Gebrauchtberatung Japan-Big-Bikes bis 3000 Euro Autobahn-Express

Vor rund 15 Jahren bescherten japanische Big-Bike-Brenner einen knisternden Speedrausch. Heute sind sie günstig zu bekommen, Reisetauglichkeit inklusive.

Foto: Jahn
Wahnsinn: Samstagmorgens Frühstück in München, Mittagsmenü in Köln, zum Kaffee nach Hamburg und abends in die Disco nach Berlin. Am nächsten Tag verkatert von Preußen nach Bayern am Stück. Alles mit dem Motorrad, Biker-Jetset total. Nicht nur Wahnsinn, sondern wahrer Masochismus wäre das, wenn man’s tatsächlich durchziehen würde.
Ginge theoretisch aber, denn mit der richtigen Maschine unterm Hintern ließe sich so eine Brutalo-Tour auf den gut ausgebauten Autobahnen Deutschlands verwirklichen. Als Einspur-ICE empfehlen sich Motorräder mit Dampf, die auch jenseits von 200 km/h nicht nervös werden, die ihren Fahrer hinter Windschutzscheibe und Verkleidung gemütlich beherbergen und ihn mit weichem Motorlauf nicht wie einen Wodka-Martini durchschütteln.
Sie denken jetzt an Kaliber wie Honda CBR 1100 XX Blackbird, Kawasaki ZX-12R, Suzuki Hayabusa 1300 oder Yamaha FJR 1300? Richtig, das sind solche Kanonen, die einen mit Lichtgeschwindigkeit von A nach B ballern. »Beam me up, Scottie«, ist die Ansage, sofern die Straße vor einem glatt wie der Stille Ozean liegt. Allerdings kann sich finanziell nicht jeder den Fahrschein erster Klasse erlauben, da diese Wuchtbrummen selbst gebraucht nicht gerade billig zu bekommen sind.
Ganz anders deren ältere Familienangehörige. Honda CBR 1000 F, Kawasaki ZZ-R 1100, Suzuki GSX 1100 F und Yamaha FJ 1200 hobelten schon mit Highspeed über die Bahn, als Hayabusa und Konsorten noch auf dem Reißbrett schlummerten. Nur durften diese Motorräder Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger
in Deutschland nicht voll aufdrehen –
aufgrund der Leistungsbeschränkung auf 100 PS. Zu Beginn ihrer Karriere versuchten sich die Big Bikes als Sportler. Und machten gegen gleich starke, doch wesentlich leichtere 750er und 600er kaum einen Stich.
Viele Fahrer umgingen freilich die Beschränkung, indem sie ihre Boliden entdrosselten und mit 30 bis 50 Mehr-
PS ihren gewichtigen Motorrädern die
gebührende Souveränität zurückgaben. Ein Leser schrieb damals an MOTORRAD, nachdem er seine ZZ-R 1100 zunächst beschnitten durch die Gegend geschaukelt hatte und dann nach einem kleinen Eingriff auf das volle Leistungspotenzial zurück-
greifen konnte: »150 PS braucht niemand – aber es ist so geil.«
Teilweise sind die Japan-Big-Bikes dieser Epoche nun für unter 3000 Euro zu haben. Kaum ein anderes Motorrad-Genre bietet so viel Motorrad für so wenig Geld, oder besser gesagt, so viele Pferdchen
für so wenige Euro. Wobei es ungerecht wäre, diese Maschinen als reine Autobahn-Brenner zu klassifizieren. Nachdem sie peu à peu ihr Supersportler-Image ablegten und maximal noch als Sumo-Ringer durchgingen, entdeckten immer mehr Käufer die ausgesprochen guten Reise- und Alltagseigenschaften der Fernost-Vierzylinder.
Beladen mit Gepäck und Beifahrer lässt es sich mit den über zehn Jahre alten Boliden auch heute noch stressfrei in den Urlaub fahren. Über Schnellstraßen-Etappen ins Zielgebiet, dort Koffer abschnallen, und dann geht’s ab ins kurvige Landstraßen-Vergnügen. Ebenso gut eignen sich die mehr als fünf Zentner schweren, aber erstaunlich handlichen Big Bikes
für den Alltag und sind etwa für Berufspendler, die nach einem preisgünsti-
gen, soliden und komfortablen Untersatz suchen, äußerst interessant.
An den kräftigen Vierzylinder-Reihenmotoren gab und gibt es wenig zu mäkeln. Nicht nur ihre Laufkultur und Potenz,
sondern auch die Langlebigkeit ist vorbildlich. 100000 Kilometer und mehr stecken regelmäßig gewartete Exemplare locker weg – besonders, wenn es sich um Marathon-Kilometer handelt, die im Idealfall nur von einem oder zwei tourenorientierten Vorbesitzern stammen. Zum Thema »volle Leistung«: Nicht alle Umbauten waren
mit TÜV-Segen, weshalb man beim Gebrauchtkauf auf die Leistungsangabe im Fahrzeugschein achten und diese bei
einer Probefahrt verifizieren sollte. Ist die Maschine als gedrosselt eingetragen, tatsächlich jedoch offen, kann dies bei einem Unfall Schwierigkeiten mit der Versicherung geben. Gegebenenfalls die Maschine lieber beim Händler zum Check vorführen.
Ersatz- und Verschleißteile der einstigen Top-Modelle der jeweiligen Hersteller sind aufgrund von vergleichsweise langen Bauzeiten in der Regel einfach zu bekommen, und auch Gebrauchtteile sind nicht selten. Die altehrwürdigen Flaggschiffe
bevölkern nach wie vor zahlreich unsere Straßen und machen bei entsprechender Pflege so mancher aktuellen Hightech-Maschine ernsthaft Konkurrenz als gediegener, preiswerter Autobahn-Express.

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