Gebrauchtberatung Kawasaki W 650 Für Nostalgiker

Der Start der Kawasaki W 650 war rasant. Heute läuft ihr die stärkere Triumph Bonneville davon. Doch für genussfrohe Nostalgiker bleibt die W das Schnäppchen.

Foto: Gargolov
Gebrauchtberatung Kawasaki W 650
Gebrauchtberatung Kawasaki W 650
Laien halten sie beim ersten Anblick für einen herrlich solide restaurierten Oldtimer aus den sechziger Jahren. Und glauben bei dem Hinweis, dass es die W 650 nagelneu beim nächsten Kawasaki-Händler zu kaufen gibt, man wolle sie auf den Arm nehmen. Das schlichte W als Bezeichnung übernahm das 1999 präsentierte Modell vom Kawasaki-Vorläufer-Twin, der 1965 als W1 wiederum die britische BSA A10 zum Ahnen hatte.
Das Design der britischen Twins aus jener Zeit kopierte Kawasaki bei der W 650 so exakt, dass selbst Experten verblüfft mit dem Kopf schüttelten. Mit der ans Motorgehäuse zum Antrieb der Nockenwelle applizierten Königswelle à la Ducati-Tradition war dem Retro-Bike sozusagen die Krone aufgesetzt worden.
Das Kalkül mit nostalgischem Look und modernem Herz, einem robusten, nicht auf hohe Drehzahlen ausgelegten Langhuber und Vierventiler, ging in den ersten beiden Produktionsjahren auf. Mit dem Erscheinen der Triumph Bonneville war es mit dem Aufwind der W vorbei. Die traditionsbewusste Klientel der Retro-Bike-Fraktion griff das englische Original zurück – aus ganz profanem Grund. Deren Motor hatte mehr Hubraum und Leistung zu bieten.
Damit freilich eröffnet sich eine Chance für die Interessenten der W 650, eines der mehr als 3000 zugelassenen Exemplare günstig zu erstehen. Im 50000-Kilometer-Langstreckentest von MOTORRAD (3/2001) überzeugte die Kawasaki mit einem erstaunlich soliden Auftreten. Erstaunlich deshalb, weil dem Zweizylinder auf großen Urlaubstouren Alpenpässe und Autobahnkilometer en masse in relativ kurzer Zeit zugemutet wurden, ein Pensum, das für die avisierte Kundschaft eher untypisch ist.
Das mit dem hohen Originallenker der ersten beiden Jahre auftretende Pendeln ab 120 km/h kann mit dem flacheren Pendant auf ein erträgliches Maß minimiert werden, das Kawasaki seit 2001 alternativ montiert. Empfindlich reagiert die Vorderpartie auf einen abgefahrenen Reifen. MOTORRAD machte mit dem Dunlop TT100 GP die besten Erfahrungen.
Ein Kritikpunkt bei der W ist ihre zu lange Sekundärübersetzung (15:39), die vor allem dem fünften Gang Probleme macht. Abhilfe mit einem 14er-Ritzel vorn oder einem bis zu 43 Zähne zählenden Kettenblatt hinten ist technisch kein Problem, aber ohne finanziell aufwendiges Prüfverfahren mit Eintragung in die Papiere leider illegal.
Dem Patschen in der Auspuffanlage im Schiebebetrieb war im Langstreckentest mit mehrmaliger Vergaser-Synchronisierung beizukommen. Ursache kann aber auch die defekte Dichtung im Interferenzrohr zwischen den Schalldämpfern sein. Per Händlerschreiben mahnte Kawasaki eine mögliche Fehlfunktion der Vergaserheizung an, deren elektrischer Massenanschluss kontrolliert werden muss. Klappernde Geräusche im Scheinwerfer verschwanden mit zwei Gummis von Bierflaschen mit Bügelverschluss, die zwischen Halterung und Gehäuse geklemmt wurden. Um das von Vibrationen zu Rissen neigende Kennzeichen zu schützen, montierte MOTORRAD eine Gummiplatte auf den Nummerschildhalter.
Alles Kleinigkeit. Insgesamt zeigt die W 650 auf überzeugende Weise, wie zuverlässig und haltbar der Traum eines Klassikers realisiert werden kann. An günstigen Gebrauchtangeboten jedenfalls herrscht kein Mangel.



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