Gebrauchtberatung Kawasaki VN 800/Classic Chamäleon

Wie die Echse die Farbe wechselt Kawasaki das Design der VN 800. Doch egal, ob Chopper oder Cruiser, die Gebrauchtpreise fallen zur Zeit für beide Modelle.

Als Kawasaki mit der VN 800 auf der IFMA 1994 die bisher gelungenste Kopie einer Harley Softail Custom präsentierte, schüttelten nicht nur die Anhänger der US-Marke ungläubig den Kopf. Der sonst ruhige Designer und Kollege von Willie G.Davidson, Lou Netz, verlor seine Contenance und konnte nur mit Mühe davon abgehalten werden, mit den Verantwortlichen auf dem Kawasaki-Stand Tacheles zu reden.
Was die Japaner nicht davon abhielt, 1996 mit der Classic-Version – kleineres, dickeres 16-Zoll-Vorderrad, protzig umhüllte Gabel und großdimensionierte Schutzbleche – die nächste Softail nachzuschieben, diesmal ein Fat Boy-Plagiat. Von beiden Modellen hat Kawasaki bis heute in Deutschland mehr als 11000 Stück verkauft, wobei von der Classic mehr als doppelt so viel wie von der VN 800 mit dem schmalen 21-Zoll-Vorderrad unterwegs sind.
Mit der Drifter, die Reminiszenzen an die 1953 verblichene US-Marke Indian wecken soll, boten sie für 1999 ein dritte Variante an. Doch vergangenes Jahr waren die Absatzzahlen der VN 800 rückläufig, Kawasaki nahm die Basisversion dieses Jahr vom Markt. Der noch verbliebene Rest bei den Händlern wird weit unter dem letztjährigen Richtpreis von 13590 Mark angeboten.
Das von MOTORRAD gefahrene Exemplar der VN 800 Classic kommt aus der Stuttgarter Schwabengarage, eigentlich ein Honda-Händler, der die Maschine in Zahlung genommen hatte. Mit nur 73 Zentimetern Sitzhöhe haben auch kurzbeinige Piloten auf den VN 800-Modellen sicheren Bodenkontakt. Für Fahrer unter 1,65 Meter allerdings ist die weit vorn platzierte Fußrastenanlage für stressfreies Schalten und Bremsen zu weit weg. Der hohe, breite Lenker samt leichtgängigen Armaturen liegt gut zu Händen. Das Handling nach dem Start erweist sich als relativ easy, viel leichter, als das etwas füllige Aussehen und der lange Radstand vermuten lassen.
Weniger gelungen wirkt die Fahrwerksabstimmung. Während die Telegabel komfortabel arbeitet und sich lediglich bei kräftigeren Bremsmanövern auf unebenem Straßenbelag etwas verwindet, gibt sich das gut in der Dreiecksschwinge versteckte Federbein hinten bei forcierter Gangart auf Bodenwellen hart und etwas störrisch. Die so ausgeteilten Schläge fahren dem Piloten direktement ins Kreuz. Forscheren Schräglagen stehen jedoch ohnehin der früh aufsetzende Seitenständer, rechts der Schalldämpfer im Wege.
Kritk gibt es auch bei den Bremsen. Vorn bedarf es zu kräftigem Verzögern der immerhin mehr als fünf Zentner wiegenden Vn 800 einer kräftig zupackenden rechten Hand. Und die Unterstützung mit dem Bremsfuß zeigt nur eine sehr lasche Wirkung. Hier hätte Kawasaki besser die Scheibenbremse aktueller Harley kopiert. American Style ist hingegen der Tacho auf der Tankkonsole, der die Montage eines Rucksacks verhindert, ebenso die etwas abstruse Lage des Zündschlosses unter dem linken Oberschenkel und die unbequeme Position des Chokes direkt am Vergaser.
Sehr überzeugend arbeitet aber der 55-Grad-V-Twin. Seine Leistungsbereitschaft zwischen 2000 und 8000 Touren ist beeindruckend, und mittels Ausgleichswelle werkelt der Motor fast vibrationsfrei. Schade nur, dass der Fahrer von dem agilen Triebwerks akustisch nicht viel mitbekommt. Neben einer Harley oder Ducati, ja selbst neben sportlichen Vierzylindern japanischer Provenienz kommt die Classic wie im Stummfilm daher.
Dafür ist der Motor ausgesprochen haltbar. Zwar sind die jährlichen Kilometerleistungen gegenüber der Sport- und Tourerfraktion in der Regel geringer, aber mehr als 40000 Kilometer haben betagtere Exemplare auch rschon unter. Trotzdem: Schäden sind nicht bekannt. Lediglich 1995 gab es einen Rückruf beim Basismodell. Zwischen Fahrgestell-Nummer VN 800 A-000020 bis 009823 konnte ein schlecht gehärtetes Schloss für einen Riss der Kette sorgen. Und bei diesem Jahrgang gaben, wie sich Händler Ingo Heller im norddeutschen St. Michaelisdorn erinnert, »einige Ruckdämpfer in der Ausgleichswelle ihren Geist auf«.
Auch über das Kapitel Modelländerungen gibt es nicht viel zu berichten. Ab 1997 wurden der erste und zweite Gang beim A-Modell etwas länger und die Sekundärübersetzung etwas kürzer ausgelegt.
Die gefahrene VN 800 Classic, Baujahr 1999, hatte 4000 Kilometer auf dem Zähler, als Verhandlungsbasis wurden 11990 Mark genannt. Das sind 2500 Mark unter dem Listenpreis. Da dürfte also noch Verhandlungsspielraum drin sein. Den hat man auch, je nachdem, welches Zubehör aus dem reichhaltigen Angebot dran ist. Ob es gefällt und ob TÜV-relevante Teile wie eine andere Auspuff- oder Fußrastenanlage eingetragen sind. Billiger als eine Softail oder Fat Boy gibt’s gebrauchte VN 800 jedenfalls allemal.

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