese Pflanzen gemeinsam? Dank Hydro-Technik sind sie nahezu wartungsfrei - es gibt so gut wie nichts zu tun. Das hat Kultur.
In diesem Artikel: Honda CB Seven Fifty

Sie hassen ölverschmierte Finger und das trockene Griffgefühl nach dem Gebrauch sandiger Handwaschpaste? Sie verabscheuen die geradezu therapeutische Konzentration, die das Schrauben an Motoren erfordert? Und freigelegte Motorenteile bereiten Ihnen unsäglichen Ekel? Dann ist wahrscheinlich die Honda CB 750 Seven Fifty genau das richtige Motorrad für Sie.
Sie suchen ein Motorrad, das leicht zu beherrschen ist und das sich sich in jeder Situation gutmütig verhält? Das Menschen zwischen 1,60 und zwei Meter einen bequemen Sitzplatz bietet? Greifen Sie zur Honda CB 750 Seven Fifty.
Ihr Wunschmotorrad soll einen ausgeprägten Charakter haben? Und einen gewissen Aufmerksamkeitswert an der Tankstelle fordern Sie auch? Hören Sie an dieser Stelle auf zu lesen und suchen sich besser ein anderes Motorrad.
Das ist das Dilemma der seit 1992 in Deutschland erhältlichen CB 750 Seven Fifty: Sie ist so dermaßen ohne Ecken und Kanten, daß sie manche Zeitgenossen einfach stinklangweilig finden.
Das sehen die mittlerweile rund 13 000 Besitzer natürlich ganz anders. Es hat ja auch tatsächlich seinen Reiz, daß man an der Seven Fifty zum Beispiel die Ventile nicht mehr einstellen muß. Da der Motor in seiner Grundkonstruktion bis zur Honda CBX 750 F (gebaut von 1984 bis 1986) zurückreicht, findet sich auch in der Seven Fifty der hydraulische Ventilspielausgleich. Eine praktische Einrichtung, die im Automobilbau schon seit vielen Jahren gang und gebe ist, sich aus unerklärlichen Gründen in Motorradmotoren bisher aber noch nicht flächendeckend durchsetzen konnte.
Ansonsten besteht der Unterschied zur CBX hauptsächlich in der Leistung, denn die 91 PS des einst munteren Quirls wurden mittels Änderungen am Zylinderkopf, an den Vergasern und an der Auspuffanlage auf gutmütige 73 Pferdchen zusammengedampft.
Aber Moment mal, zwischen CBX und Seven Fifty, da war doch noch irgendwas, wird sich der aufmerksame Leser kritsich erinnern. Vollkommen richtig memoriert: Der Vorläufer der Seven Fifty, offiziell nur in Amerika verkauft, hieß CB 750 Nighthawk (»Nachtfalke«). Und da sich auch ein paar graue Falken über den großen Teich nach Deutschland verirrten: Eine vereinsamte Bremsscheibe am Vorderrad, die Trommelbremse hinten und ein rundlicherer Heckbürzel outen die CB 750 als ausländische Version.
Die RC42, so lautet das Typkürzel der CB 750 Seven Fifty, blieb in ihrer bisherigen Bauzeit von Modellpflegemaßnahmen verschont. Warum auch etwas ändern, wenn alles zuverlässig funktioniert? Das Studieren der zahlreichen eingesandten Leserbriefe gestaltete sich dementsprechend unaufregend: Mal ging während 60000 Kilometern lediglich ein Lämpchen kaputt, mal nach 30000 ein Radlager. Zu den größeren Schäden sind da schon rubbelnde Bremscheiben zu rechnen. Nicht, daß der dann fällige Austausch so kompliziert wäre. Vielmehr ist’s der Ersatzteilpreis: So ein Scheibchen kostet nämlich über 600 Mark. Wieso kostet eigentlich manch innenbelüftete Bremsscheibe für ein Auto nur lumpige 60 Mark?
Apropos Bremsen: Eher sportlichen Naturen ist die Vorderradbremse zu teigig. Die Kombination Stahlflex-Bremsleitung samt dem verstellbaren Bremshebel der VFR 750 F (vom Gebrauchtteile-Händler) bringt eine deutliche Verbesserung. Womit wir dann doch beim Schrauben wären. Der nicht auswaschbare Papier-Luftfilter kostet fast 70 Mark und verschmutzt recht schnell durch vom Hinterrad aufgewirbelten Schmutz. Hier hilft nur Eigenbau, nämlich ein im Innenschutzblech angebrachter Spritzlappen - von den Lesern häufig praktiziert.
Noch häufiger mutiert das urspüngliche Naked Bike mittels Verkleidung zum Tourer. Besonders gern genommen werden die Halbschalen (alle mit TÜV-Gutachten) von Gimbel (Telefon 07667/7014), unlackiert 1398 Mark, JF Motorsport (Telefon 06002/1771), durchgefärbt 779 Mark, Pichler (Telefon 08721/96900), durchgefärbt, 1485 Mark (mit Doppelscheinwerfer 1770 Mark) und Voth (Telefon 07822/86250), unlackiert 1355 Mark.
Dank der sprichwörtlichen Zuverlässigkeit der Seven Fifty gibt es beim Gebrauchtkauf nur sehr wenig zu beachten. Neben den bereits erwähnten rubbelnden Bremsscheiben rutscht hin und wieder die Kupplung: Trotz nicht meßbarem Verschleiß hilft dann nur der Austausch der Reibscheiben samt der Druckfedern. Manchmal rostet der Auspuffsammler, eher also ein Schönheitsfehler. Bei manchen Exemplaren machen die ersten beiden Gänge beim Einlegen recht laute Geräusche - manche mehr, manche weniger, nichts Gefährliches. Und manchmal hat das Motorrad eine auffallend zähe Leistungsentfaltung im unteren Drehzahlbereich, obwohl es sich um die offene Version handeln soll. Meist ist es diesem Fall so, daß der Motor nicht ordnungsgemäß entdrosselt wurde. Dabei wäre es kein Hexenwerk, denn leistungsbestimmend, also ob 73, 50 oder 34 PS, sind lediglich die Ansaugstutzen und die Hauptdüsen samt Düsennadeln (Materialkosten insgesamt rund 320 Mark) Das scheint sich allerdings noch nicht bis zu jeder Werkstatt durchgesprochen zu haben, und so werden in manchen Fällen einfach nur die Stutzen getauscht - wohl nach dem Moto: »Das muß reichen, schließlich steht ja da die Leistung drauf«. Nein, reicht nicht. Wer bei seinem Motorrad ebenfalls diesen begründeten Verdacht hegt, kann sich durch etwas Schrauberei selbst Gewißheit verschaffen: In der 73 PS-Variante müssen in den beiden äußeren Vergasern mit der Aufschrift VE66H 110er und in den beiden inneren 112er Düsen stecken. Heißen die Vergaser dagegen VE66J oder VE66L, sind außen 105er und innen 108er Düsen goldrichtig.
Dennoch, auch wenn die Bedüsung stimmt: Die im Schein eingetragene Höchstgeschwindigkeit von 207 km/h haben wahrscheinlich in Deutschland jemals nur zwei Maschinen gebracht - die Homologations-CB und die Test-CB von MOTORRAD, letztere seinerzeit vermutlich von Honda Deutschland besonders sorgfältig »eingestellt«. Und die Homologationsfahrt wurde damals, wie Leser Martin Aust aus Hagen mutmaßt, mit einem 40 Kilogramm leichten Japaner durchgeführt.
Für eine gebrauchte Seven Fifty muß man noch einen Haufen Geld einkalkulieren. Obwohl die ersten deutschen Modelle mittlerweile schon sechs Jahre alt sind und der Neupreis seinerzeit mit 10900 Mark vergleichsweise niedrig ausfiel, sind auch diese Exemplare kaum unter 6000 Mark zu haben. Das 1993er Modell wird mit rund 7000 Mark, die 1994er Ausgabe mit rund 8000 Mark gehandelt.
Eine neue steht heute mit rund 12700 Mark im Schaufenster. Das Risiko, mit einer Gebrauchten hereinzufallen, ist dagegen recht gering. Warum also neu kaufen? Saubere Finger behält man mit der größten Wahrscheinlichkeit auch beim Kauf einer Gebrauchten.

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