Gebrauchtberatung Kawasaki EN 500

Die kleine Flatter

Das große Aufbruchgefühl ist keine Frage der Motorisierung, sondern eher der Zeitvorgabe, des Geldes und der richtigen Einstellung. So gesehen genügt das Mittelklasse- Modell Kawasaki EN 500 auch für die große Flatter. Lediglich der sportlich agile Doppelnocken-Twinmotor, bekannt aus der GPZ 500 S, in der er mit nominell 60 PS vehement zur Sache geht, scheint dem avisierten Chopper-Ideal Abbruch zu tun.
Doch taugt die EN 500, seit 1990 in Deutschland auf dem Markt, trotz ihres eher sportlich veranlagten Triebwerks durchaus zum Choppern. Fast 8000 EN-Treiber und Treiberinnen jedenfalls sitzen auf ihren Maschinen, gleichgültig, ob in der 27-,34-, 46- oder (bis 1995) 50-PS-Version, goldrichtig.
Zwar hat der Reihenmotor mit Wasserkühlung und Sechsganggetriebe nicht unbedingt den vehementen Antritt nahezu dreimal so großer V2-Triebwerke, doch das ist für den Alltagsbetrieb auch nicht von entscheidender Bedeutung. Ab 2000/min jedenfalls hängt der mit einer Ausgleichswelle beruhigte Motor so konstant am Gas und legt in oberen Drehzahlregionen noch einmal so entscheidend zu, daß sich die Langgabel-Treiber der in den meisten Fällen behäbigeren Konkurrenz verwundert die Augen reiben.
Fahrwerkstechnisch bricht die Maschine nicht so deutlich aus dem üblichen Chopper-Rahmen aus. Eine ziemlich weiche Gabel und auf welliger Straße in der Dämpfung schnell überforderte Federbeine bremsen den schon mal übermütig werdenden Vorwärtsdrang schnell wieder ein - Stichwort mangelnde Schräglagenfreiheit. Ebenfalls Chopper-typisch: der fehlende Drehzahlmesser sowie die gewöhnunsbedürftige Lage von Zündschloß und Chokehebel. Auch wenn es keine Besonderheit der EN 500 ist, nerven kann es trotzdem.
1994 brachte Kawasaki das EN-Modell zum ersten Mal mit Drahtspeichenrädern auf den Markt, der Tachometer wurde noch einsamer, weil die bisher unmittelbar daneben plazierte Kontrollampen-Einheit direkt als Konsole an den neugestalteten Lenker wanderte.
Entscheidende Veränderungen wurden der EN 1996 zuteil, um sie im Styling dem neu kreierten VN-800-Design anzupassen. Mit einem völlig neuen, niedrigeren Rahmen mit noch flacher angestellter Gabel, breiterem Tank mit eingelassenem Tachometer, noch breiterem, höherem Lenker und einer neuen Sitzbank schloß die EN 500 die neue Chopper-Offensive optisch eindrucksvoll ab.
Als Konsequenz strengerer Abgas- und Lärmvorschriften mußte auch der seit 1990 unveränderte Twin überarbeitet werden. Zur homogeneren Leistungsentfaltung erhielt er kleinere Vergaser, 25 Prozent mehr Schwungmasse und wurde niedriger verdichtet. Eine neue Zündanlage und sanftere Steuerzeiten mit geänderten Nockenwellen sowie eine neue Auspuffanlage sollten die anscheinend doch allzu sportlichen Qualitäten des Triebwerks passend für den Chopper-Bedarf zähmen. Diese Maßnahmen schränken allerdings auch die offene Version - offiziell wird nur die 34-PS-Version ausgeliefert - auf 46 PS statt vorher 50 PS ein. Eine Umrüstung älterer Maschinen auf 34 oder 50 PS erfolgt über die Gasschieber der Gleichdruck-Vergaser und kostet zirka 300 Mark.
Zwei Tatsachen dieser Modellpflege werden die Fahrer der früheren EN-Maschinen jedoch kaum zu schätzen wissen: Kawasaki ersetzte beim 1996er Jahrgang den ob seiner Wartungsfreiheit hochgeschätzten Zahnriemen-Antrieb durch eine herkömmliche O-Ring-Kette. Und als Konsequenz der neuen Ästhetik geriet die Sitzbank, in der alten Form bei EN-Besitzern für das Choppern zu zweit hochgelobt, leider so unbequem, daß es mit dem Spaß hintendrauf vorbei ist.
Unabhängig des Baujahrs gilt: Wer das Leistungspotential der wendigen, flinken Maschine auszunutzt, muß auf den umsichtigen Einsatz der Bremsen achten. Denn anders als bei tourensportlichen Maschinen muß ein vorausschauender EN 500-Fahrer auch mit dem hinteren Stopper, in diesem Fall einer simplen Trommelbremse, verzögern, da die Einscheiben-Anlage vorn beim heftigen Zupacken einen exakten Druckpunkt vermissen läßt und bei ausgedehnter Bergabfahrt zum Fading neigt.
Was die Erfahrungen mit dem Zweizylindermotor anbelangt, gibt es in den Lesererfahrungen der EN 500-Klientel kaum Vorbehalte. Die Fahrleistungen sowohl der 34- als auch der 50-PS-Version sowie die Langlebigkeit und Zuverlässigkeit des Triebwerks werden einhellig gelobt. Das etwas häufigere Schalten im Sechsganggetriebe gegenüber großvolumigeren Modellen wird zwar registriert, aber mit dem kräftigen Antritt des Motors bei Drehzahlen über 5000/min wieder gutgemacht. Anders als bei der GPZ 500 S (siehe auch Langstreckentest MOTORRAD 18/1988) ist das Triebwerk im Chopper-Modell - wohl bedingt durch die sanftere Inanspruchnahme - nicht so gefordert. Und so sind Laufleistungen über 50 000 Kilometer locker möglich.
Der Zahnriemen ist ebenfalls sehr langlebig, ein Wechsel ist ungefähr alle 40 000 Kilometer nötig. Dann wird’s allerdings teuer, die benötigten Teile summieren sich auf rund 1000 Mark. Übrigens, wenn’s hinten quietscht, liegt das sehr häufig an angesammelten Schmutzpartikel im Endantrieb. In den meisten Fällen sorgt bereits eine gründliche Reinigung mit warmem Wasser und Bürste für Abhilfe.
Aufgrund der Zuverlässigkeit der En 500 ist der Kauf aus zweiter Hand recht unproblematisch. Der Neupreis liegt heute bei knapp 11000 Mark. Für Gebrauchte der Jahrgänge 1990 bis 1995 werden, je nach Laufleistung, zwischen knapp 4000 Mark (rund 50000 Kilometer) und knapp 8000 Mark (rund 10000 Kilometer) verlangt. Interessenten, die auf das 1996er Modell scharf sind, müssen noch mehr hinlegen, dafür aber auf einen gescheiten Soziusplatz und den Zahnriemen verzichten.



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Lesererfahrung - Kawasaki EN 500 (GK)

Kawasaki EN 500-Treiber sind genügsame und zufriedene Kunden. Nur wenn der Zahnrienantrieb quietscht, fühlen sie sich unbehaglich.
Nach vielen Händlerbesuchen und Probefahrten kaufte ich Anfang 1995 eine neue EN 500. Die Begeisterung für dieses Motorrad war und ist groß. Allerdings habe ich schnell Umbauten vorgenommen, die erst ein wirklich gutes Choppergefühl aufkommen lassen, wie zum Beispiel vorverlegte Fußrasten von Seeger, einen breiten Lenker von Hagen und Stahlflex-Bremsleitungen von Lukas, um den Druckpunkt zu verbessern.Peter Seher, ErkenschwickMeine Kawasaki EN 500, Baujahr 1992, kaufte ich im Juni 1996 mit 17 500 Kilometern für 5500 Mark. Mittlerweile habe ich 4500 Kilometer zurückgelegt und bin begeistert. Bei einer Körpergröße von 1,70 Meter erreiche ich mit den Füßen den Boden gut. Leider besitzt das Motorrad keinen Hauptständer, was den Ausbau der Räder erheblich erschwert. Das Zündschloß wäre im Bereich des Lenkers besser angebracht. Ärgerlich, wenn bei voller Fahrt auf Reserve umgeschaltet werden muß. Der Hahn ist kaum zu finden und die Umstellung so fummelig, daß das mit Handschuhen nicht immer gelingt. Ein weiteres Ärgernis ist der Chokehebel. Er besitzt nur zwei Stufen und läßt sich nicht stufenlos regeln. Bei Stufe zwei heult der Motor jämmerlich, und Stufe eins ist bei winterlichen Temperaturen nicht ausreichend.Eva Isele, Lauchringen Meine EN 500 kaufte ich im Frühjahr 1991 neu. Die Maschine hat 50 PS und ist sehr spritzig. An Ampeln wundern sich so manche Mopedfahrer, daß ich sie mit meinem Chopper alt aussehen lasse. Derzeitiger Kilometerstand: 94 000. Die Maschine wird fast täglich im Sommer wie im Winter 50 Kilometer bewegt plus einer großen Urlaubstour von 3000 Kilometer jährlich. Bisher habe ich neben normalem Verschleiß nur einen außergewöhnlichen Schaden zu verzeichnen. Nach rund 38 000 Kilometern riß mir der Antriebsriemen. Der Riemen kostete 1993 (ohne Einbau) 422 Mark. Einen Kulanzantrag schmetterte die Firma Kawasaki ab. Bei Kilometerstand 86 800 war 1996 wieder ein neuer Zahnriemen fällig - jetzt verlangte Kawasaki fast 750 Mark. Für mich unverständlich, wieso ein Stück Gummi so viel Geld kostet. Mit den Metzeler-Marathon-Reifen fahre ich finanziell am besten. Der Hinterradreifen hält im Schnitt 15 000, der Vorderradreifen 30 000 Kilometer. Die Sitzposition ist für mich mit einer Größe von 1,75 Meter genau richtig. Auch die Soziustauglichkeit ist außergewöhnlich gut. Ich würde die EN 500 immer wieder kaufen, obwohl sie etwas seltsam aussieht.Christoph Gülden, Zülpich (( 100-Mark.Tip))Meine EN kaufte ich 1993 und habe seitdem rund 35 000 Kilometer zurückgelegt. Der Motor ist zuverlässig und springt immer an - auch bei Temperaturen unter null Grad. Für die kalte Jahreszeit ist es ratsam, die Leerlaufdrehzahl etwas zu erhöhen, um das Kaltstartverhalten noch zu verbessern. Für kurze Strecken im Winter machen sogar Zündkerzen mit niedrigerem Wärmewert (NGK DR 8 ES-L) Sinn. Mit zusätzlichen Kabelbindern und einer günstigeren Verlegung habe ich diverse Kabel anders verlegt, um Hitzeschäden vorzubeugen. Besonders nervig war auch, daß die Schraube für den vorderen Sitzbank-Haltehaken häufiger verloren ging. Eine passende Senkkopfschraube mit zwei Unterlegscheiben schaffte Abhilfe. Um die Seitendeckel diebstahlsicher zu machen, habe ich Schlauchklemmen so befestigt, daß die Schraubenschlitze nur von oben bei abgenommener Sitzbank erreichbar sind. Im Zwei-Personen-Betrieb schlagen die Federbeine schon mal durch.Bernd Gohlicke, Laufen

Technische Daten - Kawasaki EN 500 (GK)

Kawasaki EN 500Technische DatenMotorWassergekühlter Zweizylinder-Viertaktmotor, zwei obenliegende kettengetriebene Nockenwellen, je vier über Gabelschlepphebel betätigte Ventile pro Zylinder, eine Ausgleichswelle, gleitgelagerte Kurbelwelle, kontaktlose Zündanlage mit elektronischer Zündverstellung, zwei Keihin-Gleichdruckvergaser, 0 34 mm, Drehstromlichtmaschine 238 Watt, Batterie 12V/12Ah, E-Starter.Bohrung x Hub 74 x 58 mmHubraum 499 cm3Verdichtungsverhältnis 10,8 : 1Nennleistung 34 PS (25 kW) bei 7500/minMax. Drehmoment 4,0 kpm (39 Nm) bei 4200/minKraftübertragungPrimärantrieb über Kette, Mehrscheibenkupplung im Ölbad, klauengeschaltetes Sechsganggetriebe, Sekundärantrieb über ZahnriemenFahrwerkDoppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Standrohrdurchmesser 36 Millimeter, Steuerkopf kegelrollengelagert, Hinterradschwinge nadelgelagert, zwei Federbeine hinten, Federbasis verstellbar, Scheibenbremse mit Einkolbensätteln vorn, 300 mm, Trommelbremse hinten, 180 mm, SpeichenräderFederweg vorn/hinten 150/100 mmFelgengrößevorn 2.15 x 19hinten 3.00 x 15 Reifengrößevorn 100/90 S 19hinten 140/90 S 15Maße und GewichteLenkkopfwinkel 59 GradNachlauf 134 mmLänge 2280 mmRadstand 1545 mmSitzhöhe 720 mmLenkerbreite 700 mmTankinhalt/Reserve 11/2,0 LiterGewicht vollgetankt 201 kgZul. Gesamtgewicht 380 kgService DatenService-Intervalle alle 5000 kmÖlwechsel mit Filter alle 10 000 kmMotoröl SAE 10 W 40Füllmengemit/ohne Filter 3,0/2,8 LiterZündkerzen NGK DR 8 ESTelegabelöl SAE 10 W 20Füllmenge je Holm 365 cm3Ventilspiel kalt Einlaß 0,13 bis 0,18 mm Auslaß 0,18 bis 0,23 mm TestwerteHöchstgeschwindigkeit solo/mit Sozius 150/138 km/hBeschleunigung 0-100 km/h solo/mit Sozius 7,9/10,9 sekVerbrauch 5,5 LiterKraftstoff Normal Ersatzteil-PreiseSturzteileKupplungs-Armatur 112 MarkLenker 129 MarkRückspiegel 93 MarkBlinker vorn 61 MarkTachometer 592 MarkGabelstandrohr 166 MarkSchutzblech vorn 168 MarkVorderrad 685 MarkSchalldämpfer 516 MarkTank, lackiert 1060 MarkRahmen komplett 1454 MarkVerschleißteileAntriebsriemen-Kit 988 MarkBremsbeläge vorn und hinten 125 MarkKupplungsbeläge, ein Satz 113 MarkBremsscheibe vorn 777 MarkLuftfilter 32 MarkÖlfilter 14 Mark Stärken und SchwächenStärkenAgiler, drehzahlfester MotorLeichtes, narrensicheres Handling soziusfreundlich (bis 1995)SchwächenBenzinhahn und Zündschloß ungünstig plaziertZu weiche FederelementeGewöhnungsbedürftiges Styling Test in MOTORRAD1Test 6/1990Vergleichstest 11/1990Test 6/1994Konzept-Vergleich 15/1994Fahrbericht 5/1996Test 11/1996Vergleichstest 15/1996 Reifenfreigaben Typ EN 500 C 2vorn hinten100/90 - 19 57 S TT 140/90 - 15 MC 70 S TTkeine MarkenbindungFußnoten:1Tests können beim Verlag bestellt werden, Telefon siehe Kasten auf Seite xxx.

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